Reisekolumne Allein gegen alle

Dabei sein ist alles, und umgekehrt. Das erste, was dem Besucher in Peking auffällt, sind die ungeheuerlich vielen Menschen. So der Eindruck von stern.de-Autor Stefan Schomann. Er berichtet während der Olympischen Spiele jede Woche vom Alltag in Peking.
Von Stefan Schomann, Peking

Am Westbahnhof, dem Xi Ke Zhan, herrscht dichtes Gedränge. Na ja, werden Sie sagen, am Hamburger Hauptbahnhof geht's auch ganz schön zu. Doch verglichen mit dem Xi Ke Zhan ist der eine Idylle. Wenn alle Hamburger zur gleichen Zeit den Hauptbahnhof stürmen würden, dann bekämen Sie vielleicht eine Ahnung von den Zuständen im Xi Ke Zhan.

Hier schlägt das Herz des ganzen Reiches. Ob die Züge in die Vorstädte fahren oder die 2400 Kilometer bis Hongkong, ob sie aus Xian kommen oder aus Sichuan, stets sind sie voll. Und ob die Passagiere dem Eingang (ru kou) oder dem Ausgang (chu kou) zustreben, stets stauen sie sich an diesen Engpässen. In aller Regel geht es dabei manierlich zu. Die Chinesen sind keine Rüpel, nur flink, energisch und eben ganz außerordentlich zahlreich. "Lady is first", lassen Sie einer neben Ihnen eingekeilten Dame den Vortritt - und schon haben Sie dreißig weitere Leute vor sich: Männer, Frauen, Kinder, Koffer und Kartons. Kavaliere kommen in Peking nicht weit. Warten Sie deshalb nicht, bis eine Lücke sich öffnet. Wenn Sie sie sehen, ist es zu spät. Sie müssen der Lücke zuvorkommen, darin besteht die Kunst.

Über den Autor

Stefan Schomann, geboren 1962, freier Autor und Reporter, lebt in Berlin und Peking. Zuletzt erschien sein Buch "Letzte Zuflucht Schanghai" im Heyne Verlag, eine wahre Geschichte aus den vierziger Jahren, über die Liebe zwischen einem jungen jüdischen Emigranten und einer Chinesin aus gutem Hause.

Mehr über ihn unter www.autoren-reporter.de

Jeder Wartesaal des Xi Ke Zhan besitzt die Ausmaße einer Basilika. Es gibt reichlich Sitzplätze, nur werden Sie nie einen bekommen. Wenn doch, warten Sie vermutlich im falschen Saal, oder der Zug ist bereits abgefahren. Dem Gedränge am Boden entspricht das Gedränge auf der Anzeigetafel. Schulter an Schulter schmiegen die Zeichen sich aneinander, Riegel aus roten Schriftsymbolen, undeutbar für die meisten Besucher aus dem Fernen Westen. Einzig die Ziffern bieten dem Auge Halt. 3871! Sie begrüßen sie wie alte Freunde. Vor allem, wenn sie mit den Zahlen auf Ihrem Fahrschein übereinstimmen. Aber Sie brauchen gar nicht wegzufahren, um hier Ihre erste Initiation zu erleben. Mischen Sie sich einfach nur unters Volk. Das Bad in der Menge wird Ihre Taufe sein.

Vom Bahnhof aus können Sie dann mit einem der vielen, vielen Taxis zu einer der vielen, vielen Sehenswürdigkeiten fahren. Deren größte und erstaunlichste der Pekinger Verkehr selbst darstellt. Dort erwartet Sie Ihre zweite Initiation. Ihr Chauffeur, auf den ersten Blick ein unscheinbarer Typ mit Lederjacke und kariertem Hemd, entpuppt sich als Großmeister seiner Kunst. Wie alle chinesischen Autofahrer verfügt er über serienmäßigen Rundumblick und den gleichen Lückeninstinkt, der bereits die Fußgänger im Bahnhof auszeichnete.

Die hohe Schule des Taxifahrens

Als echter Taxifahrer lauscht er gern Hörspielen und Geschichtenerzählern im Radio. Sie nehmen seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch - am Verkehr nimmt er eher unbewusst teil. Wofür hat er seinen Wagen? Einen Akrobaten auf Rädern! Anders ist es nicht zu erklären, dass er der Zangenbewegung der heranbrausenden Konkurrenz ein ums andere Mal entwischt, dass er andere Fahrzeuge niemals rammt, auch wenn diese ihm noch so brüsk den Weg abschneiden, dass er sich sagenhaft dünn zu machen versteht, um seine Kontrahenten in unmöglichen Winkeln zu umkurven, und sich im nächsten Moment sagenhaft breit macht, um von möglichst wenig anderen selbst umkurvt zu werden. So kommen Sie ganz gut voran. Zumindest bis zur nächsten Kreuzung. Dort verkeilen sich alle, als spielten sie Rugby. Aber es dauert keine zehn Minuten, dann spuckt dieser Mahlstrom Ihr Taxi wieder aus.

Weltmeister der Wissbegier

Weiter geht es zu den klassischen Attraktionen, zum Kaiserpalast und zum Himmelsaltar, zu den wuchtigen Stadttoren und den wimmelnden Einkaufsmeilen, in die rauchgeschwängerten Tempel und die rauchfreien olympischen Stätten. So viele Menschen Sie dort auch antreffen, aus Peking kommen die wenigsten. Die nämlich, so scheint es, besuchen fast alle eine andere Attraktion: den Tu Shu Da Sha, einen Buchladen im Zentrum. Doch was heißt Laden? Ein Buchpalast ist's, ein Tempel des Weltwissens. In flauen Zeiten zählt er 60.000 Kunden, in bewegten bis zu 100.000. Nicht etwa im Monat, nein, Tag für Tag. Ein ganzes Olympiastadion voller Leser! Das wäre dann Ihre dritte Initiation: Chinesen sind die Weltmeister der Wissbegier.

Dort, in dieser wahren Halle des Volkes, habe ich eine Postkarte gekauft. Sie zeigt einen Pandabären im Bambuswald. Wie ein pelziger Buddha sitzt er da, ruhig, gedankenverloren und - ganz allein. Er muss wohl auf einem anderen Planeten leben.

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