Tag 19 - Von Luang Prabang nach Pakbeng Prozession in Orange


2000 Mönche ziehen durch die Straßen von Luang Prabang und betteln um Almosen. Später erzählt uns ein Laote auf Deutsch von Liebe und Völkerfreundschaft – ein Tag der Werte.
Von Helge Bendl

Sie kommen aus den Schatten der Nacht, wenn die Stadt gerade erwacht. Plötzlich tauchen sie auf im Halbdunkel am Ende der Straße, gehen stumm an einem vorbei. Nur die Jüngsten sind nicht ins Gebet versunken und riskieren einen neugierigen Blick auf die Weißen, die unsicher am Rand stehen und nicht genau wissen, wie sie sich verhalten sollen. Die Novizen gehen am Ende der Prozession, voran marschieren barfuss und mit geradem Rücken die alten Männer mit ihren zerfurchten Gesichtern und ermöglichen den Gläubigen, durch eine Essensspende etwas Gutes zu tun. Ihre intensiv leuchtenden Gewänder färben diesen sonst so diesigen Morgen orange. Eine alltägliche und doch aufs Neue immer wieder besondere Szene – der berühmte Almosengang der Mönche von Luang Prabang.Da kann es in Luang Prabangs Altstadt inzwischen Internet-Cafés mit DSL-Verbindung geben und Restaurants, in denen die internationale Traveller-Gemeinde Pizza und Burger isst. Doch der dag bat, der allmorgendliche Almosengang der Mönche, hat sich sicher kaum verändert, seit der Theravada-Buddhismus vor mehr als sechs Jahrhunderten zur Staatsreligion erklärt wurde. Luang Prabang ist das religiöse Zentrum des Landes, hier leben 2000 Mönche und Novizen in 29 Klöstern, das ist viel für eine Stadt mit vielleicht 16.000 Einwohnern. Sie füllen die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärten Sakralbauten mit Leben und sind selbst zu einer Attraktion für Touristen geworden – obwohl man das eigentlich gar nicht laut weiter erzählen möchte, damit ihr Betteln um Spenden nicht zum Event verkommt.

Erpicht darauf, Englisch-Sätze an den Mann zu bringen

Einen Dank darf nicht erwarten, wer vor den Mönchen niederkniet und ihnen ein wenig Reis in die Schale legt. Es liegt an den Gläubigen, dankbar zu sein, den Tag mit einer guten Tat beginnen zu können. Die Mönche nehmen die Spenden zurück ins Kloster, sie sind ihr Mahl für den Tag. Später fällt auch das Schweigen von ihnen ab, und wer sich in Luang Prabangs Klöstern umsieht, wird immer einen Mönch oder Novizen finden, der sich gerne neugierig mit einem Ausländer unterhält. Jeder männliche Buddhist sollte einmal im Leben für eine gewisse Zeit ins Kloster gehen, doch für viele arme Familien ist es zugleich der einzige Weg, ihre Söhne zu versorgen und ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen. Viele Novizen sind erpicht darauf, ihre ersten auswendig gelernten Englisch-Sätze an den Mann zu bringen.Gerne wären wir ein paar Tage länger in Luang Prabang geblieben, doch wir müssen weiter mit unserem Schlauchboot – vielleicht lässt sich ja die Gruppe, die voraus gefahren ist, doch noch einholen auf dem Weg nach China. Der Mekong führt uns nach Westen und nicht nach Norden, was schon die französische Flussexpedition irritierte, weil die Männer die Quelle des Stroms ganz richtig in Tibet vermuteten. Wenn alle halbe Stunde ein Schiff vorbeizieht, ist es zwar immer noch übertrieben, von einer Wasserstraße zu sprechen, aber auf diesem Abschnitt ist auf dem Mekong so viel los wie nirgendwo sonst in Laos. Auch Touristen haben die Strecke für sich entdeckt – zwei bis drei Tage dauert die Fahrt in Richtung Houay Xai, dem Grenzort gegenüber dem thailändischen Chiang Khong.

Da spricht Einer Deutsch

Auch wir schaffen den Trip nicht in einem Tag, suchen uns am Abend in einem Ort namens Pakbeng eine Bleibe. "Guten Abend" hört man dann eine Stimme sagen und erschreckt sich, so unwirklich wirkt es, in diesem gottverlassenen Nest auf einen freundlichen Laoten zu treffen, der ein paar Brocken Deutsch sprechen kann. Daosadeth Khennavong hat aber mehr als Begrüßungsfloskeln parat. Wer sich mit ihm unterhält erfährt, dass der Manager des Guesthouses "Villa Salika" einmal in Leipzig studiert hat. Fünf Jahre, von 1980 bis 1985, verbrachte er in der damaligen DDR und ließ sich die Theorien der Agrarwissenschaft beibringen. Mehr als 2000 Laoten erhielten auf eine ähnliche Weise eine als Entwicklungshilfe gedachte Ausbildung - das war so üblich bei der organisierten "Völkerfreundschaft" zwischen den sozialistischen Brüderländern. "Nur verlieben durften wir uns nicht und mussten einen Vertrag unterschreiben, dass wir sicher wieder zurückkehren würden" erzählt Daosadeth Khennavong und schmunzelt. Die laotische Regierung stellte die heimgekehrten Fachleute gerne an, doch heute arbeitet kaum jemand mehr im erlernten Beruf, sondern eher im Tourismus als Guide oder als lokaler Partner bei Joint-Ventures. Auch Daosadeth Khennavong hat diesen Weg gewählt. Er ist in Pakbeng gelandet und nun verantwortlich für das Guesthouse mit dem schönsten Blick über den Mekong - da wird das Essen einmal zur Nebensache. Um halb Elf ist Zapfenstreich, der Generator knattert nicht mehr, und das Dorf versinkt in der Dunkelheit. Wer noch ein paar Zeilen lesen will oder auf die Toilette muss braucht eine Kerze.


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