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Karneval in Brasilien: Feiern bis zur Ekstase

Salvador de Bahias, im Nordosten Brasiliens, ist die größte Karnevalshochburg der Welt. Dort bereiten sich die Einwohner derzeit auf den Höhepunkt des Jahres vor.

Mit ohrenbetäubenden Trommelschlägen bahnt sich Olodum den Weg durch die verträumten Altstadtgassen von Pelourinho im Herzen Salvador de Bahias. Ehrfürchtig drücken sich die Passanten an die Häuserwände der türkis-bunten Kolonialhäuser aus dem 16. Jahrhundert. Die vibrierenden, schnellen Trommelschläge ziehen die Masse in ihren Bann: Sie tanzen, singen, klatschen und lassen sich von den Rhythmen der Berimbaus und Tamburine hypnotisieren.

Olodum ist nicht nur eine Percussion-Band. Sie ist die Verkörperung des schwarzafrikanischen Brasiliens und seiner Lebensart. Selbst Stars wie Michael Jackson und Paul Simon nahmen schon Lieder mit ihnen auf. Doch kurz vor Karneval verwandelt sich Olodum wieder in die Karnevalsgruppe, als die sie in den achtziger Jahren angefangen hat. Wie die meisten dieser Gruppen, die "Blocos Afros", tanzt und trommelt auch Olodum für die Götter ihrer Vorfahren: der afrikanischen Sklaven, die von den portugiesischen Kolonialherren in den Nordosten Brasiliens verschleppt wurden.Schon im Januar ziehen die Karnevalsgruppen aufgeregt durch die Straßen und proben für die verrückteste Woche des Jahres. Sie schneidern Kostüme mit afrikanischen Mustern, suchen neue Afro-Tanzrituale, improvisieren noch unbekannte Rhythmen. Der größte Straßenkarneval der Welt versetzt eine Million Menschen ins Schwingen und Tanzen. Der mitreißende Sambareggae aus den riesigen Lautsprecherwagen, den Trio Eléctricos, zieht sogar noch mehr Karnevalisten als Rio de Janeiro an.

Die Lebensfreude der Baianos wirkt wie ein Magnet. Ganz nach dem brasilianischen Sprichwort "Wenn ein Epizentrum des karnevalistischen Glücks sind die hügeligen Gassen in Pelourinho, der unter Unesco-Schutz stehenden Altstadt, und der Cidade Alta. Das närrische Treiben in diesen Kolonialvierteln macht nicht einmal vor einigen der schönsten Kirchen der Neuen Welt wie der prunkvollen Franziskanerkirche, der majestätischen Kathedrale auf der Praca Sé oder der Rosário dos Pretos Basilika halt. Auf den Kirchenstufen feiern die Karnevalisten sogar Candomble-Zeremonien, afrikanische Götteranbetungen, singen sich in Voodoo-Extase oder führen Capoeira vor, die tanzende Kampfsportart der afrikanischen Sklaven.Baiano nicht feiert, bereitet er sich gerade drauf vor" erholen sie sich für die kommende Tanznacht an einem der Traumstrände wie Praia do Forte mit seiner Meeresschildkrötenstation oder Morro de São Paulo auf der Insel Tinharé im Süden Salvadors.Wer von der Trommel-Ekstase eine kurze Erholung braucht, sollte unbedingt in den nur wenige Autostunden von Salvador entfernten Nationalpark Chapada Diamantina fahren. Wahrzeichen der zerklüfteten Gebirgslandschaft ist der 1200 Meter hohe Tafelberg Morro do Paí Inácio. Die felsigen Steilhänge und schroff aufragenden Felsplateaus erinnern an die Colorado-Canyons in den USA. Wasserfälle stürzen aus bis zu 400 Metern Höhe in tiefe Schluchten. Die Region im Herzen Bahias ist von einem kilometerlangen System von gigantischen Tropfsteinhöhlen wie der Gruta Azul mit ihrem schimmernd blauen Wasser durchzogen.Etwas weiter im Landesinneren, im Nachbarstaat Tocatins, lockt der Naturpark Jalapão mit einer noch völlig unberührten Landschaft. Erst langsam wird die Bergregion mit ihren kristallklaren Flüssen, Wasserfällen und Sanddünen vom Tourismus entdeckt. Tagelange sieht man keine Autos, keine Menschen und nur wenige Anzeichen von Zivilisation. Ein Allrad-Lastwagen ist die einzige Möglichkeit, die Schlammpisten und Bäche der unwegsamen "Wüste von Jalapão" zu durchqueren. Hotels gibt es nicht, nur Safaricamps am Ufer des Rio Novo. Ohrenstöpsel sind angebracht. Der Lärm der nahen Wasserfälle und der Kröten ist wirklich ohrenbetäubend.

Nur eine Flugstunde im Norden Salvadors, im Bundesstaat Pernambuco, befinden sich die Küstenstädte Recife und Olinda, nach Rio und Salvador die dritte traditionelle Karnevalshochburg Brasiliens. Zehn Tage lang verwandeln sich die beiden Kolonialstädte in einen einzigen Klangkörper voll schwarzer Magie und Folklore.Vor allem in den steilen Altstadtgassen Olindas faszinieren die Blasorchester mit ihrem "Frevo", einer Art brasilianischer Polkamusik. Mit farbenprächtigen Kostümen und spektakulären Tanz- und Akrobatikeinlagen tauchen die Karnevalsumzüge die wohl schönste Kolonialstadt Brasiliens in einen magischen Mix aus afrikanischen und indianischen Riten ein.Die Herrenhäuser, Kirchen und Verwaltungsgebäude aus dem 16. Jahrhundert lassen den vergangenen Reichtum der damaligen Zuckerrohrmetropole heute nur noch erahnen. Olinda gehörte mit Recife und Salvador zu den reichsten Städten Brasiliens. Als Europa im 19. Jahrhundert die Zuckergewinnung aus Rüben entdeckte, verlor das Küstenstädtchen an Bedeutung. Olinda verzaubert mit bunten Häusern, schmucken Künstlerateliers und Dutzenden von Kirchen und Klöstern, die sich in Türkis, Rosé und Ocker an den steil aufsteigenden Gassen aus Kopfsteinpflaster schlängeln.Aus den Steinen der zahlreichen Riffe vor dem Stadtstrand bauten die Portugiesen 22 Kirchen und 11 Kapellen. Schaut man vom höchsten Punkt der Stadt auf das Straßengewirr und den Convento São Francisco, das älteste Kloster Brasiliens, wird sofort verständlich, warum die Unesco Olinda zum Weltkulturerbe erklärt hat.Da es zur Karnevalszeit schwierig ist, ein Hotel in Olinda zu finden, sollte man sich eine schmucke Pousada an einem der Traumstrände in der Umgebung suchen. Neben dem vier Kilometer langen Palmenstrand von Porto de Galinhas und der reizvollen Bucht von Calhetas lockt vor allem die Insel Itamaracá die Sonnenanbeter mit abgelegenen Stränden. Richtung Norden säumt sich bis Natal im Bundesstaat Rio Grande do Norte ein Traumstrand an den anderen.

Das Fischerdorf Pipa und seine einsamen Strände, rund 80 Kilometer südlich von Natal, sind umringt von gigantischen, roten Steilklippen und türkisblauem Meer. Oftmals laden die Fischer Besucher zum Ausflug in ihren traditionellen Holzbooten ein. In der nahen Bucht Baía dos Golfinhos werden sie von Dutzenden Delfinen begleitet. Surfer sollten auf keinen Fall die meterhohen Wellen am einsamen Strand von Praia do Amor versäumen. Auf dem Weg nach Natal, der Stadt der weißen Sanddünen, sind Reitausflüge und Sonnenbäder an den Stränden von Pirangi und Tibau do Sol für viele Reisende ein Muss.Vorbei am Palmenstrand Cabo Branco, dem östlichsten Punkt Brasiliens, erreicht man Natal. Die Stadt wurde Weihnachten 1599 gegründet und trägt deshalb diesen Namen. Die Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Norte hat außer der von den Portugiesen zum Schutz gegen die Franzosen am 6. Januar 1598 erbauten Dreikönigsfest-Festung architektonisch zwar nicht viel zu bieten, aber ihre Umgebung ist dafür umso beeindruckender. Hier befinden sich die schönsten Strände des Nordosten Brasiliens.Neben den Stränden von Forte und Dos artistas sticht vor allem der Stadtstrand Ponta Negra mit seiner 120 Meter hohen Sanddüne Morro do Careca hervor, die im 50-Grad-Winkel steil im lauwarmen Türkis des Atlantiks eintaucht. Die größte Attraktion sind die etwas nördlich von Natal liegenden Dünen von Genipabu. Sie stehen unter Naturschutz und lassen sich am besten auf dem Rücken eines Dromedars erkunden. Wer mehr Action haben möchte, kann sich aber auch einen Buggy mieten.

Manuel Meyer, GMS

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