Tag 21 - Von Houay Xai nach Chiang Saen Ende und Anfang


Am Goldenen Dreieck, nach fast 3000 Kilometern auf dem Mekong, ist die Expedition zu Ende. Doch Andy Leemann will nicht aufgeben: Er muss nach China. Irgendwie.
Von Helge Bendl

20 Sekunden. Das ist maximal die Zeit, die der Motor normal läuft und seine Leistung bringt. Dann fängt er an zu schnaufen, zu spucken, zu röcheln. Man muss das Gas wegnehmen, ihm eine kleine Verschnaufpause gönnen. Und das Spiel von neuem beginnen. 100 Meter voraus, dann treibt einen der Fluss wieder 50 Meter zurück. So geht das schon seit Stunden. Nach fast 3000 Kilometern auf dem Mekong scheint der Strom kurz vor unserem Ziel gesiegt zu haben über die moderne Technik. Vermutlich hat das schlechte laotische Benzin die Leitungen des Motors verstopft, die Einspritzung funktioniert nicht mehr richtig. Spezialisten werden bald klären, woran genau es gelegen hat. Doch jetzt müssen wir erst einmal das verdauen, was Expeditionsleiter Andy Leemann gerade gesagt hat. "Die Entscheidung fällt mir schwer. Die Boote sind ideal für die Strecke, weil sie so viel aushalten und bis jetzt nie Probleme gemacht haben. Aber mit derart defekten Motoren kann ich nicht mehr weiter fahren. Die Expedition ist in Chiang Saen zu Ende."

Über allem schwebt ein Kran

In Chiang Saen, dem Zentrum des für den Opium-Handel berühmt-berüchtigten "Goldenen Dreiecks", sehen wir zum ersten Mal seit langem wieder einen richtigen Hafen. Frachter aus China liegen hier, weiter dürfen sie nicht fahren. Mit rostigen Dellen sind sie gezeichnet von der schwierigen Fahrt durch die felsigen Schluchten, die den Mekong weiter nördlich so wild machen. Über allem schwebt ein Kran, der die beiden Expeditions-Schlauchboote aus dem Wasser heben wird. Armin Schoch, der Logistiker unserer Mekong-Fahrt, wartet auf uns und hat wieder einmal alles organisiert. Doch diesmal ist es leider zu perfekt, alles geht zu schnell. Schnell noch ein Erinnerungsfoto! In einer knappen halben Stunde sind die RIBs dann aus dem Wasser und auf dem Laster. Die Luft ist raus, im doppelten Sinn. Am Abend wird es ein Abschiedsessen mit der Crew geben, bevor alle nach Hause fliegen. Niemand hat es bislang geschafft, mit Schlauchbooten von Saigon bis ans Goldene Dreieck zu fahren, fast 3000 Kilometer weit in drei Wochen. Das ist eine enorme Leistung. Aber das Ziel - das erklärte Ziel China - haben wir mit den RIBs nicht erreicht.

Ganz anders als alles, was wir hier bisher gesehen haben

Wir schlendern entlang des Mekong. Ein Teakholzschiff liegt am Ufer, ganz anders als alles, was wir bislang auf dem Fluss gesehen haben. Man erkennt Kabinen auf zwei Stockwerken, Klimaanlagen, Liegestühle auf dem Sonnendeck. Offensichtlich ein Touristenboot, aber eines mit ganz anderem Design als die traditionellen Schiffe, die durch ihre geschwungene Form immer etwas Leichtes haben. Vorne flattert groß die laotische Flagge, dahinter die Fahnen von China, Thailand und Myanmar (Burma). Über der Brücke blinkt es dann Schwarz-Rot-Gold, und das ist keine Sinnestäuschung nach übermäßigem Opium-Genuss: Die "Mekong Sun" ist ein Fluss-Kreuzfahrtschiff des Deutschen Hans Engberding. Der Mann mit der bunten Brille, der an Bord die Landkarte von Laos studiert, stellt sich als Inhaber von "Lernidee Reisen" heraus. Er ist mit dem Boot auf einer letzten Erprobungsfahrt unterwegs, ab Januar wird die "Mekong Sun" zwischen dem chinesischen Jinghong und dem laotischen Luang Prabang verkehren. "Ich wollte das schönste Schiff in diesem Abschnitt des Mekong bauen", sagt der Asienkenner selbstbewusst, der inzwischen auch in Luang Prabang wohnt. "Bislang hatten Touristen keine Chance, den Fluss auf der ganzen Strecke von China bis zur alten laotischen Königsstadt zu erleben." Maximal 28 Gäste werden an Bord sein und der Touristik-Fachmann verspricht eine "Erlebnis-Reise mit einem Schuss Abenteuer." Denn der Mekong ist auf der Strecke von China bis zum Goldenen Dreieck so wild, dass er bis vor kurzem als nicht schiffbar galt - zu viele Felsen, zu viele Stromschnellen, zu viel Strömung.

Gibt es denn keine Möglichkeit?

Im neuen Jahr könnten wir also diesen Teil des Mekong mit einer "Lernidee"-Gruppe erleben, doch jetzt gibt es keine Chance - Hans Engberding fährt nach Luang Prabang zurück. Es gäbe vielleicht die Möglichkeit, als Passagier auf einem chinesischen Frachter mitzufahren, doch so etwas lässt sich auch nicht schnell organisieren. Außerdem hat Andy Leemann die Expedition ja für beendet erklärt. Doch dann bespricht er sich mit Logistiker Armin und wir setzen uns noch einmal zusammen. Brauchte die französische Expedition im 19. Jahrhundert nicht am Ende eineinhalb Jahre brauchte, bis endlich China erreicht war? Hatten die Männer nicht mit weit mehr Schwierigkeiten zu kämpfen als wir mit unserer modernen Technik - und gaben trotzdem nicht auf? Gibt es denn keine Möglichkeit, auf dem Fluss nach China zu kommen? "Auch wenn wir es mit den Schlauchbooten wegen der defekten Motoren nicht mehr schaffen - wir sollten versuchen, China zu erreichen und so kurz vor dem Ziel nicht aufgeben", sagt Andy Leemann. Wir beide von stern.de stimmen zu. Die anderen Crew-Mitglieder sind schon auf dem Heimweg - kommen wir als Dreier-Team ans Ziel? Logistiker Armin Schoch muss ebenfalls dringend zurück ins Büro seiner Touristik-Firma, doch er macht, was er in solchen Fällen immer tut: telefonieren. Nach einer halben Stunde meint er knapp: "Niemand scheint die Strecke wirklich zu kennen. Aber es gibt einen laotischen Speedboot-Piloten. Der sagt, er würde euch in sechs Stunden nach China fahren."

Mit Karacho im Niemandsland

Morgen sind wir also doch wieder auf dem Mekong unterwegs. Vor uns liegt die wildeste und wahrscheinlich auch schönste Etappe des Flusses. Wir werden mit Karacho im Niemandsland unterwegs sein, und dürfen streng genommen nirgendwo anhalten: Wir starten genau am Drei-Länder-Eck in Thailand, der Mekong bildet dann die Grenze zwischen Laos und Burma und für keines der beiden Länder besitzen wir noch ein Visum. Doch wenn einmal alles klappt dann sind wir am Abend 250 Kilometer weiter und tatsächlich am Ziel: in China.


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