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Thailand fünf Jahre nach dem Tsunami: Die von Krisen gebeutelte Traumküste

Weihnachten 2004 löste ein Seebeben im Indischen Ozean eine verheerende Flutwelle aus. Fünf Jahre nach dem Tsunami herrscht in Phuket und Khao Lak schon wieder Krisenstimmung.

Von Michael Lenz, Bangkok

Wenn man die luftige Lobby des luxuriösen Sarojin-Hotels betritt, tut sich ein kleines Paradies auf, das Kate und Andrew Kemp im thailändischen Khao Lak geschaffen haben. Der tropische Park mit Palmen, Bächen, Teichen und einem Pool erstreckt sich bis zum Strand der Andamanensee. Dichtes tropisches Grün vor den Gästevillen garantiert himmlische Ruhe.

Aber am 26. Dezember 2004 verwandelte sich das Paradies in eine Hölle, und die Kemps standen vor den Trümmern ihres Lebenstraums. Sechs Tage vor der für den Silvestertag 2004 geplanten Eröffnung rollte eine zehn Meter hohe Welle über das Sarojin und über den Ort Khao Lak hinweg. Ganze Dörfer verschlang der Tsunami, forderte 8000 Tote, vernichtete die Lebensgrundlage tausender Familien und machte zehntausende Menschen obdachlos. Von einer Sekunde auf die andere hatte sich das bei Deutschen und Skandinaviern beliebte Seebad in eine schweigende Geisterstadt verwandelt.

Dass nur zehn Monate später das Sarojin wieder Gäste empfangen konnte, verdankten die Kemps dem Glauben der Thais an die übernatürlichen Kräfte der Banyanbäume. "Unsere Mitarbeiter sahen es als gutes Omen, dass unser Banyanbaum den Tsunami überlebt hat. Das hat ihnen die Kraft gegeben, mit uns zusammen das Hotel wiederaufzubauen", sagt Kate Kemp.

Zwei Jahre Wiederaufbau in Khao Lak

Das Sarojin war eines der ersten Hotels in Khao Lak, das aus den Ruinen auferstanden war. Der gesamte Wiederaufbau der Region dauerte jedoch zwei Jahre. Die Hotels sind wieder da, die Dörfer - gegen so manchen Expertenrat - sind an Ort und Stelle wieder aufgebaut. Nop, der zwei Söhne in dem Tsunami verloren hat, gibt zu: "Mit meiner Familie so nah am Meer zu wohnen macht mich nervös. Aber was soll ich machen? Ich bin Fischer. Ich kann nirgendwo anders hinziehen."

Im nahen Phuket ging der Wiederaufbau schneller voran als in Khao Lak. Auch wenn die Ferieninsel wegen ihres hohen internationalen Bekanntheitsgrads vor fünf Jahren von den Medien zum "Gesicht des Tsunami" stilisiert wurde, waren im Vergleich zu Khao Lak die Zahl der Toten und die materiellen Schäden in Patong Beach, in Kamala oder Kata geringer. Der dicke Schlag ins Kontor kam für die vom Tourismus abhängige tropische Trauminsel Anfang 2005 durch den Massenexodus der Touristen. Die Hauptsaison war ruiniert, Tausende verloren ihre Jobs, kleine Unternehmen gingen Pleite.

Die neue Krise

Fünf Jahre nach dem Tsunami herrscht in Phuket und Khao Lak schon wieder Krisenstimmung. Zwei Jahre nach der Naturkatastrophe begann die noch andauernde innenpolitische Krise Thailands, deren vorläufiger Höhepunkt vor zwölf Monaten die achttägige Blockade des Flughafens von Bangkok durch die außerparlamentarische Opposition der "Gelbhemden" war. Der Thailandtourismus brach ein und die globale Wirtschaftskrise beschleunigt den Absturz. Der Verband der thailändischen Reiseveranstalter rechnet für die laufende Hauptsaison mit einem Besucherminus von 34 Prozent.

Die Urlauber, die jetzt nach Phuket und Khao Lak kommen, geben weniger Geld aus. Anand, der am Stand von Patong Liegestühle vermietet und Getränke verkauft, sagt: "Die Leute kaufen nichts mehr. Ich glaube, sie essen und trinken in ihren Hotelzimmern." Olaf Schomber, Chef der Firma "Khao Lak Guide", nimmt die schlechte Hauptsaison mit Galgenhumor. Der Pionier des Tourismus in Khao Lak sagt: "Wir haben zwei Jahre ohne Gäste überlebt. Da werden wir auch mit wenig Gästen zur recht kommen."

Vielleicht wäre alles noch schlimmer, hätte das thailändische Fremdenverkehrsamt nicht gleich nach dem Tsunami neue Märkte erschlossen: Australier, Araber und Russen haben Phuket entdeckt. Inder sollen die nächste Zielgruppe sein. Ob sie aber noch ein Paradies vorfinden werden, wird immer fraglicher. 2005, gleich nach dem Tsunami, mahnte die Handelskammer von Phuket die Inselregierung, die Gelegenheit des Wiederaufbaus auch zu nutzen, um endlich für Phuket eine langfristige, nachhaltige Entwicklungsstrategie in Angriff zu nehmen. Nichts passierte. Wolfgang Meusburger, Generalmanager des Holiday Inn in Patong Beach sagt: "Sie haben keine Vision."

Palmenparadies mit Schattenseiten

Phuket, in bunten Werbebroschüren als "Perle der Andamanensee" gepriesen, wird zubetoniert. Mangrovenwälder müssen Yachthäfen weichen, aber an die Entwicklung einer Infrastruktur für die Millionen Urlauber denkt niemand. Schon jetzt produziert das Touristenheer nach Schätzung der lokalen Zeitung "Phuket Gazette" 300 Tonnen Müll pro Tag, der unsortiert auf der Müllkippe von Saphan Hin landet, die nur weniger als einen Meter über der Flutmarke liegt und direkt an einen Mangrovenwald grenzt.

Ein Ärgernis für Touristen und Einheimische ist die Tuktuk-Mafia, deren Fahrpreise um das drei- bis Vierfache über den in Bangkok üblichen Taxitarifen liegen. Jeder Versuch der Provinzregierung, einen flächendeckenden Taxiservice und preisgünstige Buslinien zwischen den einzelnen Urlaubsorten auf Phuket einzuführen, ist an der Mafia gescheitert, die auch vor dem Einsatz von Gewalt zum Schutz ihres Monopols nicht zurückschreckt.

Schwieriger Umgang mit dem Erbe

Schwer tut sich Phuket auch im Umgang mit dem Tsunami. Einerseits will niemand daran erinnert werden. Es gibt in Patong Beach keine offizielle Tsunamigedenkstätte. Dann wieder ist der Tsunami als Geschäft willkommen. In den Andenkenläden sind noch immer Tsunami-DVDs mit den grausigen Bildern von Trümmern und Toten im Angebot. In Khao Lak hingegen herrscht ein Overkill an Tsunami-Erinnerung. Jedes Dorf hat sein Tsunami-Museum; die Boote, die von den Monsterwellen mehr als einen Kilometer ins Hinterland geschleudert wurden, gehören inzwischen zu den Touristenattraktionen wie die Traumstrände.

Nicht gut bestellt ist es um das Tsunami-Warnsystem an Thailands Küsten. Erst im September war mit viel Mediengetöse in Anwesenheit eines Ministers auf Phuket eine Tsunami-Warnübung abgehalten. Die Sirenen heulten, Touristen und Einheimische hatten ihren Spaß bei der gespielten Flucht vor der Flut. Der Minister feierte die Übung als Erfolg. Doch die Aktion diente der Beruhigung von Touristen kurz vor der Hauptsaison. In Wirklichkeit war das Warnsystem seit fast zwölf Monaten außer Betrieb. Grund: Die Batterie der Tsunami-Warnboje weit draußen im Indischen Ozean war leer, und die Behörden in Bangkok stritten darüber, wer für die von den USA geschenkte Boje zuständig ist. In letzter Minute vor dem fünften Jahrestag wurde die Boje mit einer frischen Batterie versehen.

Ob die Warnsignale an der Küste von Phuket und Khao Lak empfangen und in Sirenengeheul umgesetzt werden können, ist keine ausgemachte Sache. Immer wieder wurden in den vergangenen fünf Jahren die Kabel der Tsunami-Warntürme gestohlen. Kupfer ist ein begehrter Rohstoff und bringt bei den Schrotthändlern viel Geld.

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