Thailand in der Krise Luxustourismus im Rückwärtsgang


Thailand ist doppelt gebeutelt. Durch die weltweite Finanzkrise und die innenpolitisch unsichere Lage bleiben die Touristen aus. Doch preiswerte Angebote locken neue Gäste nach Phuket und verdrängen Urlauber aus Deutschland.
Von Michael Lenz, Bangkok

Überraschung bei der Einreise an Bangkoks internationalem Flughafen: Ende September gibt es keine Schlangen an der Passkontrolle. Abends beim Bier in einer Kneipe in der Silom-Straße das gleiche Bild: gähnende Leere auf den Bürgersteigen, auf denen sich sonst Tausende von Touristen sowie Nachtschwärmer auf dem Weg in die Bars des Amüsierviertels Patpong drängeln.

So sieht die Krise in Thailand aus: Im lebenslustigen Bangkok ist nichts mehr los. Die Hotelzimmer stehen leer, trotz Sonderangeboten wie das des Pinnacle Lumphini, das ein großes Transparent über die viel befahrene Soi gespannt hat, auf dem steht: "Drei Nächte zum Preis von zwei." Lebhaft wie immer hingegen geht es am Busbahnhof Ekamai zu, wo die Busse ins Bade- und Sündenbabel Pattaya abfahren. Sonne, Sex und Bier stehen offenbar auch in Krisenzeiten hoch im Kurs.

Unsicherheitsfaktor Innenpolitik

Zum einen leidet Thailand unter der weltweiten Wirtschaftskrise. Zum anderen unter den innenpolitischen Problemen, die mit dem Militärputsch gegen Ministerpräsident Thaksin Shinawatra im September 2006 ihren Anfang nahmen und seitdem durch die Verhängung von Ausnahmezuständen, gewaltsamen Krawallen in Bangkok und Pattaya für Schlagzeilen sorgen. Noch frisch im Gedächtnis vieler potentieller Thailandurlauber ist die achttägige Besetzung des Flughafens von Bangkok: Hunderttausende von Touristen und Geschäftsreisende saßen im vergangenen November in Thailand fest.

Am vergangenen Wochenende zeigten die Demonstration der "Rothemden", die Anhänger von Thaksin, in Bangkok und die gewaltsamen Proteste der konservativ-nationalistischen "Gelbhemden" an Thailands Grenze zu Kambodscha, dass das Politdrama noch lange nicht vorbei ist. Die Regierung von Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva steht auf wackeligen Beinen. Auch bereitet der aktuelle Gesundheitszustand von Thailands König Bhumipol zusätzliche Sorgen. Der profunde Thailandkenner Nirmal Gosh, Korrespondent der Singapurer Tageszeitung "Straits Times" in Bangkok, überschrieb seine Situationsanalyse zum Jahrestag des Putsches gegen Thaksin düster: "Drei Jahre danach sind die Thais noch weit vom Endspiel entfernt."

Thailand bleibt bei Wiederholern beliebt

Je nachdem, wen man fragt, ist die Besucherzahl seit der Flughafenbesetzung zwischen 25 und 35 Prozent zurückgegangen. Jedoch ist nicht jede Region gleich betroffen. Die Faustregel unter Hoteliers und Reiseveranstaltern lautet: Wer schon einmal in Thailand war, der lässt sich von Politdramen oder Naturkatastrophen nicht schrecken und kommt wieder.

Das Bild aber in Pattaya ist ein gemischtes. In den Bars und Geschäften im Zentrum zwischen Beach Road und Second Road ist schwer was los. Doch in vielen Hotels ist Trauer angesagt. Die Auslastung der auf Pauschalurlauber spezialisierten Herbergen liege unter 35 Prozent, weiß Heiko Klimanschewsky, dessen Boutiquehotel "Poseidon" in Pattayas Schwesterstadt Jomtien von der Krise weitgehend unberührt ist. "Individualreisende kommen noch nach Thailand", sagt Klimanschewsky und fügt hinzu: "Kleine Hotels und Qualität stoßen immer noch auf Nachfrage."

Fünf-Sterne-Hotels haben ein Problem

Neben den Hotels für Gruppenreisende gehören die Häuser der Luxuskategorie zu den Verlierern. "Die Fünf-Sterne-Hotels spüren die Krise stärker als die mit vier Sternen", sagt Wolfgang Meusburger, Generalmanager des Holiday Inn in Patong Beach auf Phuket. Aber bei den Luxusherbergen ist das Krisenbild nicht einheitlich. Das auf Paare spezialisierte "The Sarojin" in Khao Lak merkt die Krise kaum. Andrew Kemp, Eigentümer des Sarojin, stellt fest. "Die Leute wollen weiterhin einen schönen Urlaub haben. Aber sie sparen an den Nebenkosten. Sie gehen jetzt schon mal öfter im preiswerten Thairestaurant nebenan essen."

Von der Insel Phuket sind weniger Klagen zu hören. Zwar sind auch dort die Besucherzahlen aus den traditionellen Märkten rückläufig, denn weniger Briten verbringen auf der größten thailändischen Insel ihren Urlaub. Für sie ist der Wechselkurs zwischen Britischem Pfund und Thailändischem Baht so schlecht, dass ein Phuket-Urlaub fast unbezahlbar geworden ist. Aber Deutsche und Skandinavier, die beiden größten Urlaubsnationen auf Phuket und im benachbarten Khao Lak, kommen weiterhin in Scharen. "Wir hatten in Khao Lak die beste Nebensaison seit langem", sagt Christoph Müller, Repräsentant von Rewe Touristik und DER in Bangkok.

Russen verdrängen Deutsche Urlauber

Ziele wie Phuket sind nicht mehr nur auf die europäischen Touristen angewiesen. Vielmehr werden seit einigen Jahren neue Märkte wie Indien und China und die Nachbarländer Singapur, Malaysia und Indonesien erschlossen. Seit den Bombenanschlägen von Bali haben viele Australier Phuket als tropische Alternative entdeckt. Ein weiterer Markt ist Russland. Ein Tourismusexperte auf Phuket vermutet, dass in der kommenden Hauptsaison die Russen die 200.000 deutschen Phuket-Urlauber von Platz zwei auf der Nationenhitliste verdrängen werden.

Niemand wagt eine Prognose für die kommende Hauptsaison. "Früher war es so, dass im September eigentlich die Buchungen drin waren", sagt Müller. "Wir gehen davon aus, dass auch für die Hauptsaison sehr kurzfristig gebucht wird." Eine Sprecherin der Tui stellt fest, dass Thailand im noch laufenden Sommer zu den Verlierern zählt. "Sicherlich eine Folge der innenpolitischen Unruhen im Land."

Weitere Horrormeldungen kommen vom Flughafen von Bangkok. Am Suvarnabumi Airport ist eine Bande auf das Plündern von Koffern spezialisiert, die auf dem Weg vom Flugzeug zu den Gepäckbändern transportiert werden. Eine weitere Bande beschuldigt Passagiere des Diebstahls, die sich in den Duty-Free-Läden Parfum und Alkohol anschauen, und erpresst im Verbund mit der Polizei - so der in Thailands Medien geäußerte Verdacht - erkleckliche Summen von den "Tätern", um sie vor Anklage und Gefängnis zu bewahren. Im Vergleich dazu sind die überhöhten Preise der Taximafia am Flughafen geradezu eine Kinderei.


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