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USA: Zum Selbstmord nach Las Vegas

Glitzerstadt in der Wüste von Nevada, berühmt für seine Kasinos, spektakulären Hotels und aufregenden Shows. Immer wieder kommen jedoch Menschen in die Spielerstadt, die nicht mehr nach dem Jackpot suchen: Sie wollen allem ein Ende machen.

Glitzerstadt in der Wüste von Nevada, berühmt für seine Kasinos, spektakulären Hotels und aufregenden Shows. Immer wieder kommen jedoch Menschen in die Spielerstadt, die nicht mehr nach dem Jackpot suchen: Sie wollen allem ein Ende machen. Jeden Monat nimmt sich ein Tourist in Las Vegas das Leben, wie aus den gerichtsmedizinischen Daten des Bezirks seit 1998 hervorgeht. Warum ausgerechnet Las Vegas? Diese Frage stellen sich Angehörige und Behörden gleichermaßen.

"Las Vegas war eine seiner Lieblingsstädte", sagt Loni Chiarella. Ihr Ehemann, der 64-jährige Lawrence Orbe, fuhr von Kalifornien aus nach Nevada und nahm sich am 11. März ein Zimmer im Luxushotel Four Seasons. Fünf Tage später fand ihn ein Zimmermädchen mit einer Kopfschusswunde und einem Abschiedsbrief. "Sie haben ihn dort immer wie einen König behandelt", erklärt Chiarella die Begeisterung ihres Mannes für die Stadt. "Er hat Las Vegas geliebt."Las Vegas’ Status als Spielerstadt allein erklärt nicht die auffallend vielen Selbstmorde. In Atlantic City in New Jersey, das ebenfalls mit Kasinos lockt, nahmen sich im gleichen Zeitraum deutlich weniger Menschen das Leben. Die Zahl liegt etwa bei einem Drittel der Selbstmorde in Las Vegas. "Sie suchen sich Las Vegas aus, um sich zu töten", sagt der ehemalige Gerichtsmediziner im zuständigen Bezirk Clark, Ron Flud. "Das ist eine Tatsache."Zu den Gründen haben Angehörige und Experten unterschiedliche Theorien, die von der Anonymität der Stadt bis hin zur Verzweiflung über Spielschulden reichen. Aber jeder Fall ist anders. In einem Abschiedsbrief hieß es: "Hier gibt es keine Antworten."

"Ein Stopp und ich bin weg."

Vier Monate nach Orbes Freitod sprang die 30-jährige Gloreah Hendricks am 9. Juli aus dem neunten Stockwerk des Parkhauses des Hotels Aladdin. Ihre Familie hatte angenommen, sie wolle dort Urlaub machen. Ihre Tochter habe Las Vegas immer sehr gemocht, sagt Mutter Rosemary Pitts aus Alabama. Im Auto fand die Polizei eine Notiz: "Ein Stopp und ich bin weg."Der Schauspieler David Strickland zog erst mehrere Tage durch Strip-Clubs, bevor er sich am 22. März 1999 im Motel Oasis erhängte. Der 29-Jährige hatte nach Angaben von Kollegen unter Depressionen gelitten. Aber warum Las Vegas? "Diese Frage habe ich mir 100 Mal gestellt", sagt Judi Kagiwada aus Massachusetts, deren 39-jähriger Ehemann Terrence sich ebenfalls in einem Hotel erhängte.

Ein Ort der Anonymität

Angehörige nehmen an, die Verzweifelten suchen einen Ort, an dem ein Mensch verloren gehen kann und erst dann gefunden wird, wenn es zu spät ist. Experten erklären, einige suchten vielleicht nach einem letzten Hinweis, es doch nicht zu tun, einem Jackpot, einem Lächeln. "Man ist an einem Ort, an dem sich niemand kümmert", sagt der Soziologe David Phillips. "Es ist ein Ort, an dem man anonym sein und sterben kann." Phillips kam mit einigen Kollegen 1997 zu dem Schluss, dass Las Vegas die höchste Selbstmordrate der USA hat, bezogen auf Besucher und Einwohner gleichermaßen. Trotzdem sagt er:"Ich würde kein Geld auf eine bestimmte Erklärung setzen."Insgesamt haben sich seit 1998 mehr als 90 Menschen in Kasinos oder auf dem Gelände der Hotels das Leben genommen, Touristen wie Einwohner. Die Betreiber könnten mehr für die Verzweifelten tun, "aber sie wollen nicht mit uns in Verbindung gebracht werden", sagt Dorothy Bryant vom Zentrum für Suizid-Prävention in Las Vegas. So könnten die Hotels die Telefonnummer des Zentrums in den Zimmern auslegen.Der Vizepräsident des Hotels MGM Mirage, Alan Feldman, sieht dagegen kaum eine Möglichkeit, zum Selbstmord Entschlossene an der Tat zu hindern. "Wenn enge Freunde und Familienmitglieder es nicht verhindern können, wie soll dann der Portier plötzlich die Lösung parat haben?"

Adam Goldman, AP / AP

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