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Mit der "QM2" nach New York: Suite Dreams auf der Queen

Die "Queen Mary 2" ist nicht nur eines der größten Kreuzfahrtschiffe, sondern auch der letzte Transatlantikliner, der Europa mit der Neuen Welt verbindet. Unsere Autorin war acht Tage lang an Bord.

Von Kerstin Herrnkind

Queen Mary 2

Am Ziel: Die "Queen Mary 2" passiert die Freiheitsstatue in New York

A whale!", ruft Mats, der Kellner, und scheucht die Gäste des Commodors Clubs auf Deck 9 der "Queen Mary 2" von ihren weißen Ledersesseln hoch an die Fenster. Aus dem Atlantik, der an diesem Nachmittag ruhig ist und tief dunkelblau wie in einem Bildband, taucht ein mächtiger Buckel auf. Für ein paar Sekunden. Meerwasser glänzt auf dunkler Haut. Dann taucht der Wal wieder hinab in die Tiefe. Schneller als die Kameras gezückt sind. Einen Moment lang ist es ganz still in der Bar. Es ist einer jener Augenblicke, in denen man begreift, warum Touristen mit einem Luxusliner über den Atlantik schippern.

Denn eigentlich ist die "Queen Mary 2", eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt, mit ihren funkelnden Kronleuchtern, roten Teppichen und befrackten Kellnern, nichts anderes als ein Fünf-Sterne-Hotel auf See. Sieben Tage dauert die Reise von Southampton nach New York. Sieben Tage Wasser und der weite Horizont, an dem nur ab und zu ein Schiff auftaucht. Und noch seltener ein Wal.

Ein schwimmendes Labyrinth

Nach dem Ablegen in Southampton sind die gelben Buchstaben der Ikea-Filiale noch lange zu sehen. Wie ein letzter Gruß. Ein bedeutungsloses Detail, denkt man. Vergisst es. Erst mal. Denn es gibt wahrlich genug zu sehen an Bord. Das Schiff ist ein Labyrinth, fünfzehn Stockwerke hoch. Ein eigener Kosmos, in dem man sich noch nach Tagen verläuft. Eine kleine Stadt mit eigenem Kino, Theater, einem Spielcasino, Ballsaal, Nachtclub, mehreren Bars, fünf Pools, Massagesalon, Fitnessclub, Planetarium, einer der größten Schiffsbibliotheken der Welt und Geschäften, in denen Goldschmuck neben gerahmten Fotos von Jackie Kennedy liegt. Ganz unten, tief unter Deck, soll es sogar eine Leichenhalle geben, in der vier Särge Platz haben.

Im Queens Room, dem Ballsaal auf Deck 3, lädt Kapitän Kevin Oprey zum Empfang. Die See ist ruhig. Kellner in dunkelroten Uniformjacken balancieren Sektgläser auf silbernen Tabletts. Der Kapitän lässt sich geduldig mit Passagieren fotografieren, hält eine kleine Rede und sagt zum Abschied: "Es gibt Leute, die wünschen sich ein raueres Wetter. "Nun ja, ich glaube, wir werden auf dieser Reise alle Wünsche erfüllen."

Ein paar Stunden später knarrt die Kabine. Der Wind heult, Regen prasselt gegen die gläserne Balkontür. Die Nacht ist schwarz. Das Meer grollt. Am Morgen regnet es noch immer. Das Meer verschwindet im Nebel. Doch dann verzieht sich die milchige Brühe. Und das Meer ist wieder dunkelbau und klar. In der Kunstgalerie hängen die Bilder schief.

Laufen lernen an Deck

Beim Rundgang durchs Schiff trifft man Gäste, die ins Klischee passen, Kreuzfahrten seien etwas für alte und/oder reiche Leute. Engländerinnen in Dinnerjäckchen, die als Double von Maggie Thatcher durchgehen könnten. Ältere Herren, die in der exquisiten Churchills Lounge ihre Zigarren paffen.

Doch das Publikum ist überraschend gemischt. Paare um die 50, junge Leute, Familien mit Kindern. Männer wie Chris, ein Hühne, bestimmt zwei Meter groß, der seinen einjährigen Sohn Cedrik im Tragetuch spazieren trägt. Der 38-jährige College-Professor aus New York war mit Familie auf Europareise, will jetzt mit dem Schiff nach Hause. Es sei "wunderbar" mit Baby an Bord, schwärmt er und erzählt, was es mit seinen Spaziergängen an Deck auf sich hat. "Cedric will laufen lernen, steht auf und verliert das Gleichgewicht, wenn das Schiff schwankt."

Der 21-jährige Diskjockey Kris Parker aus Florida war in Europa auf Tournee. "Ich mag das Fliegen nicht sonderlich. Deshalb nehme ich die Queen, um wieder nach Hause zu kommen." Und Martin Charboneau, 20, aus New York, hat einen erstaunlichen Grund für die Seereise. "Ein Flugticket ist auch nicht viel billiger", sagt der Student und verrät, dass er für seine fensterlose Innenkabine auf dem Deck 12 gerade mal 1300 Euro bezahlt habe.

Dinnieren auf zwei Ebenen: Die Kellner stehen am Eingang zum Britannia-Restaurant Spalier, dem Hauptrestaurant.

Dinnieren auf zwei Ebenen: Die Kellner stehen am Eingang zum Britannia-Restaurant Spalier, dem Hauptrestaurant.

Dinner im Art-déco-Ambiente

Sonya S.* (Name geändert) wärmt ihre Hände in der Schiffskantine an einem Becher schwarzem Tee. Die New Yorkerin sieht ein bisschen aus wie Sängerin Cher. "Repräsentative to the United Nations" steht auf ihrer Visitenkarte. Sie könne "schon gar nicht mehr zählen, wie oft sie auf Kreuzfahrt war", erzählt sie. "Dieses Schiff hat Klasse". Ihr Alter will Sonya nicht verraten. "Don't ruin my camoflage."

Sonya wohnt in einer Royal Suite, die bis zu fünfstellige Summen pro Person kosten können. Die Passagiere der Queens oder Princess Class speisen im Queens oder Princess Grill, wo Orchideen auf den Tischen stehen und die Teller auf silbernen Platten angerichtet werden.

Die Passagiere, die Standardkategorie gebucht haben, speisen dagegen unter gläsernen Kuppeln im Britannia-Restaurant. In zwei Sitzungen. Früh um 18.30 Uhr. Oder spät, um 20.30 Uhr. Es wäre dekadent, sie als Passagiere zweiter Klasse zu bezeichnen. Das Essen ist ausgezeichnet. Das Art-déco-Ambiente gediegen.

"Ich bin froh, hier arbeiten zu dürfen"

Ab 18 Uhr gilt Dresscode, den die Schiffzeitung jeden Tag bekannt gibt. Formell bedeutet: Herren in Smoking oder dunklem Anzug. Fliege oder Krawatte. Die Damen in Abendkleid, Kostüm oder Hosenanzug. Informell heißt: Jackett, dunkle Hose. Krawatte nur, wer will. Wer keine Lust hat, sich aufzubrezeln und Jeans und T-Shirt auch abends (tagsüber ist erlaubt, was gefällt) nicht ausziehen will, isst halt in der Kantine auf Deck 7. Es gibt an Bord 22 Stunden lang zu essen.

Das Personal ist rund um die Uhr im Einsatz. Crewmitglieder aus 60 Nationen, viele Philippinos, aber auch Brasilianer, Rumänen, Ungarn, Russen, Türken. Sie haben, so erzählen sie, befristete Verträge über ein paar Monate, obwohl sie schon seit Jahren für die Reederei Cunard arbeiten. Die Verträge laufen über ein paar Monate, werden verlängert oder auch nicht. Die Pressestelle der Reederei wird dies später weder bestätigen noch dementieren.

Die Crew ist unter Deck untergebracht. In Ein-, Zwei- oder Mehrbettkabinen. "For crew only" steht auf den Türen, die unters Deck führen. Manchmal steht eine Tür offen, gibt den Blick frei auf trostlose Gänge, nackten, grauen Fußboden. Die Frage nach der Bezahlung will niemand beantworten. Immer wieder hört man: "Ich bin froh, hier arbeiten zu dürfen."

Fast über dem Wrack der "Titanic"

Klar, der Mythos "Titanic", die auf dem Weg von Southampton nach New York verunglückt ist, reist mit. Am vierten Tag meldet sich, wie gewohnt um Punkt zwölf, der Kapitän über Lautsprecher von der Brücke. "Wir befinden uns 220 Seemeilen von St. John in Neufundland. Heute Abend werden wir auf gleicher Höhe sein mit der letzten Ruhestätte der Titanic, allerdings 280 Seemeilen nördlich entfernt", erzählt der Kapitän und wirbt für den Vortrag am Nachmittag. Thema: Der Untergang der Titanic.

Im schiffseigenen Theater gibt es Stunden später keinen freien Platz mehr. "Wir sind der Stelle, an der die "Titanic" gesunken ist, ganz nahe", sagt der Historiker Alex McDonald. "Der beste Tag also, über den Untergang zu sprechen." Und dann erzählt er. Von dem Steward, der in dunkler Vorahnung die Titanic verließ, bevor sie in Southampton in See stach. Dass die Funker auf See damit beschäftigt waren, die Grußnachrichten der Passagiere zu verschicken und Eisbergwarnungen verpennten. Dass die beiden einzigen Ferngläser an Bord weggeschlossen waren. Alles bekannt. Und trotzdem fühlt es sich jetzt auf hoher See anders an. Die Queen schwankt. Ganz leicht. Nach links, nach rechts. Wie tief ist es nochmal unter dem Kiel? 4000 Meter?

Doch heutzutage verlässt sich kein Kapitän mehr auf verpennte Funker oder Ferngläser. Am achten Tag, läuft die "Queen Mary 2" vor Sonnenaufgang sicher in den Hafen von New York ein. Lässt die Freiheitsstatue links liegen, nähert sich dem Lichtermeer. Und plötzlich sieht man sie wieder. Nach einer Schiffsreise über den Atlantik um die halbe Welt. Sie leuchten in der Dunkelheit. Die gelben Buchstaben der Ikea-Filiale im Hafen von New York.

Kreuzfahrer komplett renoviert: Die "Queen Mary 2" macht jetzt auch Hunde glücklich
Blick auf Southampton beim Auslaufen der Queen Mary 2

Blick zurück vom Heck auf Southampton: Bei der "Queen Mary 2" sind am Heck die Decks gestaffelt und ziehen sich in der Höhe weiter zur Schiffsmitte zurück. Daher bleibt für die Passagiere viel Platz zum Sonnenbaden auf den Liegen oder zum Abtauchen im Whirlpool.