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Labrador: Durch die wilden Geisterberge

Den Torngat Mountains an der Nordspitze von Labrador eilt ein düsterer und gefährlicher Ruf voraus. Aber jenseits aller Spukgeschichten lässt sich in diesem Teil Kanadas eines der letzten unberührten Ökosysteme der Erde entdecken.

Von Heiko Wittenborn

Ich erinnere mich an einen Sommer vor ein paar Jahren, als ich in Kuujjuaq in Nunavik festsaß. Das Wetter war zu schlecht zum Fliegen. Die Piloten saßen die Zwangspause im Kuujjuaq Inn ab und erzählten Geschichten. In die Torngats, sagten sie, flögen sie nur, wenn sie unbedingt müßten. Die Winde dort seien zu gefährlich. Und außerdem... Ich wußte, was sie meinten. Ich selbst hatte schon einige Solo-Touren durch die der Ungava Bay zugewandte Seite der Torngats hinter mir. Auf einem dieser Trips hörte ich hinter mir ein Lachen, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Natürlich drehte ich mich sofort um, doch da war niemand.

Die Inuit kennen die Torngats seit 6000 Jahren. In ihrer Sprache bezeichnet "Torngak" Geister, die in den Klippen dieser Berge hausen. Doch daran denke ich nicht, als ich in der Saglek Bay das Stativ aufbaue. Endlich bin ich hier. Für Parks Canada soll ich im neuen Torngat National Park Reserve Bilder schießen. 2006 wurde der 9600 Quadratkilometer große Park gegründet. Das Novum: Er wird von der Regierung in Ottawa und den Inuit von Labrador gemeinsam geführt.

Ich darf ein paar Wochen Parkbeamte und Mitglieder verschiedener Inuit-Organisationen begleiten. Sie wollen das Terrain für ein neues Besucherzentrum und für Hikingtrails durch den Park sondieren. Eines Abends erzähle ich dem alten Tivi Etok, einem weisen Elder, von meinem Erlebnis auf der Ungava-Seite. Als Junge hat der Inuit in diesen Bergen gejagt. Etok wundert sich nicht. "Da muß irgendwo ein Grab gewesen", sagt er ernst. "Du hast einen Torngak gehört. Eine unglückliche Seele, die noch etwas auf Erden zu tun hat!"

Ein Land, vergessen von den Zeitläufen

Nach ein paar Tagen in den Geisterbergen wundert auch mich nichts mehr. Nicht einmal John Ronald Reuel Tolkien, da bin ich sicher, hätte sich eine spektakulärere, derart aufwühlende Landschaft ausdenken können. Diese ebenso breiten wie tiefen, von der letzten Eiszeit in U-Form gebrachten Täler, die zum Nordatlantik hin in atemraubende Fjorde übergehen. Der höchste Berg, der Mount Caubwick, ist zwar nur schlappe 1652 m hoch. Doch weil die Torngats steil aus dem Meer aufsteigen, nichts auf ihnen wächst und nichts den Blick auf sie verstellt, wirken sie höher und dramatischer als die Rocky Mountains. Messerscharf gezackt sind hier die Bergspitzen und Gebirgskämme, schwarz und leer gähnen die riesigen Amphitheater, und hin und wieder setzen tiefblaue Seen und in den Fjorden sattgrüne Uferstreifen das Auge fast schmerzende Akzente. Die Vegetation ist extrem spärlich. Nur Gräser und Moose wachsen hier, und im kurzen Sommer ein paar arktische Blumenarten. Und über 300 Meter gedeiht gar nichts mehr. Uralt und von den Zeitläufen vergessen wirkt dieses Land. Und alt ist es wirklich: Die Felsen der Saglek Bay gehören mit 3,6 Milliarden Jahren zu den ältesten der Welt.

Eine Bärin ruft um Hilfe

So extrem die Landschaft, so stark und außergewöhnlich sind die Beobachtungen und Erfahrungen, die ich hier mache. Im Nachvak Fjord bin ich mit einigen Inuit-Elders im Schlauchboot unterwegs. Irgendwann kreuzen wir den Weg zweier Eisbärinnen, die mit ihren Jungen durch den Fjord schwimmen. Später an Land begegnen wir ihnen ein zweites Mal. Die eine der beiden Bärinnen beoachtet uns von einer Klippe aus. Als wir uns ihr nähern, stößt sie ein unheimliches Geheul aus, das selbst die Elders noch nie gehört haben. Willie Etok, Tivis Bruder, vermutet einen Hilferuf, und tatsächlich: Kurz darauf kommt die andere Bärin herbei, und wir müssen den Strand räumen und uns in das Boot verziehen.

Ein U-Boot taucht auf

Wieviele Eisbären im Torngat National Park Reserve leben, ist nicht bekannt. Die Inuit geben jedoch an, noch nie soviele gesichtet zu haben wie in den letzten Jahren. Tivi Etok, der bei der Suche nach potenziellen Hiking Trails durch den Park mithilft, zeigt auf die Karte. Landeinwärts enden einige Fjorde nicht in einer Sackgasse, sondern führen als enge Täler quer durch die Geisterberge zur Ungava Bay auf der anderen Seite. "Das sind jahrtausendealte Eisbären-Korridore", sagt er, "da haben wir sie damals gejagt." Damals, damit meint Tivi die vierziger Jahre, als er für einen Hut voll Munition, Tee und Tabak von George River, das heute Kangiqsualujjaq heißt, bis zum sechs Tage entfernten Nachvak Fjord zog. Dort befand sich ein kleiner Handelsposten. Eines Tages, sagt er, habe er im Fjord auch ein schwarzes Rohr gesehen, das eine Weile durch das Wasser pflügte, plötzlich verschwand und dann mit einer großen schwarzen Büchse darunter wieder auftauchte. Dann habe sich eine Klappe geöffnet, und bärtige Männer seien heraus gekommen. Starr vor Angst habe er sich auf den Boden geworfen und ein Karibufell über den Kopf gezogen. Erst viele Jahre später habe er erfahren, dass er einem deutschen U-Boot begegnet war.

Îm Torngat National Park Reserve gibt es eine weitere Verbindung mit Deutschland. An einem sonnigen Tag fliegen wir nach Ramah Bay, einer Bucht rund 100 Kilometer weiter nördlich. Mit an Bord ist Anni Lidd. Die alte Inuit-Dame kam in einem Sommerlager auf dem gelben Strand, den wir gerade anfliegen, zur Welt. Ich staune, als sie verschmitzt lächelnd bis zehn zählt - auf deutsch. "Hab´ ich von den Missionaren in Hebron gelernt,", sagt sie, als wir aussteigen und gemeinsam über den Strand wandern. "Ihre Mission dort steht noch heute. Hier in der Ramah Bay stand bis 1904 auch eine." Die aus dem deutschen Osten stammenden Moravianer oder Herrnhuter Brüdergemeinde war die erste protestantische Glaubensgemeinschaft, die Missionare im großen Stil aussandte - so auch nach Labrador. 1771 gründeten sie in Nain die erste Missionsstation. Weitere folgten, darunter Okak, Hopedale und Hebron. 1871 bauten die deutschen Missionare in Ramah Bay ein schmuckes Haus mit einem kleinen Glockenturm auf dem Dach.

Der Nachlass der Missionare

1904 wurde die Ramah Bay Mission jedoch aufgegeben. Ein paar Inuit blieben zurück, darunter auch Annis Familie. Die Fundamente des Missionsgebäudes sind noch deutlich zu erkennen. Vor einem kleinen Felsbrocken bleibt Anni stehen und tippt mit dem Stiefel gegen etwas Rostrotes im Gras. Ich schaue näher hin: Die Moravianer haben einen Ofendeckel zurück gelassen, ein gusseisernes Prachtstück, wie es sie heute nicht mehr gibt. Ein paar Schritte weiter kniet Anni nieder und rückt ein paar Grasbüschel zur Seite. Zum Vorschein kommt ein Grabstein mit deutscher Aufschrift: "Ernestine Schneider, geb. Langosch, geb. in Pawlowitzke, Ober Schlesien 17ten Feb. 1839, entschlafen den 14ten September 1883". Ich finde noch mehr Grabsteine, darunter auch den eines fünfjährigen Jungen namens Ernst Wilhelm Filschke.

Auf Bergtour mit dem Karibu

Später an diesem Nachmittag wandert ein Karibu am Strand entlang und verschwindet hinter einem kleinen Wasserfall. Ich bin neugierig und nehme die Verfolgung auf. Hinter den Wasserfällen finde ich das Karibu in einer kleinen Höhle wieder. Offenbar sucht es dort Schutz vor den lästigen Moskitos, vor mir hat es keine Angst. Es ist groß und wohlgenährt, wahrscheinlich wegen der mineralienhaltigen Algen, die es hier in Hülle und Fülle gibt. Ich komme ihm so nah, dass ich es berühren könnte. So etwas habe ich noch nie erlebt. Dabei fotografiere ich die riesigen Karibu-Herden der Ungava-Halbinsel und Hudson Bay schon seit 14 Jahren. Die Erklärung: In der Ramah Bay werden sie nicht mehr gejagt. Denn hier und im Rest des Nationalparks lebt seit den fünfziger Jahren kein Mensch mehr. Die wenigen Inuit, die einst dort jagten, zogen nach der Schließung der letzten Missionsstation nach Nain und nach Kangiqsualujjaq.

Anni sitzt noch lange bei den alten Gräbern. 50 Jahre nachdem sie Ramah Bay verließ, ist sie an ihren Geburtsort zurückgekehrt. Zuhause wird sie die alten Geschichten erzählen, damit ihre Kinder wissen, woher sie kommen. Ich selbst höre keine Torngaks mehr - dabei muß ich gestehen, dass ich die grandiose und oft unwirkliche Kulisse der Geisterberge vermisse. Dies ist wahrlich eines der letzten ungestörten Ökosysteme auf der Welt.

Aufgezeichnet von Ole Helmhausen

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