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Inka-Stadt Machu Picchu: Die Geheimnisse hinter den Ruinen

Sie ist schön wie rätselhaft, die weltberühmte Inka-Stadt. Doch wem gehört sie? Wie viel Euro bringt sie dem peruanischen Staat? Und wer hängt hier vier Kilometer Toilettenpapier täglich auf?

Von Amrai Coen

Ami go! Ami go! Poncho?, ruft Juana Lipe, dunkle Locken, nettes Lächeln, und läuft die Touristenschlange entlang, in der Hand eine Tüte bunter Regenumhänge. Fünf Uhr morgens, es ist kalt und ungemütlich, es regnet. Einige Hundert Menschen stehen in Aguas Calientes, dem Dorf am Fuß der Inka-Ruinen, und warten auf die Busse, die sie die schlammigen Serpentinen hinauffahren werden. "Oben zahlst du das Dreifache!", ruft Lipe einem Israeli hinterher, der gerade einsteigen will. Er kauft drei Ponchos, 2 Euro 34 Cent. "Wenn es regnet, regnet es Geld für mich", sagt Lipe.

Machu Piccu ist seine Bühne, jedes Wort, jede Pause hat er einstudiert, über 1000 Mal ist er aufgetreten: "Willkommen bei einem der neuen sieben Weltwunder", begrüßt José Fernandez feierlich. Er ist 21 Jahre alt und seit drei Jahren Touristenführer; jeden Tag schleust er zwei Reisegruppen durch das Labyrinth der Granithäuser. "Schauen Sie sich das an", sagt er. "Alle Wände ohne Mörtel, die Steine sind wie zusammengewachsen, nicht mal ein Grashalm passt dazwischen." Ein Meisterwerk der Baukunst.

Aber niemand wisse, warum Machu Picchu gebaut wurde, stellt Fernandez klar. War es ein heiliger Ort der Inka? Ein Gefängnis? Ihr letztes Bollwerk, als die Spanier das Land eroberten? Etliche Theorien ranken sich um Machu Picchu, sie füllen Bücher, Filme, wissenschaftliche Arbeiten. "Alles Spekulation", sagt Fernandez. Denn die Inka hätten keine schriftlichen Geschichtsaufzeichnungen hinterlassen, und in Chroniken der Kolonialzeit sei Machu Picchu nie erwähnt worden. "Bis heute ist es eines der größten Rätsel der archäologischen Welt.“ Wahrscheinlich wurde die Stadt im 15. Jahrhundert erbaut und gut 100 Jahre später wieder verlassen. Warum, weiß niemand. Fernandez meint: "Machu Picchu ist ein zu Stein gewordenes Geheimnis."

750.000 Besucher jährlich

Sein Blick ist gesenkt, er schaut den Menschen nicht ins Gesicht, sondern auf die Füße; will sehen, ob jemand stolpert. Jeden Tag läuft Gilber Carpio die Stufen von Machu Picchu hinauf und hinunter, wippt auf ihnen, prüft, ob sie wackeln. Er ist Baugeologe, er redet von den Steinen, als wären sie lebendig, ja glaubt: "Sie haben eine ganz besondere Energie." Sogar Cameron Diaz, die Schauspielerin, sei hergekommen, um durch die Berührung der Steine Kraft zu schöpfen. "Machu Picchu ist das Herz von Peru", sagt Carpio. Mit kräftigem Schlag pumpt es Devisen durch die Adern des Landes. Rund 750.000 Besucher kommen pro Jahr, allein am Eintritt verdient der Staat etwa 20 Millionen Euro. Addiert mit Hotelübernachtungen, Restaurantbesuchen, Zug- und Taxifahrten, ergeben sich mehrere Hundert Millionen Euro. 90 Prozent ihrer Einnahmen erwirtschaftet die peruanische Tourismusindustrie in der Region um Machu Picchu.

Da, eine Dame aus England stolpert! Der Baugeologe holt einen DIN-A2-Plan der Ruinen aus seiner Tasche und markiert: loser Stein bei Koordinate F3. Dann läuft er hinüber zu den Bauarbeitern und beauftragt sie mit der Reparatur.

Mario Sequeiros, Glasauge, blauer Bauarbeiterhelm, holt einen Klumpen Lehm und kniet sich auf die Stufen. Er ist der Doktor der Ruinen, sein Besteck: ein Holzpflock und eine alte Cola-Flasche. "Es ist wie plastische Chirurgie", sagt er, puzzelt kleine Steine in die Fugen der losen Stufe, verspachtelt sie mit Lehm. Eine Stunde dauert es, bis Sequeiros eine Stufe repariert hat. Machu Picchu hat rund 3000 Stufen. Eine Sisyphusarbeit? Nein: "Eine Meditation." Mit seinen Kollegen spricht Mario Sequeiros Quechua, die Sprache der Inka. Sie gilt in anderen Teilen Perus noch immer als Sprache der Armen. Hier aber spricht man sie mit Stolz. Machu Picchu, Quechua für "alter Gipfel", ist die einzige große Inka-Anlage, die nicht von den panischen Eroberern geschleift worden ist. Für Peruaner symbolisiert sie die Epoche vor der Kolonialisierung; sie imaginieren diese Ära als eine bessere, stolzere Zeit.

Der Kampf um peruanische Schätze

Indiana Jones gab es wirklich: Die Filmfigur ist vermutlich angelehnt an den US-amerikanischen Geschichtsprofessor Hiram Bingham, der Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer Ex­pedition nach Peru aufbrach. 1911 stieß er auf die überwucherten Ruinen, ließ sie freilegen, entriss sie der Vergessenheit, führte sie ins Rampenlicht der Welt. Bingham kam, sah und stahl. Keramikkrüge, Kopfschmuck, Mumien, rund 5000 Funde verschiffte er nach Yale, verkaufte sie seiner Heimatuniversität, wo sie bis heute im Natural History Museum liegen. Von dem Erlös finanzierte er seine Wahlkämpfe, wurde ein berühmter US-Senator. Heute fordert die peruanische Regierung die Schätze zurück. Yale will sie nur ungern herausrücken. 2008 hat der peruanische Staat die Universität deshalb verklagt. Es heißt, Peru fordere Schadensersatz von deutlich mehr als 75.000 US-Dollar. Ein Gerichtsurteil steht aus.

In der Drei-Quadratmeter-Küche

Wer Mittag Hunger hat, landet bei Timon und Pumbaa. In der Ruinenstadt ist der Verkauf von Essen und Trinken verboten, aber vor dem Eingang gibt es einen Imbiss, in dem täglich 70 Liter Cola ausgeschenkt und 400 Sandwiches zubereitet werden. Durch eine Glasscheibe kann man den beiden Köchen zusehen, wie sie Hamburger in einer Drei-Quadratmeter-Küche braten. Seit neun Jahren arbeiten sie hier oben; ihre Spitznamen haben sie, weil der eine dick und nett ist wie das Warzenschwein, der andere klein und frech wie das Erdmännchen in dem Disney-Film "Der König der Löwen". Pumbaa schmeißt Buletten, Ei und Speck auf den Grill, Timon Brot und Tomaten. "Fertig ist der Machu-Picchu- Burger", sagt Timon.

"Manchmal hasse ich den Job", sagt Pumbaa. "Nur einmal im Monat sehe ich meine Familie." Seine Frau und die beiden Töchter wohnen in Cuzco, eine halbe Tagesreise entfernt, denn im Machu- Picchu-Dorf gibt es keine guten Schulen. Aber das Geld stimmt: 600 Euro verdient er im Monat, weit mehr als den peruanischen Durchschnittslohn von 125 Euro. Doch er vermisst hier so vieles. Eines Tages will er darum seine eigene kleine Burger-Bude in Cuzco eröffnen

Eine Etage unter der Snackbat, vor dem öffentlichen Klo, sitzt Luz Maqui, 42, gelernte Feinmechanikerin, drei Jahre Psychologiestudium. Eine hübsche Frau mit Strähnchen im Haar und mit lackierten Fingernägeln. "Meine Freundinnen beneiden mich um meinen Job", sagt sie. Umgerechnet 30 Cent kostet ein Klogang, mehr als 1000 Kunden kommen pro Tag, verbrauchen rund vier Kilometer Toilettenpapier. Maqui bewaffnet sich mit einem Geruchsspray, Duftnote Blumen-Potpourri, betritt das Krisengebiet und bekämpft den Gestank. "Die Höhe, das fremde Essen", erklärt sie entschuldigend. Eine Argentinierin will sie fotografieren, Maqui lächelt routiniert in die Kamera und erzählt: "Ein Chinese hat mir als Dank sogar mal ein Ständchen gesungen."

Der flinke Lastenträger

Klein und drahtig ist Martín Huamán, er trägt ein peruanisches Fußballtrikot und eine abgewetzte Jogginghose. Vier Tage pro Woche schleppt er das Gepäck der Abenteurer, die nicht mit dem Zug nach Machu Picchu fahren, sondern auf dem Inka-Pfad von Cuzco aus dorthin wandern. Eigentlich ist Huamán Bauer. Aber Kartoffeln zu ernten bringt wenig ein. Also wurde er vor sieben Jahren Träger, und seit sieben Jahren hat er Rückenschmerzen. Er nimmt sie in Kauf, um seinen drei Kindern eine gute Ausbildung zu finanzieren.

Er sei kein Touristen-Packesel. "Ich bin ein chaski!" So hießen die Läufer im Inkareich, die Nachrichten von einem Dorf ins nächste brachten. In Sandalen aus Autoreifen läuft und hüpft Huamán über die 4000 Meter hohen Pässe, als wäre der 25-Kilo-Seesack auf seinem Rücken gar nicht da. Lang bevor die Wanderer das Lager für die Nacht erreichen, hat er die Zelte aufgebaut und Mate-Tee gebraut. Wenn die Touristen bei der Inka- Stadt ankommen, ist er schon auf dem Rückweg. Die Ruinen von Machu Picchu hat er bislang ein einziges Mal gesehen.

Gringos und Bleichgesichter

Es heisst, er sei so alt wie die Festung. Aber der Vergleich hinkt: Schließlich ist Don Agustín 56 Jahre alt, nicht über 500. Doch weil er seit 26 Jahren hier oben lebt, scheint er mit den Ruinen verwachsen zu sein. Er ist 1,53 Meter klein, hat kaum noch Zähne. Don Agustín kennt jeden Winkel von Machu Picchu; el dueño, nennen ihn Kollegen, Besitzer der Ruinen. Täglich besichtigen rund 2000 Menschen Machu Picchu, Don Agustín nennt sie turistas, Reisende, nicht abschätzig Gringos, Amis, Bleichgesichter, wie es andere Peruaner gern tun. Wenn Don Agustín nicht gerade die Steine putzt oder Müll einsammelt, läuft er den Lamas mit Handfeger und Schaufel hinterher und räumt ihre Hinterlassenschaften weg. Oder er erzählt den Touristen Anekdoten, die nicht in ihren Reiseführern stehen: Dass einmal ein Kran auf den Intihuatana fiel, den Sonnenstein, den heiligsten Stein dieser Anlage. "Eine Ecke wurde abgeschlagen", sagt Don Agustín enttäuscht. "Bei Filmaufnahmen für eine Bierwerbung!" Abends, wenn ein Trillerpfeifen-Konzert den Touristen signalisiert zu gehen, wartet Don Agustín am Ausgang und drückt jedem einen Machu-Picchu-Stempel in den Reisepass. "Danke für den Besuch, kommen Sie eines Tages wieder!"

Nachts gehört die Ruine des Lamas, es ist still. Am nächsten Morgen wird die Ponchoverkäuferin wieder hoffen, dass es regnet, der Guide auf seine Bühne treten, der Baugeologe beobachten, ob jemand stolpert, der Bauarbeiter seine Sisyphusarbeit fortsetzen, werden Timon und Pumbaa sich nach ihren Familien sehnen, wird die Feinmechanikerin Klopapier bereitstellen, der Träger seinen Rücken strecken, Don Agustín Lamaköttel fegen. So wird es weitergehen, immer fort, bis ans Ende dieser Tage.

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