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Chicago: Ein letzter Bissen Deutsches

Über hundert Jahre brieten Würste, brutzelten Schnitzel und ploppte Sauerkraut und vermittelte Amerikanern ein kulinarisches Stück Deutschland. Nun aber wird der Herd im deutschen Kultrestaurant "Berghoff" in Chicago abgeschaltet.

Für viele Chicagoer war es ein kulinarischer Schock: Das "Berghoff", ein urdeutsches Restaurant im Zentrum der Stadt, tischt Ende Februar nach 107 Jahren das letzte Mal Schnitzel und Sauerbraten auf. Ein Kult-Restaurant, das schlicht als "The Berghoff" ein Inbegriff für deutsche Kochkunst ist, sagt "Good-bye".Shelton Latmer ist einer der Stammkunden. Wann immer es etwas zu feiern gab - den 21. Geburtstag, den ersten Job, die Geburt des jüngsten Enkelkindes - kam er in die alte Gaststätte, um ein Dortmunder Bier zu trinken. "Die Vorstellung, dass es das Berghoff nicht mehr gibt, macht mich ganz krank", sagte er der "Los Angeles Times".

Rustikales Lokal lockte Generationen an

"Wir geben dem Deutschen sechs Monate", prophezeiten Herman Joseph Berghoffs Kritiker laut Familienchronik, als er die Eröffnung des Lokals ankündigte - das war am 31. Dezember 1898. Die Berghoffs waren 1870 aus Dortmund ausgewandert. Vater Berghoff versuchte sich mit Erfolg als Bierbrauer. Das Geschäft lief so gut, dass er das Restaurant eröffnete. "Damals kostete ein Bier fünf Cents", sagt Unternehmenssprecher Christoper Lackner. "Dazu gab es Sandwiches - kostenlos."Bratwurst, Schnitzel, Spätzle und Sauerkraut lockten Generationen an. An Feiertagen wie Weihnachten war das Haus immer voll: Bis zu 3000 Gäste bewirtete "The Berghoff" dann, mit 100 Kellnern, Köchen und Kassierern. Das rustikale Lokal ist 4500 Quadratmeter groß. Im Speisesaal stehen jede Menge Holztische auf Fliesen im Karomuster, die Ober bedienen in Frack und langer weißer Schürze.

Die Zeit schien stehen zu bleiben

Isabell Hartje lebt in Chicago und ist seit Jahren treuer Berghoff-Fan. "Ich kann nicht glauben, dass sie dicht machen", sagt die 31-jährige. Die Friseurin ist vor allem mit Freunden aus Deutschland immer ins Berghoff gegangen. "Mitten im Zentrum von Chicago scheint die Zeit stehen geblieben, sobald man die Lokaltür öffnet", sagt sie. "Es erinnert mich an Berliner oder Münchner Kneipen."Berghoffs Bier begründete den guten Ruf der Kneipe. Während der Prohibition, als in den USA kein Alkohol verkauft werden durfte, hielt sich die Auswandererfamilie mit einer Art "Ersatz-Bier" über Wasser. Als das rigorose Alkoholverbot 1933 aufgehoben wurde, war Berghoff der Erste in Chicago, der eine neue Bier-Lizenz erhielt.

Das Gebäude bleibt in Familienbesitz

"Vor 50 Jahren kamen nur Männer. Es war Brauch, vor den Eishockey-Spielen der Blackhawks Bier zu trinken", sagt Lackner. "Bis Mitglieder einer Frauenorganisation Ende der 60er Jahre dagegen protestierten." Heute kommen vor allem Familien und Touristen in das Wirtshaus, das stets in Familienbesitz blieb.Der Enkel des Gründers übernahm den Betrieb vor 50 Jahren. Herman Berghoff ist jetzt 70, und wie Lackner sagt "einfach müde". Es sei der richtige Moment, ein neues Kapitel anzufangen, lassen die Berghoffs ausrichten. Ihre Kinder wollen das Restaurant nicht weiterführen. Das Gebäude bleibt allerdings in Familienbesitz: Die 44-jährige Tochter Carolyn Berghoff, will mit ihrem Catering-Service in die Räume einziehen.

Mandy Timm/DPA / DPA
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