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China-Tourismus: "Der Einbruch ist dramatisch"

Vier Monate vor Beginn der Olympischen Spiele hat die Tibet-Krise viele Reiseveranstalter kalt erwischt. stern.de sprach mit Ury Steinweg, dem Gründer von Gebeco, über die Rückgänge der Reisen nach China.

Gebeco gehört zu den führenden europäischen Anbietern für China-Reisen. Für den Kieler Spezialveranstalter war China mit über zehn Prozent das wichtigste und umsatzstärkste Reiseziel im letzten Jahr.

Herr Steinweg, verkaufen Sie im Moment noch Reisen nach China?

Der Einbruch ist dramatisch. Im Moment haben wir 50 Prozent weniger Buchungen. Unsere Gäste reisen woanders hin. Sie möchten politisch korrekt sein und verschieben ihre China-Reisen in die Zukunft.

Trifft Sie die Tibet-Krise so hart wie die Sars-Krise?

Nein, es ist nicht ganz so dramatisch wie damals. Bei der Sars-Krise im Frühjahr 2003 hatten viele Kunden ihre Reisen abgesagt, die bereits gebucht waren. Wir stellten damals das Reisen ein. Viele Leute hatten einfach Angst zu reisen. Jetzt gibt es keinen Grund für Stornierungen. Auch sagen wir keine Reisen nach China ab. Aber die Neubuchungen bleiben jetzt weg.

Welche Folge hat die Tibet-Krise für den Tourismus nach China?

In Tibet selbst hat sich ja nichts geändert, wir haben dieselbe Situation wie vor einem Jahr oder zehn Jahren. Es hängt allerdings davon ab, wie ruhig es während der Olympiade sein wird. Solange von den Chinesen keine großen Aktionen gegen Tibet erfolgen, wird für die Medien und die Politik Tibet kein Thema mehr sein. Schon bald wird die ganze Aufmerksamkeit auf die Olympiade gerichtet sein. Erfahrungsgemäß vergisst der Mensch recht schnell. Daher wird auch der Tourismus wieder anspringen.

Wann wird Tibet wieder für Touristen geöffnet?

Im Augenblick kann man nicht nach Tibet reisen. Wir wissen auch nicht, ab wann das möglich sein wird. Ich persönlich rechne damit, dass man ein Visum für Tibet erst wieder nach der Olympiade erhalten wird.

Ende März haben die chinesischen Behörden die Visavorschriften verschärft. Worin bestehen die Beschränkungen?

In erster Linie sind Personen betroffen, die sich ein Visum vor Ort besorgen, wie zum Beispiel in Hongkong. Wir organisieren die Visa für unsere Gäste bereits in Deutschland. Das ist kein Problem, nur jetzt mit mehr Aufwand verbunden. Wir müssen den Fluggesellschaften mehr Informationen geben und mit dem Antrag nachweisen, dass bereits ein Flugticket ausgestellt wurde. Auch muss eine Einladung für die gesamte Aufenthaltsdauer in China vorliegen.

Demnächst will Peking mit einem Vertreter des Dalai Lama zusammentreffen. Sehen Sie darin auch ein Signal, um den Tourismus wieder anzukurbeln?

Es handelt sich dabei um eine politische Entwicklung, die ich schwer beurteilen kann. Natürlich würde ich mich freuen, wenn die Vertreter einen Weg zum Interessensausgleich finden. Wenn beide Seiten sich einigen, wird es sicherlich für die Tibeter und damit auch für den Tourismus förderlich sein.

Hatten Sie wegen der Olympiade bereits weniger China-Reisen eingeplant?

Da wir kein Sportreiseveranstalter sind, haben wir das normale Rundreise- und Erlebnisprogramm für ein paar Monate vor und während der Olympischen Spiele ausgesetzt. Denn es gibt kurz vor deren Beginn keinen Grund, nach China zu fahren: Man hat nicht den Effekt der Olympia-Stimmung, sondern nur den der hohen Preise. Teilweise wurden die Hotelraten verdoppelt und verdreifacht. Allerdings sehen wir schon jetzt eine Besserung, denn viele Fluggesellschaften haben außerhalb der Olympiade-Kernzeiten die hohen Preise wieder rückgängig gemacht.

Wann werden China-Reisen wieder attraktiv?

Wenn die Rahmenbedingungen stimmen: In der Nebensaison ab Oktober wird es massiv Preisangebote nach China geben, das ist jetzt schon absehbar. Von Fluggesellschaften haben wir schon konkrete Angebote erhalten, die wir umsetzen. Auch die Hotels werden reagieren, sodass wir sehr attraktive Pakete in erster Linie bei Städtereisen anbieten werden können. Für die nächste Hauptsaison beginnt die Buchungsphase sowieso erst im Januar 2009. Bis dahin dürfte sich das Reiseverhalten normalisiert haben, und ich denke, dass wir im nächsten Jahr das Niveau von 2007 erreichen werden.

Bleibt China nach wie vor ein Ziel für Gruppenreisen?

Es gibt inzwischen mehr und mehr Leute, die individuell und nicht mehr in der Gruppe reisen. Auch der Anteil von Reisenden, die nur einen Flug oder Hotel reservieren, hat zugenommen, weil sie weniger über Veranstalter, sondern über das Internet buchen.

Welche Reisen sind besonders populär?

Nach wie vor die klassische China-Rundreise, die in Peking beginnt, zur Großen Mauer und auch nach Xi'an mit der Terrakotta-Armee führt. Die Route endet allerdings nicht mehr wie früher in Hongkong, sondern neuerdings in Shanghai. Oft werden die drei Städte noch mit einer Kreuzfahrt auf dem Jangtse kombiniert.

Gewinnt Shanghai auch im Tourismus an Bedeutung?

Für Einzelreisende ist Shanghai wichtiger geworden. Dort kommt man trotz der Sprachprobleme gut zurecht, aber sobald es ins Hinterland geht, wird es schwieriger. Peking und Shanghai sind sehr gefragt. Bei den Städtezielen macht Shanghai zunehmend Hongkong Konkurrenz. Inzwischen haben wir sogar mehr Gäste nach Shanghai als nach Hongkong - das war einmal genau umgekehrt. Denn jetzt kann man auch in Shanghai gut einkaufen.

Interview: Till Bartels

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