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Urban-Challenge: Wettkampf der Roboter-Autos

Sie heißen Knight Rider, Boss und TerraMax, Junior, Skynet und AnnieWay. Roboter-Autos, ausschließlich gelenkt von Computern. Beim "Urban Challenge 2007" mussten sie beweisen, dass sie fahrerlos durch die Stadt fahren können - und nirgends anecken.

Von Michael Specht

Die verlassene Siedlung auf dem ehemaligen Luftwaffenstützpunk von Victorville, eine gute Autostunde nordwestlich von Los Angeles gleicht einer Geisterstadt. Noch vor wenigen Jahren wohnten hier die Familien der stationierten Airforce-Piloten. Jetzt ist sie Austragungsort der "Urban Challenge 2007", ins Leben gerufen von der DARPA, der Forschungsabteilung des US-Verteidigunsministeriums. Die hat demjenigen Team zwei Millionen Dollar versprochen, das es schafft, ein Fahrzeug, nur von Computern gelenkt, in maximal sechs Stunden 60 Meilen (96 km) unfallfrei durch eine Stadt fahren zu lassen. Der Zweite erhält noch eine Million, der Dritte 500.000 Dollar.

Solche Summen motivieren, ließen ungezählte Computerfreaks, Tüftler und Hacker Programme schreiben und Nachtschichten schieben. Schon vor drei Jahren rief die DARPA zu einem fahrerlosen Rennen durch die Wüste auf. Ein Desaster. Die Autos fuhren orientierungslos im Kreis, landeten in Gräben, knallten gegen Felsen. Keines kam an. Ein Jahr später das gleiche Spiel, wieder eine "Desert Challenge". Die Teilnehmer aber hatten enorm dazu gelernt, neue Teams kamen hinzu. Wie jenes der Stanford Universität von Kalifornien. Ihr VW Touareg "Stanley" meisterte die 200 Kilometer offroad und gewann das Rennen auf Anhieb.

Noch nie fuhren Roboter gegen Roboter

Für die DARPA steckt Kalkül dahinter. Sollen doch bis zum Jahr 2015 ein Drittel aller bodengestützten Militär-Fahrzeuge fahrerlos unterwegs sein. Um angeblich Soldaten in kritischen Gebieten nicht zu gefährden. Doch bis solche Fahrzeuge wirklich einsatzfähig sind, braucht es noch viel Gehirnschmalz. Daher verlegte DARPA nun das dritte Rennen von der Wüste in eine städtische Kulisse. Für die Teams eine sehr viel komplexere Aufgabe. "Dies ist ein Software-Wettbewerb, keine Frage von Sensoren, egal, ob Laser, Video oder Radar", sagt Professor Sebastian Thrun vom Stanford Racing Team.

Roboter müssen mit Roboter kommunizieren. Sie müssen nicht nur Hindernisse auf der Straße erkennen und ihnen geschickt ausweichen, sondern auch wer wann an einer Kreuzung Vorfahrt hat. Solch einen Wettbewerb hat es auf der Welt noch nie gegeben. Zudem mischen sich 40 DARPA-Autos unter die Teilnehmer, um reale Verkehrsgeschehen zu simulieren - und natürlich zu überwachen, dass keines der herrenlosen Autos irgendwo in den Vorgarten prescht.

Elektronik für 200.000 Dollar auf dem Dach

36 Teams kamen in die Qualifikation, nur elf erreichten das Finale. Die Roboter-Autos zu beobachten, gleicht einem Sience Fiction-Film. Herrenlos drehen sie ihre Runden durch die Siedlung, sie kommen sich mit fast 50 km/h entgegen, bremsen an Einmündungen, biegen erst ab, nachdem andere Autos passiert haben. Ihre Lasescanner sondieren Kantsteine und Linien, die Navigation sagt ihnen, wo ein Stoppschild steht, Radar erfasst die Umgebung. Passat "Junior" des Stanford-Teams macht das so flüssig, man könnte glatt denken, da sitzt ein Mensch hinter dem Lenkrad.

Irrsinniges Überholmanöver

Reichlich Unterstützung erhält "Junior" von Volkswagen, genauer vom VW Electronic Research Laboratory in Kalifornien. Denn, was heute der Roboter-Passat an sündhaft teuren Elektronik-Geräten noch auf dem Dach hat, soll schon bald als Fahrerassistenzsystem ins Auto fließen und das Fahren sicherer machen, einzig mit dem Ziel, die Unfallrate weiter zu senken.

Das Ziel lautet, die Welt zu verändern

Schon jetzt bieten VW und andere Hersteller Spurhaltesysteme oder ein automatisches Einparksystem in Serie an, ebenso ein Abstandsradar, dass in Notfällen selbstständig bremst. "Junior"-Vater Sebastian Thrun sieht am Horizont bereits das autonome Auto, das seinen Besitzer selbstständig zur Arbeit fährt, sich seinen Parkplatz sucht und "Herrchen" abends wieder abholt. Nicht in zehn, aber in vielleicht in 20 Jahren. "Blinde werden eines Tages fahren können", sagt der 42-jährige Professor. "Es wird keine Unfälle mehr geben. Wir wollen hier nicht das Rennen gewinnen, wir wollen die Welt verändern."

Die "Urban Challenge 2007" gewann ein anderer: der Chevy-SUV "Boss" der Carnegie Mellon Universität von Pittsburg. Dies, obwohl "Junior" nach fünf Stunden und 45 Minuten als Erster über die Ziellinie fährt. Doch die Zeit war nicht das einzig Entscheidende. "Boss" hatte letztlich ein paar "Tickets" weniger am Scheibenwischer.

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