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Google auf der CES: Wer was wird, wird Videothekar

Die Gerüchteküche kocht wegen eines angeblichen Google-PC. Larry Page ist das egal. Der Google-Mitgründer legt auf der CES einen eigenwilligen Auftritt hin - und stellt statt Hardware einen Videoladen und ein Softwarepaket vor.

Von Ralf Sander, Las Vegas

Irgendwie gehört er nicht dorthin, auf die Bühne des Hilton-Hotels, am Rande des Convention Centers von Las Vegas, in dem die Consumer Electronics Show stattfindet. Branchengrößen wie Microsoft-Gründer Bill Gates, Intel-Chef Paul Otellini und Sony-Oberhaupt Howard Stringer hatten vor ihm hier ihre "Keynotes"-Ansprachen gehalten und dabei nach allen Regeln der Kunst dick aufgetragen. Das hier ist Las Vegas, die Stadt der Shows! Doch Larry Page steht dort unten in einem Laborkittel und zerschlissenen Jeans, nuschelt und leiert mit gleichförmiger Stimme über die zurzeit heißeste Firma, seine Firma: Google, die er gemeinsam mit Sergej Brin an der Uni in Stanford gegründet hat. Die Uni. Immer wieder kommt Page auf diese alte Zeit zurück. Vielleicht ist sein rumpeliger Studentencharme eiskaltes Kalkül, vielleicht aber auch nicht. Sein Auftritt wirkt unbeholfen und gleichzeitig authentisch. Vor dem inneren Auge des Beobachters entsteht das Bild des millionenschweren Unternehmers Page, wie er geistesabwesend hinter der Bühne über Rudel von Rhetorik-Trainern klettert, die ihre Dienste anbieten wollen.

Für solche gedankliche Abschweifungen bietet Pages Keynote in der ersten Hälfte leider einigen Anlass. Bis es schließlich konkret wird, hat Page ein Roboter-gesteuertes Fahrzeug namens Stanley vorgeführt. Und darüber philosophiert, wie schön es doch wäre, wenn man alle Geräte einfach miteinander verbinden könnte, ohne Ärger mit unterschiedlichen Steckern und inkompatibler Software zu haben. Okay...

Endlich: neue Produkte

Der Wecker für das einnickende Publikum hat die Form eines Rucksacks. Page packt doch noch ein erstes neues Produkt aus: Google Pack. Ein kostenloses Softwarepaket mit allem, was Google für den Betrieb eines Windows-PC für unverzichtbar hält: den Webbrowser Firefox, ein Antivirus-Programm von Norton, das Anti-Spyware-Programm Ad Aware, Adobes PDF-Reader, den Instant Messenger von Trillian sowie Audio- und Video-Player von Real. Außerdem dabei: sieben Programme aus dem eigenen Haus (Alerts, Desktop, Earth, Picasa, Talk, Toolbar und Video Player). Installiert, verwaltet und ständig auf dem neuesten Stand gehalten wird das Paket über den so genannten Google Updater.

Das ist ganz nett, aber nicht wirklich mitreißend. Das wissen offenbar auch die Leute von Google - und schicken einen Profi auf die Bühne, um das Publikum aus seiner Lethargie zu wecken: Robin Williams, in Deutschland vor allem als Filmschauspieler bekannt, brilliert als Stand-up-Komiker. Als habe man ihm Google ins Gehirn eingepflanzt, spuckt er zu jedem Begriff, den Page ihm nennt, eine Flut absurder, böser und sehr komischer "Suchergebnisse" aus.

Google macht den Videostar

Auf diese Weise wachgelacht, ist man nun bereit, sich auf die Hauptattraktion der Show zu konzentrieren: den Google Video Store. Google Video gibt es bereits seit einiger Zeit und ermöglicht die einfache Veröffentlichung von Filmdateien im Internet. Dieser Dienst bekommt nun eine kommerzielle Komponente. Wer glaubt, mit seinen Werken Geld verdienen zu können, kann diese im Google Video Store veröffentlichen. Den Preis kann jeder Anbieter selbst festlegen. Google greift mit dem Store direkt andere Downloadangebote wie Apples iTunes an, denn es wird nicht nur Videos von Privatpersonen oder kleinen Produktionsfirmen geben: Der US-Fernsehsender CBS wird Shows und Serien (darunter Aktuelles wie "CSI" und allerhand "Star Trek") anbieten, dazu kommen Basketballspiele der NBA, Musikvideos von Sony BMG und Beiträge kleinerer Anbieter. Die Filme können gemietet oder gekauft werden. Zum Start verspricht Google einen Bestand von einigen Tausend Videos, der ständig erweitert werden soll. Das Angebot gilt zunächst nur für die USA, für andere Länder müssen die Verwertungsrechte noch geklärt werden.

Und der Google-PC?

Eine Videothek - das ist Googles Highlight für die CES. Und der superbillige Google-PC, über den im Vorfeld in der US-Presse viel spekuliert wurde? Der kommt genau einmal zur Sprache, als am Ende seines Vortrags Larry Page Fragen aus dem Publikum beantwortet, tatkräftig unterstützt von Robin Williams. Ein Journalist von der BBC fragt nach dem Gerücht. Page antwortet, indem er die Nachricht "Kein Kommentar" auf viele Sätze auswalzt - und schließlich an Williams übergibt, auf dass dieser den Fragenden verspotte.

Was lernen wir aus dieser eigenwilligen Google-Veranstaltung? Wer sich als redegehemmter Computerfreak bei Witzbedarf einfach einen Weltklassekomiker an die Seite stellen kann, der hat es wirklich geschafft.