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Fernreisen: "Shoppen ist eine ernste Sache"

Ein Flug ziemlich günstig, der Euro bärenstark: Wann, wenn nicht jetzt, sollen Einkaufswütige nach New York düsen? Der stern hat ihnen in die prallen Tüten geschaut und erlebt, wie lustvoll sie sich austoben.

Alle Jahre wieder, Ende November, spielen sich bei uns zu Hause merk würdige Dinge ab. Ein großer, unförmiger Vogel wird erstanden und einstweilen im Kühlschrank verstaut. Und zwei Tage vor Thanksgiving schwebt ein großer, unförmiger Vogel mit dem Lufthansa-Logo auf dem Schwanz ein in New York, darin Bettina sitzt, liebe Freundin aus Essen, Deutschland. Bettina bucht ihren Flug nach New York jedes Jahr bereits im Januar, Sitzreihe 28, wegen der Beinfreiheit. Sie reist an mit zwei Koffern, weitgehend leer, was sich im Laufe der folgenden neun Tage dramatisch ändern soll.Kaum nämlich ist der Thanksgiving-Truthahn erkaltet und das Schädelbrummen abgeklungen, beginnt das, was die Amerikaner "shopping spree" nennen, wofür aus gutem Grund im Deutschen kein Äquivalent existiert; Einkaufsorgie kommt dieser uramerikanischen Tradition wohl am nächsten. In den Tagen zwischen Thanksgiving und dem Fest der Feste wird gekauft, was nicht bei drei im Regal ist. Bettina, Essen, groß und blond, scheint auch amerikanische Gene in sich zu tragen. Weshalb man, von Natur aus chronischer Einkaufshasser, beschließt, das Phänomen "Shopping in New York" am lebenden Objekt zu studieren.

Man muss dazu wissen, dass New York, Stadt der Städte, das Trauma des 11. September ziemlich gut verarbeitet hat. Die Restaurants sind voll, die Bars sind voll, die Museen sind voll, die Theater sind voll, die Läden sind voll. Manchmal lächelt sogar der ansonsten spaßbereinigte Bürgermeister Michael Bloomberg, wenn er mit der U-Bahn zur Schicht in die City Hall fährt und in die erwartungsvollen Gesichter der Hardcore-Shopper blickt, die etwa vor dem Mega-Warenhaus "Macy's" nächtigen und frühmorgens an den Türen rütteln wie weiland unsere lieben Mitbürger aus der Zone bei der Ausgabe des Begrüßungsgeldes vor westdeutschen Sparkassen.New York ist zurück, "back on track", wie sie hier sagen. In diesem Jahr reisten fast 40 Millionen Touristen an, die Auslastung der Hotels liegt bei über 90 Prozent. Die Lufthansa-Flüge nach New York sind zu 87 Prozent ausgebucht, was per se eine beachtliche Zahl ist und nur zwei Schlüsse zulässt - New York City geht es deutlich besser, und vielen Deutschen geht es deutlich besser, als sie jammern. Sie kommen zu Zigtausenden in die Stadt und tragen dazu bei, dass zwischen November und Januar in den Läden Milliarden Dollar umgesetzt werden. Weil, nicht wahr, der Euro so günstig steht und Kleidung und Computer und Digitalkameras im Big Apple nur ein Appel und ein Ei kosten, und Flug und Hotel sich bereits amortisieren durch den Erwerb von drei Donna-Karan-Kostümen, vier Paar Timberland-Schuhen und nur zwölf iPods. Verdammt clever, denkt man über seine Landsleute. Und iPods werden ja immer gebraucht.

Der Versuch am lebenden Objekt beginnt am frühen Morgen am Union Square. Wer dort die Augen hebt, sieht eine große Uhr mit Leuchtziffern, ein Kunstwerk soll das sein; sie rast mit irrsinniger Geschwindigkeit, Zeit ist Geld. Shoppen ist ein ständiger Kampf gegen die Uhr, und also eilen die Amerikanerinnen in der Vorweihnachtszeit von Geschäft zu Geschäft und geben wirklich alles, alles, alles, um die moribunde Wirtschaft anzukurbeln, "shop till you drop"; in den Wetternachrichten werden sogar die Temperaturen vor den Einkaufszentren gemeldet. Bei DSW ("Designer Shoe Warehouse") am Union Square beispielsweise sind die Damen schon früh morgens überaus aktiv. Die Ralph-Lauren-Stiefel kosten schlappe 90 Dollar, was, wie Bettina sagt, "ein Super-Schnäppchen" ist. Nur hatte der gute Ralph beim Schustern der Treter offenbar einen schlechten Tag erwischt - selbst Ralph-Lauren-Stiefel können reichlich daneben aussehen, und dann sind 90 Dollar auch kein Super-Schnäppchen mehr. Sagt auch Bettina nach mehrminütiger Begutachtung des Schuhwerks.

Im selben Gebäude ist der Laden "Filene's Basement" untergebracht, sinnigerweise aber nicht im Keller, sondern unterm Dach. Bing Crosbys "I'm Dreaming Of A White Christmas" schmalzt aus den Lautsprechern, und Bettina träumt von Tommy-Hilfiger-Pullovern. Kosten hier gerade 19 Dollar plus Steuern, runter von 44, "Super-Schnäppchen" natürlich, aber nicht zwangsläufig schön. Es ist bereits zehn Uhr morgens, und Bettina, Essen, hat noch nicht einmal ihr Portemonnaie gezückt. Frauen, stellt man erstaunt fest, Frauen können also doch anders. Aber dieser Gedanke verfliegt sehr bald. Er verfliegt in Downtown, im Warenhaus "Century 21", Ground Zero gleich um die Ecke. "Shoppen", sagt Bettina noch, "ist eine sehr ernste Sache." Was vor dem Eingang prompt bestätigt wird durch Deirdre und Ornagh Neville aus Irland, Mutter und Tochter, welche von Dublin nach New York reisten und seit fünf Tagen nichts anderes machen als kaufen, kaufen, kaufen. Die beiden wohnen zwar im Pennsylvania-Hotel, sehen aber eher obdachlos aus, weil sie zwei monströse Sporttaschen hinter sich her schleifen, in denen sie ihre Beute verstauen. Von New York haben sie außer Kaufhäusern "nothing", "nichts", gesehen, denn Shoppen ist eine ernste Sache, und sie sind ja nicht zum Vergnügen hier. In diesem Moment wird sonnenklar: Das archaische Prinzip vom Sammeln (Weibchen) und Jagen (Männchen) greift im 21. Jahrhundert nicht mehr, nicht in New York, nicht in Essen, nicht in Dublin: Frauen, der Großteil zumindest, sammeln und jagen. Bettinas Gatte Helmut, mit zwei Kindern zurückgelassen in Essen, ruft gelegentlich an und erkundigt sich nach dem Stand der Dinge. Er meint selbstverständlich den Kontostand, und dann säuselt Bettina "Ach, Schatz", und Helmut weiß im Moment, dass sich seine Frau sehr, sehr wohl fühlt in New York und alles gut ist, bis auf den Kontostand.

Aufrichtiges Mitleid mit den eigenen Artgenossen beschleicht einen im 21. Jahrhundert, im "Century 21", der unangefochtenen Nummer eins unter den Billigkaufhäusern New Yorks. Männer wirken hier seltsam nutzlos und hilflos und beinahe erbarmungswürdig. Sie sehen aus wie Ladenhüter. Mann degeneriert zum Tütenhalter des 21. Jahrhunderts. "We Wish You A Merry Christmas" träufelt aus den Boxen auf die Kundinnen, und man wünscht sich und den Artgenossen jetzt ein kühles, großes Blondes, derweil die große Blonde aus Essen eine Yankees-Baseball-Kappe und einen Tennisrock ersteht für 14 Dollar, "Super-Schnäppchen". Auf der Rechnung leuchtet groß "Savings: 24 Dollar", und Bettina sagt: "Siehst du, ich habe 24 Dollar gespart". Aber man versteht nicht richtig. Man versteht auch nicht, warum eine Kaninchenfelljacke, 45 Dollar runter von 160, rosa ist oder hellgrün und fragt sich, wer solche Kaninchen züchtet.Am Ausgang hat sich eine süßlich duftende Dame mit Breitband-Grinsen postiert, die Feuchtigkeitscreme auf Frauen-hände schmiert. Mit feuchten Händen lassen sich Dollarnoten besser packen. Kommt daher Schmiergeld?Es ist 12 Uhr und nicht mal Halbzeit. Mit dem Taxi zu "B & H", 9. Avenue/ Ecke 34. Straße, dem bei weitem bestsortierten Elektronikladen der Stadt. Irgendetwas ist anders dort, ganz anders. Keine Weihnachtsmusik, kein Weihnachtsschmuck, keine Weihnachtsmänner. Aber: Männer, endlich Männer, überall Män-ner. "B & H" ist so etwas wie die Rache des schwachen Geschlechts. Hier bin ich Mann, hier darf ich's sein. Frauen müssen zwar nicht draußen bleiben, sind aber eine Rarität. Was Bettina, Essen, kein bisschen stört, denn ihr Jagdinstinkt ist endlich erwacht. Der kleine iPod von Apple kostet 229 Dollar. Darüber, sagt sie, wird sich Helmut bestimmt sehr freuen, Ersparnis glatte 90 Euro. Und iPods werden ja immer gebraucht.Auf der Fifth Avenue, wo New York am weihnachtlichsten ist, schleppen vergilbte Upper-East-Ladys Tüten, kaum kleiner als sie selbst. Sie gehen nicht, sie hasten. Sie schauen nicht mal auf den Weihnachtsbaum am Rockefeller-Center. Shopping ist eine ernste Sache, Zeit ist Geld, am Union Square rast die Uhr. Auf der Ladenmarkise des Edelkaufhauses SAKS steht in Großbuchstaben gedruckt "Grace, Joy, Peace, Love, Harmony" und auch "Mercy", Gnade. Von wegen. No Mercy: Jagen und Sammeln und keine Gnade.

Parfümwolken wabern durchs SAKS-Erdgeschoss, geflutet von Hunderten von Damen und vereinzelten Tütenhaltern mit versteinertem Gesicht. Bettina, Essen, stoppt am Bulgari-Stand. "Ha", sagt sie, "guck dir das an: 110 Dollar. Gibt's doch nicht." Sie hat die identische Pulle Eau de Klo zuvor in einem Klöterladen für 50 Piepen gekauft, Ersparnis: 60 Dollar. Toll. Man würde sich ja gern freuen mit der guten Freundin Bettina. Aber Freude versickert bei jedem Blick auf die Preisschilder. Für eine kastenförmige, rote Kroko-Tasche von raumgreifender Scheußlichkeit wollen die von SAKS schmale 9950 Dollar, und nicht mal Bettina sagt jetzt noch "Super-Schnäppchen". Über der Taschenabteilung hängt ein Schild: Kreditberatung, und am Ausgang steht wieder eine Zuckerpuppe mit Feuchtigkeitscreme.Nach sieben Stunden Studium am lebenden Objekt geht der "shopping spree" zu Ende. Es war eine Erfahrung fürs Leben. Daheim gibt es Truthahnreste. Schon wieder.Bettina ist schließlich zurück nach Deutschland geflogen. Sie hat der amerikanischen Wirtschaft nach Kräften geholfen und in neun Tagen 1600 Dollar ausgegeben für Klamotten, Kinderklamotten, Weinachtsdekoration, Elektro-Gebimse, Kappen und Parfüm. Ersparnis: 1600 Dollar, mindestens. Der deutsche Zöllner in Frankfurt fragte, was sie in New York gemacht habe, "Freunde besucht", und ob sie für mehr als die erlaubten 175 Euro eingekauft hat, "ich bin doch nicht verrückt".Helmut, in Essen zurückgelassen mit zwei Kindern, war glücklich über ihre Rückkehr. Bettina sagt, er habe sich über den iPod sehr gefreut.

Michael Streck / print

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