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Township-Tour: Zu Gast in der Blechhütte

Soweto, südlich von Johannesburg. Synonym für Elend und Widerstand. Hier lebten Nelson Mandela und Bischof Desmond Tutu. Hier leben heute noch etwa 2,5 Millionen Menschen dicht gedrängt in Blechhütten, Bretterverschlägen oder kleinen Steinhäusern. Eine Tour durch das South Western Township (Soweto).

Von Kirsten Wörnle

Baragwanath-Taxi-Terminal um sechs Uhr morgens. Kolonnen von Toyota- und Nissankleinbussen drängen sich über den Asphalt. Sie stoppen kurz und kämpfen sich in drei, vier Reihen vorwärts. Es riecht nach Diesel und Kohlefeuer. Eine Frau brüht Kaffee über der Glut in einer Stahltonne. Händler verkaufen Süßigkeiten, Muffins, Fat Cake, Stockfisch und Wurstscheiben. Es gibt Zeitung, Windeln und Klopapier zu kaufen. Geduldig stehen die Menschen in langen Schlangen auf schmalen Gehwegen und warten auf ihr Sammeltaxi. Wagen für Wagen hält, die Seitentür wird aufgeschoben und einer nach dem anderen steigt ein. 18 Passagiere pro Bus.

Vom Taxiterminal zum Arbeitsplatz

"Wahnsinn. Das ist der Wahnsinn." Marko aus München steht mit ein paar anderen Touristen mitten im Gewühl und weiß gar nicht mehr, wo er seine Kamera draufhalten soll. Der junge Mann starrt gebannt auf das Schauspiel aus Fahrzeugen und Menschen. Morgen für Morgen starten hunderte von Bewohnern aus Soweto am Taxiterminal zur Arbeit. Die Zuschauer aus Europa stehen verloren dazwischen. "Ich zeige euch alles", hatte Jimmy Ntintili beim Start der Tour gesagt. Der 61-Jährige stammt selbst aus Soweto und ist inzwischen eine Institution in Sachen Townshiptourismus. Vor rund zwanzig Jahren brachte er erstmals Arbeitskollegen in das Viertel, um mal zu zeigen, "wie wir leben". Heute ist der quirlige Mann ein gemachter Touristikveranstalter mit "Jimmy's Face to Face Tours" (www.face2face.co.za).

Arbeiten in einer Wellblechhütte

Jimmy winkt seine Gäste wieder in den Bus. Weiter geht's durch eine bunt zusammen gewürfelte Landschaft aus Blechhütten, Bretterverschlägen und kleinen Steinhäusern. Bittere Armut grenzt an bescheidenen Wohlstand, manchmal in ein und derselben Straße. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so gemischt hier ist", sagt Peter aus Altmühltal. Jimmy stoppt bei einer Ansiedlung von Blechhütten. Ein paar Kinder kommen herbeigelaufen, Erwachsene schauen neugierig über den Gartenzaun. Jimmy führt seine Touristen in die Hütte von Elizabeth Gumede, eine Schneiderin. Das Maßband hängt ihr um den Hals, ein schwarzer Faltenrock liegt halb zusammengesteckt auf dem Tisch. Etwas zögerlich betreten die Touristen ihre Bleibe.Christine aus London begutachtet das Blechdach: "Wird das nicht super warm?" - "Im Sommer kann ich hier nicht arbeiten", sagt Elizabeth Gumede. "Wo ist dein Licht?", will Christine wissen. "Wir nehmen Kerzen", sagt die 61-Jährige. "Und was sind das für Wasserkanister?" - "Ich habe immer 60 Liter hier, falls meine Hütte brennt." Dann erzählt die Frau von kalten Wintern, vom teuren Parafin und von der jahrelangen Hoffnung auf ein bescheidenes Steinhäuschen. Die Gäste sind beeindruckt. Elizabeth zieht eine Schublade auf und kramt ein Bündel Briefe hervor. "Hier, aus Deutschland", sagt sie und reicht einen weißen Bogen herüber. Dann noch ein Foto von einem australischen Brautpaar. "Das Mädchen hat mir Nähgarn und Perlen geschickt."

"Townshiptourismus" entwickelt sich in falsche Richtung

Peter macht noch ein Foto von einer Gruppe Kinder, dann steigen die Touristen wieder in den Bus. Es folgen ein Abstecher in ein Waisenhaus, ein Stopp am Freedom Square, wo 1955 die Freedom-Charta unterzeichnet wurde, und ein Halt am Hector Pieterson Memorial für den dreizehnjährigen Schüler, der in den Aufständen von 1976 erschossen wurde und dessen Bild um die Welt ging. Schließlich biegt der Bus in die Vilakazi Street in Orlando West ein, wo einst Präsident Mandela lebte und ein paar Häuser weiter Bischof Desmond Tutu. Nach einem Stop in Wandie's Place, einer bekannten Shebeen mit afrikanischen Mahlzeiten, fährt Jimmy noch nach Mtswening. Er will zeigen, welche Auswüchse der wachsende Townshiptourismus auch hat. Mtswening ist eine Siedlung ärmlicher Hütten, an denen regelmäßig Touristenbusse großer Veranstalter stoppen. Als Jimmy seinen Wagen parkt, kommt ein etwa fünfjähriger Junge aufgekratzt herbeigehüpft und singt: "Imoto jabe lungu, imoto jabe lungu…" - Jimmy übersetzt: "Das Auto von den Weißen…" Kinder kommen an die Zäune, recken ihre Hände zu den Touristen und drängen "sweeties, sweeties". Ein kleines Mädchen hängt sich an Markos Arm und lässt nicht mehr los. Jimmy Ntintili macht seinem Ärger später Luft. "Inzwischen führen immer häufiger Weiße andere Weiße durch die Townships. Die Touristen gehen in die Viertel rein, reden nicht mit den Leuten, halten ihre Kameras drauf, drücken ab und verschwinden." Townshiptourismus - das war für ihn eigentlich Verständigungsarbeit und Wirtschaftsförderung für die Einheimischen. "Face to face" eben - sich befragen und antworten. Die neue Tendenz mag dem Soweto-Freund gar nicht gefallen: "Wenn Leute jetzt mit dem Betteln anfangen, dann stimmt der Townshiptourismus nicht mehr."

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