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27.01.2008 - Stanley: Die spinnen, die Briten

Haben Sie jemals von Schubkarrenrennen als Nationalsport gehört? Auf den Falklandinseln ist er es. In Stanley, der Hauptstadt, trifft die Crew der stern.de Antarktis-Expedition den Gewinner.

Unser letzter Stopp in der Zivilisation ist very British: Stanley, die Hauptstadt der Falklandinseln, empfängt die "Bremen" mit Nebel und Nieselregen. Das Kleingeld in der Tasche reicht für zwei bis drei Pints im Pub der Stadt, dem "Globe". Heute schreibt Ihnen nicht Michael Poliza, sondern ich, Oliver Krüger. Ich bin Biologe und gehöre zum Lektoren-Team des Schiffes. Normalerweise teile ich mein Wissen nur mit den Passagieren an Bord – heute auch mit Ihnen.

Auf dem Weg ins Globe schlendere ich zusammen mit anderen Passagieren an der Kaimauer entlang und entdecke im Flachwasser Kleinigkeiten, die es sich zu fotografieren lohnt: Zerfetzter Seetang, der dem letzten Sturm nicht standhielt, Muscheln und Algen kommen mir vor die Linse – alles Nahrung der flugunfähigen Falkland-Dampfschiffente. Der seltsame Name des Tieres rührt daher, dass die Enten in Ermangelung von Landraubtieren ihre Flugfähigkeit verloren haben und wie ein Schaufelraddampfer durchs Wasser rudern, wenn sie denn mal schnell das Weite suchen müssen. Mit ihren Stummelflügeln sehen sie ehrlich gesagt ziemlich hässlich aus, aber der Falkländer sagt, in der Pfanne machen sie sich gut.

Apropos Pfanne: Zum Mittagessen im Globe trifft sich die High Society von Stanley zu Guinness und den traditionellen Fish und Chips. Wir treffen Jerry, den Gewinner des alljährlich stattfindenden Schubkarrenrennens. Das funktioniert so: Die Kandidaten treten paarweise an, der Mann läuft auf Händen und wird von hinten an den Beinen von seiner Frau angeschoben. England, das Mutterland vieler Sportarten, die dann von anderen Nationen übernommen und besser ausgeführt werden, geht offensichtlich die Fantasie nicht aus. Man darf auf den 100-Meter-Endlauf im Schubkarrenrennen bei den Olympischen Spielen 2024 gespannt sein. Jerry ist auf jeden Fall mächtig stolz auf seinen ersten Platz und zeigt uns gleich seine Künste. Aufgrund des Guinnesspegels gibt es Abzüge in der B-Note, aber wir geben uns tief beeindruckt.

Letzter Stopp in der Zivilisation

Dann heißt es Abschied nehmen von Stanley und den Segnungen der Zivilisation. In den nächsten zwei Wochen werden wir keine Straßen, Autos oder Männer ohne Vollbärte mehr sehen. Wir freuen uns drauf.

Am anderen Morgen klingelt der Wecker bereits um sechs Uhr. Heute werden wir nur auf See sein, erst am Mittwoch werden wir wieder Land erreichen: Südgeorgien. Trotz der gestrigen langen "Arbeitsbesprechung" bei Rotwein und Käse schwankt es nicht, was wohl auch mit dem moderaten Seegang zu tun hat. Durch die Wolken scheint die Sonne. Wir hatten inzwischen schon wissenschaftliche Theorien aufgestellt, was denn mit ihr passiert sein könnte. Aber nun ist sie unter uns. Hinter dem Schiff herrscht ein munteres Treiben, Riesensturmvögel und bis zu vier verschiedene Albatrosarten umkreisen das Heck der "Bremen". Durch die Schiffsschrauben wird die Wassersäule durchmischt, was Tintenfische und Fische näher an die Oberfläche bringt, wo sie für die Vögel leichtere Beute sind.

Wanderalbatrosse begleiten das Schiff

Unter ihnen sind auch zwei Wanderalbatrosse, die größten flugfähigen Vögel überhaupt. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 3,50 m gleiten sie ohne einen Flügelschlag knapp über die Wellengänge, ein unglaublich ästhetisches Schauspiel. Bis zu 1000 Kilometer pro Tag legen diese Wanderer über dem südlichen Ozean zurück und verbrauchen dabei nur zwei Prozent mehr Stoffwechselenergie, als wenn sie schliefen.

Für mich ist es immer ein absoluter Höhepunkt, diesen Luftästheten zuzuschauen, und ich hoffe inständig, dass wir übermorgen die geplanten Anlandungen machen können. An einem Tag über 100.000 Königspinguine in der Kolonie von Salisbury Plain und dazu die brütenden Wanderalbatrosse auf Prion Island zu sehen – etwas Schöneres gibt es für einen Biologen und für einen Fotografen kaum. Drücken Sie uns bitte die Daumen, dass es klappt.

Schiff ahoi
Ihr Oliver Krüger

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