HOME

Block Island in Neuengland: Nichtstun mit Meerblick

Barack Obama verbringt seinen Sommerurlaub bei den Prominenten auf Martha's Vineyard. Dagegen kennt die Nachbarinsel kaum einer. Block Island hütet sein leises Glück: Mit 950 ständigen Einwohnern und 25 Kilometern Strand ist die Insel ein Reservat sorgloser Leichtigkeit.

Von Hannah Glaser

Die Insel des anderen Amerikas: Große Natur auf kleinstem Raum
In der Bar "The Bar" auf Block Island hängen die Paddel an der Wand.  Klar: Keiner will hier weg

In der Bar "The Bar" auf Block Island hängen die Paddel an der Wand. Klar: Keiner will hier weg

Die junge Frau steht barfuß an der Reling, weißer Sand pappt an ihren braungebrannten Zehen. Sie deutet auf die Silhouette von Block Island und fragt mit dieser unbekümmerten amerikanischen Vertraulichkeit, als hätten wir schon zusammen Blumenkübel aus der Fußgängerzone geklaut: "Hast du den hot fudge in der Chapel Street probiert?" Ich schüttle den Kopf. Sie reißt die Augen auf. "Oh mein Gott, eine Tragödie! Dann musst du wiederkommen!"

Warmer Karamell - noch ein Grund mehr zurückzukehren. Es ist tatsächlich tragisch, abreisen zu müssen, wenn man gerade den perfekten Platz gefunden hat. Einen, an dem man ankommt und weiß: Genau so etwas habe ich immer gesucht. Nach ein paar Stunden auf Block Island kann man den Zauber bereits benennen: Die Qualität dieser Insel liegt in der Kunst des Weglassens. Das fängt mit den Schlüsseln an. Die meisten der 950 Einwohner haben keinen, sperren also weder Häuser noch Autos ab.

Es gibt kein McDonald's und auch sonst kein Fast Food, keinen Walmart, keine Werbetafeln und schon gar kein Shoppingcenter. Ampeln, Parkuhren? Fehlanzeige. Die Polizei hat nicht einmal einen Abschleppwagen. Die einzige Tankstelle schließt um 15 Uhr, dafür ist die Inselbücherei auch abends noch geöffnet. Ach ja, es fehlen auch die ewig röhrenden Klimaanlagen, hier bauscht der Seewind die Gardinen, und in den Hotels surren hölzerne Deckenventilatoren.

Alle Naturattraktionen Neuenglands

Schon beim ersten Blick auf die viktorianischen Schindelhäuser am Hafen wird klar, dass die Einwohner es verstanden haben, 15 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaates Rhode Island im Atlantik den typischen Neuengland-Stil zu destillieren und zum Leuchten zu bringen. Vermutlich kennen die Inselkinder Betonmischer nur aus dem Bilderbuch, denn New Shoreham, das einzige Städtchen, wurde ohne Zement, aber mit viel Handwerkskunst aus dem 19. Jahrhundert in die Neuzeit gerettet und zeigt sich in edlem Grauweiß: Villen mit Türmchen, Erkern und Balkonen stehen neben kleinen Holzkaten, Kirchen spießen mit spitzen Dächern die Wolken auf, und die einfachen, eleganten Staketenzäune rahmen ganz in Weiß die Gärten. Vorm blauen Sommerhimmel knattert das Star Spangled Banner an den Fahnenstangen. Die Illustratorin Gretchen Dow Simpson war in den Siebzigerjahren oft auf Block Island und hat die fast abstrakte, grafische Schönheit dieser Komposition aus Farbe, Form und Licht viele Male für den Titel des Intellektuellen-Magazins "New Yorker" zeichnerisch eingefangen - als Essenz von Neuengland.

Auf 25 Quadratkilometern bringt Block Island auch alle Naturattraktionen unter, die an der Nordostküste der USA vorkommen, wie die Steilküsten von Maine, die einsamen Wälder und Sümpfe New Hampshires, das bäuerliche Kulturland Vermonts, die feinsandigen Strände von Cape Cod und, als würde das noch nicht genügen, 365 Süßwasserseen und Teiche, für jeden Tag des Jahres einen.

Als Gretchen Dow Simpson sich in Block Island verliebte, konnte man für 100.000 Dollar noch mehrere Fußballfelder Land kaufen, samt privatem Angelsee und Badestrand; heute kostet das begehrte summer retreat, ein unbeheizbares Sommerhaus, eine knappe Million. Dass die Insel dennoch ihr Gesicht bewahrt hat, ist Leuten wie Adrian Mitchell zu verdanken. Auf Block Island nennen sie den grauhaarigen Mann mit dem Schnauzbart "our hero". Doch Adrian trägt keine Kriegsorden und ist überhaupt eher der Typ des knuddeligen Großvaters, der beim Vorlesen der Gutenachtgeschichte selbst als Erster einschläft.

Der Held von Block Island

Zum Helden wurde er vor ein paar Jahren, als er nach einem arbeitsreichen Leben als Alleinerbe einer großen Farm dastand. Plötzlich gehörte ihm ein gewaltiges Stück Block Island mit Wäldern, Wiesen und Wanderwegen, mit Strand und Ackerland. Immobilienhändler aus dem nahen New York boten ihm Millionen für die splendid isolation, auch ein Heliport für das weekend stop-over finanzstarker Besucher stand auf der Wunschliste. Aber Adrian schickte sie alle heim und vermachte sein Land der "Block Island Conservancy", mit der Auflage, es unter Naturschutz zu stellen - damit alles bleibt, wie es ist.

Wenn man den 69-Jährigen darauf anspricht, dass er den Ausverkauf der stillen, wilden, ursprünglichen Insel verhindert hat, winkt er ab: "Alle lieben mich, ich werde auf jede Party eingeladen. Was brauche ich mehr? Goldenes Klopapier?“ Er lebt nach wie vor allein in seinem 200 Jahre alten Cottage, und wenn er gerade nicht auf Partys plaudert, befehligt er ein Dutzend Freiwillige, liebevoll „Adrian’s Army“ genannt, die ehrenamtlich die 45 Kilometer Wanderwege pflegen. Dutzende Insulaner haben es Adrian gleichgetan, und so stehen heute 43 Prozent von Block Island unter Naturschutz.

Gourmet-Restaurants ohne Reservierungspflicht

Auch das unterscheidet sie von ihren berühmten Inselnachbarn Martha's Vineyard und Nantucket. Die wurden beide durch den Walfang reich und durch Melvilles Roman "Moby Dick" Ikonen der Literaturgeschichte. Heute ziehen sie die Prominenten an, flankiert von Edelmarken wie Gucci und Armani. Block Island dagegen, das immer Bauernland war, hat im Übermaß, was den teuren Nachbarn seit jeher abgeht: 25 Kilometer öffentliche Strände, weder eingezäunt noch kostenpflichtig, kleine Gourmet-Restaurants ohne Reservierungspflicht, in denen der sommerliche Dresscode über Bermudas und Flipflops nicht hinauskommt. Dazu heimelige Hotels mit wenigen Zimmern, aber mit Luxus zum Wohlfühlen. Das "Atlantic Inn" zum Beispiel, ein Herrensitz, der wie eine Loge auf dem Wiesenhügel emporragt. Die ausladende Hotelveranda gilt inselweit als ultimativer Platz, um sich bei Tapas und Cocktails mental auf den Sonnenuntergang einzustimmen.

Seit Jahren managen Frauen Block Island, vom First Warden, der Inselvorsteherin, über den Town Manager bis zum Finance Director. Auch Pamela "Pam" Littlefield Gasner gehört dazu, die als Chefin der "Block Island Historical Society" jedem auf die Finger schaut, der renoviert oder gar neu baut, damit die zoning laws eingehalten werden, strenge Vorschriften, die das historische Ortsbild garantieren. Mit ihrem silbergrauen Haarzopf, dem Blick so blank wie polierter Stein und der ökologisch korrekten Kleidung wirkt sie wie die Chefin eines Naturmode-Labels.

Zusätzliches Gewicht hat Pams Wort, weil sie zur obersten Liga der Insel-Aristokratie gehört. Elf Generationen kann sie ihren Stammbaum zurückdeklinieren, bis zu den ersten weißen Siedlern, die 1661 an Land gingen - ihre Namen sind auf dem Settlers' Rock am Leuchtturm im Norden verewigt. Die 33 Farmer und Fischer, die damals das Festland von Massachusetts verließen, waren auf der Flucht vor den fundamentalistischpuritanischen Zwängen der ersten Siedlergeneration, die Abtrünnige kurzerhand hinrichten ließ. Auf Block Island sind sie stolz auf die kämpferischen Gründer der Inselgemeinschaft, die Werte wie Toleranz, Rede- und Glaubensfreiheit hochhielten und alle aufnahmen, die anderswo verfolgt wurden, Quäker, Hugenotten, Juden. Wobei die Neusiedler mit den indianischen Ureinwohnern, die ihr Block Island "Manisses" nannten, die "Insel des kleinen Gottes", allerdings weniger gnädig waren. 2000 von ihnen sollen dort gelebt haben, als die weißen Siedler kamen. Im "Block Island Historical Society Museum" liegen Pfeilspitzen jener Zeit im Schaukasten, am Ufer des Great Salt Pond stößt man noch auf Muschelhaufen, Überreste einstiger Stammesfeste. Der letzte Ureinwohner, Isaac Church, starb 1886 und wurde den Aufzeichnungen zufolge als "Uncle Isaac" heiß geliebt. "Was sich aber vor 350 Jahren abgespielt hat, bleibt im Dunkeln", sagt Pam, "die Siedler haben dazu kein Wort notiert." Da wirkt das Weglassen, jedenfalls dieses eine Mal, nicht gekonnt, sondern verschämt.

Sand beseelt die Besucher

Das "Atlantic Inn" hingegen fügt der Kunst eine neue Dimension hinzu: Hätte es eine Tapas- Flatrate, wäre die Antwort auf die Frage klar, wie der ultimative Ferientag auf Block Island aussähe: Nichtstun mit Meerblick auf der Hotelveranda. So aber mietet man sich ein Fahrrad und fährt wahlweise nach Süden zu den Klippen der Mohegan Bluffs, wo 250 Treppenstufen zum Atlantik hinunterführen. Oder nach Norden, wo man rechter Hand im Vorbeifahren schon mal die beliebtesten Strände in Augenschein nehmen kann: den Baby Beach mit Planschwasser, den Town Beach mit Sonnenschirmen, Duschen und Strandbar, den einsamen Scotch Beach und noch weiter im Norden den Mansion Beach, an den die Brandung donnert.

Wer dort vom Rad steigt und ein paar Schritte am Wassersaum entlangläuft, wird, überrumpelt von so viel unverbautem Meerblick, tief durchatmen und erstmal Platz nehmen auf einem Stück Treibholz, das Wind und Sonne glattgeschmirgelt haben. Ein Traumstrand für eine Handvoll Schwimmer und ein paar Kickende Kinder. Hier berieselt nur Sand die Besucher. Es gibt kein Strandhotel, keine Uferpromenade, keine Surfbrett-Vermietung, keine Frittenbude, keine Hüpfburg, keine Musik - alles kunstvoll weggelassen. Glanzlichter setzen das silbrige Dünengras und das Meer, das nach Laune die Farbe wechselt. Wer Picknick und Badetuch dabeihat, braucht weiter nichts zum Glück. Springt in die Brandung, döst in der Sonne, winkt die Gedanken ungenutzt weiter, auf dass sie mit den bauschigen Kumuluswolken vorüberziehen: heute Ruhetag.

Vibrationsalarm in der Magengegend

Und die Weiterfahrt nach Norden? Vielleicht. Dort oben erstreckt sich das wilde Buschland des Clay Head Trail: ein schmaler Pfad, der die Steilküste entlangführt, einer der schönsten Wanderwege auf Block Island, an dessen Rand Schwärme winziger Vögel aus Rosenbüschen aufsteigen. Für die Heimfahrt empfiehlt sich ein Schlenker durch die West Side Road, wo Lilly ihren Limonadenstand betreibt, eines der vielen lemonade girls der Insel. Für 50 Cent verkauft die Zehnjährige den Becher Zitronensaft, den sie am Morgen mit Mama am Entsafter gebraut hat. Ihren blauen Verkaufsstand schmückt eine gelbe Sperrholz-Zitrone, selbst ausgesägt und angemalt. Ein paar Meter weiter liegen Vater Al und Hund Hailey im Schatten. Al baut von Beruf Häuser und führt ein Catering-Unternehmen. Warum er mit seiner Tochter hier am Straßenrand sitzt? "Sie soll den Wert der Arbeit schätzen lernen", sagt er.

Zurück im Inselstädtchen, schaut man in der Spring Street Gallery vorbei, einer graugeschindelten Scheune, in der ausschließlich Block-Island-Künstler ausstellen. Einer von ihnen hat immer Dienst, zum Beispiel Sharon Lehman, die Melonen so saftig malt, dass man reinbeißen möchte. Zum Dinner gibt es heute clam chowder und lobster roll im "The Oar", vielleicht die originellste Inselkneipe mit hunderten bemalten Paddeln an Decke und Wänden. Das lange, offene Bardeck bietet einen Premium-Blick auf das Bootsgewimmel im New Harbor.

Und dann ist es Zeit für Captain Nick's legendäre Rock 'n' Roll- Bar, wo die halbe Insel zur Live-Musik tanzt, Alte und Junge, drinnen und draußen, mit Talent und ohne, aber alle wie gedopt mit guter Laune. Bier kommt in Plastikbechern, die Popcorn-Maschine spuckt ständig Nachschub aus, Kinder schlagen Rad auf der Terrasse und, klar, auch Adrian entdeckt man im Gewimmel.

Wenn man dann auf dem Heimweg sieht, wie das letzte Schiff der Block Island Ferries den Hafen verlässt und Richtung Festland fährt, dann gibt es einen kleinen Vibrationsalarm in der Magengegend: Schön, wie die Fähre durchs weite Blau pflügt. Noch schöner ist, dass man selbst nicht an Bord steht. Noch nicht.

Wissenscommunity