Tag 3 - Unterwegs nach Pnomh Penh Grenzerfahrungen


Haben Sie schon einmal einen Beamten bestochen? In Kambodscha wird man darin zum Meister. Und übersieht dabei fast die Schönheit des Mekong.
Von Helge Bendl

Der Offizielle mit den blank polierten Lederschuhen und den vielen goldenen Sternen auf der uniformierten Schulter sitzt breitbeinig und träge hinter seinem Schreibtisch. Er blättert in ein paar Akten, blickt gelangweilt durch einen hindurch und sagt dann einfach: Nein. Draußen vor der Holzhütte lehnt sich ein untersetzter Mann mit einem nassen Handtuch um die Hüfte an einen Baum. Sonst trägt er nur ein paar Sandalen, steht scheinbar unwichtig am Rand – und doch ist dieser Mann der oberste Boss der Grenzkontrolleure. Er kommt gerade aus der Dusche, hört sich an, was sein devot buckelnder Adjutant zu sagen hat. Und schüttelt dann gemächlich den Kopf: Nein. Was so viel heißt wie: Leider immer noch nicht genug bezahlt.Dabei hatte heute Morgen alles bestens angefangen. Ein guter Start mit den Schlauchbooten, pünktlich um sieben Uhr nach einem kurzen Frühstück. Mit 40 Stundenkilometern jagen wir den Fluss hinauf. Expeditionsleiter Andy Leemann fährt voraus, schlägt große Bögen um die Lastkähne und Fähren, die unseren Weg kreuzen. Hinter ihm steuert heute Ola Holmgren das zweite Boot, ein 53-jähriger Schwede, der im normalen Leben Filme produziert und mit über 65 Auszeichnungen sehr erfolgreich dabei ist. Vor drei Tagen beim Start in Saigon hatten wir noch bangen müssen, ob er es überhaupt schaffen würde, an der Expedition teilzunehmen. Bei einer Taxifahrt verschwand sein Pass und ließ sich nicht mehr auftreiben. Der Fahrer hatte im Wagen angeblich nichts gefunden und die Polizei wusste auch nicht weiter.

Das erlösende Handy-Klingeln

Ohne seinen Pass und vor allem ohne die Visa wäre Ola Holmgren nicht einmal aus Vietnam herausgekommen und auf keinen Fall mit der Mekong-Expedition ohne die hierfür aufwändig ausgestellten Spezial-Visa hinein in Länder wie Laos und China. Am späten Abend vor dem Start klingelte dann plötzlich sein Handy und es gab eine Lösung. Für einen "Finderlohn" in Höhe von etwa der Summe, die es ihn gekostet hätte, in der schwedischen Botschaft in Hanoi einen neuen Pass zu beantragen, bekam er sein Dokument zurück. Kein Wunder, dass er jetzt die Fahrt genießt - Ola ist außerdem einer der Sponsoren der Mekong-Expedition und hat viel Geld dafür bezahlt, dass Aufkleber auf den Booten für seine Firma werben. Viel von seinem Gesicht sieht man aber nicht: Der sympathisch-ruhige Typ hat eine so helle Haut, dass er sich wie ein Wikinger vermummt hat, um sich vor der Sonne zu schützen, die schon am Morgen viel zu stark für die aus dem Winter kommenden Europäer auf den Fluss herunterbrennt.Breit ist der Mekong hier, sehr breit. Fast zwei Kilometer, voller Sandbänke und braun wie Milchkaffee. Am Ufer haben die Fischer eine intelligente Methode entwickelt, um mit wenig Aufwand viel zu fangen: Ihre Netze sind an eine große Holzwippe montiert, auf der sie vor und zurück balancieren. So senkt sich das Netz ins Wasser - gehen sie wieder ein paar Schritte zurück, hebt es sich mit den Fischen aus dem Fluss. Dicht besiedelt ist der Mekong hier, auf jedem Fleckchen Ufer wachsen Reis und Bananen. Rauchwolken am Horizont kündigen dann Ziegeleien an. Die fertigen Steine werden in dickbauchige "Sampans" verladen - die Frachtschiffe bringen sie in die aufstrebenden Städte in Vietnams Süden.

Dann die Grenze

Vietnams Zöllner sind anscheinend froh, dass sie die seltsame Truppe mit den eigenartigen Booten wieder los sind - sie stempeln die Papiere innerhalb von einer halben Stunde. In Kambodscha aber gibt es Probleme. Vier Mal schicken sie unseren einheimischen Guide zum Kopieren irgendwelcher Genehmigungen. Dann stellen sie zum dritten Mal die Frage, warum denn der eine Passagier zwei Pässe habe (was zwar völlig legal ist, aber ein willkommener Grund für die Herren, noch einmal eine halbe Stunde lang darüber zu diskutieren, ob sie die Antwort akzeptieren wollen oder nicht). Dass wir für die Expedition Visa für gleich vier Länder - Vietnam, Kambodscha, Laos und China - beantragen mussten und es hier sehr hilfreich ist, mehrere Pässe zu haben, weil die Botschaften nicht immer unbedingt schnell arbeiten, interessiert sie gar nicht. Wir könnten auch sagen, wir seien Drogendealer. Bei der entsprechenden Bezahlung wäre auch das wohl eine zufrieden stellende Begründung.Dann kommt, die Herren sind schließlich kreativ in ihren Methoden, die Gesichtskontrolle. Alle aus dem Team müssen noch einmal vor den Grenzbeamten aufmarschieren und immer noch freundlich lächelnd beweisen, dass sie wirklich diejenigen auf dem Passbild sind. Dann müssen wir die Formulare für die Einreise nach Kambodscha noch einmal ausfüllen. Genau gleich wie beim ersten Mal, penibel Zeile um Zeile, aber auch hier kommt es eigentlich gar nicht darauf an, was auf dem Papier steht. "Nur Schikane", murmelt der Guide, denn alle Papiere sind schließlich in Ordnung und außerdem ist die Expedition offiziell von der kambodschanischen Regierung genehmigt. Doch die Hauptstadt ist in diesem Moment weit weg und es heißt lächeln, lächeln, lächeln. Damit sich die Beamten nicht noch sturer stellen und die Weiterreise verweigern. Sie haben uns in der Hand: Es ist inzwischen Nachmittag und wir müssten eigentlich noch bei Tageslicht in den Hafen von Pnomh Penh einlaufen. Nachts sieht man das Treibholz nicht, dass auf dem Mekong schwimmt - ein Balken gegen den Motor und die Schraube wäre hin. Und den Weg vorbei an den Sandbänken würde man dann auch nicht mehr finden.

Zeit zum Umschauen

Ein gutes hat die Sache jedoch: Während Expeditionsleiter Andy Leemann mit Hilfe der Guides verhandelt, haben wir Zeit, uns umzusehen. Die Handelsstraße nach China, die sich die Franzosen vor 150 Jahren erhofften, gibt es zwar immer noch nicht, und mit Silber, Seide und anderen wertvollen Gütern aus dem Norden wird auch nicht gehandelt. Aber viel Verkehr hat es dennoch. Wasserbüffel weiden im Niemandsland zwischen Vietnam und Kambodscha - hier schmeckt das Gras anscheinend am besten. Mit Dollar, vietnamesischen Dong und den Riel von Kambodscha sind kleine Mädchen als Geldwechsler unterwegs und verkaufen uns mal ein Wasser, mal eine Cola - vier Stunden warten wir nun schon.Wer als Rucksacktourist von der vietnamesischen Stadt Can Tho im Mekong-Delta mit dem dunkle Rauchwolken ausstoßenden Schnellboot gen Norden nach Kambodscha fährt, wird gar nicht mitbekommen, dass auch er die Grenzbeamten bezahlt. Das Schmiergeld, bei normalen Touristen sind es etwa fünf Dollar, ist nämlich im Fahrpreis schon mit einkalkuliert. Wenn dagegen zwei graue Schlauchboote mit Motoren, die man hier noch nie gesehen hat, an der Grenze auftauchen, wird neu gerechnet. Wie viel die Unterhändler am Ende bezahlt haben, wollten sie nicht sagen, schließlich ist ja alles illegal. Es dürften aber mehrere hundert Dollar gewesen sein. Hätten wir nicht gezahlt, wären wir über Nacht, vielleicht sogar einige Tage lang hier hängen geblieben. Und die komplizierte Logistik wäre aus den Fugen geraten. Die Visa für Vietnam und China sind nur für eine bestimmte Zeit gültig, Route und Daten mit dem Militär abgesprochen. Hätten wir uns deutlich verspätet, wäre die Expedition schon am dritten Tag gescheitert. "Zu bezahlen ist eine Sauerei", sinniert Andy Leemann. "Aber alle müssen hier zahlen. Die kleinen Händler ein paar Cent, die normalen Touristen ein paar Dollar, und bei unserem Team haben sie nun eben richtig zugeschlagen."

Absterbende Motoren

Zeit für Stopps am Ufer bleibt nun nicht mehr - wir müssen schnell nach Norden, um Pnomh Penh noch zu erreichen. Vorher gibt es keine Unterkünfte und wir müssten ohne Schutz vor den allgegenwärtigen Mücken auf den Booten schlafen. Wir kommen gut voran - bis wieder einmal die Motoren streiken, genau wie gestern. Andy wird nervös, spielt mit dem Gas. "Das Benzin ist wahrscheinlich nicht nur mit Wasser verdünnt, sondern durch die Lagerung in den Fässern hat sich ein feiner Schlamm gebildet, der die Filter des Motors verstopft." Mit halber Kraft tuckern wir durch die Dämmerung, bis der Motor wieder abstirbt und wir ein wenig den Fluss zurücktreiben. Dann geht es wieder vorwärts. Und wir stoppen. Und fahren weiter. Und stoppen. Inzwischen ist es stockdunkel geworden - ohne das Nachtsichtgerät, das einer aus dem Team dabei hat, würden wir nicht einmal die Fischerboote mehr erkennen, die mitten auf dem Mekong ohne Licht treiben. Nur der Mond gibt der Landschaft ein paar Konturen.Hinter der nächsten Biegung dann ein heller Schein: Nur noch 20 Kilometer bis Pnomh Penh. Wir brauchen dafür mehr als eineinhalb Stunden, müssen Sandbänken ausweichen und Bojen, die ihren Zweck nicht erfüllen, weil sie nicht beleuchtet sind. Es geht vorbei am beleuchteten Königspalast, bis wir einen Platz zum Anbinden der Boote finden. Morgen werden wir nicht auf dem Mekong weiterfahren können, das steht fest. "Ich muss die Filter reinigen und die Motoren checken, wir können uns einen Ausfall weiter oben auf dem Fluss einfach nicht erlauben", entscheidet Andy, der jetzt ausnahmsweise einmal nicht mehr lächelt. Langweilig wird es morgen aber nicht werden: Auf dem Fluss zeichnen sich die Silhouetten der Drachenboote ab, mit denen die Kambodschaner im November in turbulenten Rennen das Ende der Regenzeit feiern.


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