Vietnam Asche zu Asche


Wer stirbt, kann nichts mitnehmen. Schade eigentlich. Wie versorgt man also seine Angehörigen im Jenseits mit Autos, Häusern und Geld? In Vietnam kennt man die Lösung.
Von Helge Bendel

Neulich im ZDF, direkt vor der "heute"-Sendung - also zur besten Werbezeit, die man im Zweiten vermutlich verkaufen kann - machte ein Handwerk auf sich aufmerksam, das bisher nicht durch große Kampagnen in Erscheinung getreten ist. Weder Treppenlifthersteller noch Pillendreher zeigten da ihr Können. Jemand blätterte Seite um Seite in einem Fotoalbum um, eine Frauenstimme erzählte die passenden Geschichtchen zu den gezeigten Familienbildern, von der Jugend bis ins Alter. Auf der letzten Seite war dann - nichts mehr. Nach dem Schnitt folgte ein Hinweis auf die Qualität der deutschen Bestatter.

Ob jemals jemand an deren Kompetenz gezweifelt hat, weiß ich nicht. Aber vielleicht hat die Globalisierung inzwischen auch hier Einzug gehalten und der Werbespot ist dringend nötig: Um Konkurrenten in Asien abzuwehren, die Deutschland mit billigst hergestellten Särgen zu überrollen drohen, von deutschen Sarg-Designern patentierte Modelle gnadenlos kopieren und auch noch mit hochgiftigen Leimen zusammenkleben, mit der fadenscheinigen Behauptung, das potenzielle Opfer könne ja gar nicht mehr zu Schaden kommen, es sei ja schon tot.

Der Tote soll es gut haben

Der deutsche Bestatter ist vielleicht nicht Exportweltmeister, aber sicherlich weltweit führend, wenn es darum geht, Verstorbene fachgerecht zu beerdigen. Wichtiger ist aber doch die Frage, wie man als Angehöriger dafür sorgen kann, dass es seinen Angehörigen im Jenseits gut geht. Beten? Hoffen? Eifrig Stiefmütterchen pflanzen? Die Antwort bleiben die deutschen Bestatter schuldig. Vielleicht sollten sie einmal jemanden fragen, der sich damit auskennt.

Im Norden Vietnams, in einer der Altstadtgassen von Hanoi, lebt ein Dutzend Läden von der Toten-Versorgung. Motorräder und Telefone kann man hier für sie kaufen, Hemden und Taschenlampen, Ventilatoren und Fernsehgeräte, DVD-Player und die Miniatur-Version einer Luxuslimousine. Selbst eine prächtige klassizistische Villa gibt es hier, allerdings so klein, dass nur Liliputaner darin wohnen könnten. Wer sich nicht sicher ist, was der Verstorbene gerade nötig hat, wählt Goldbarren oder Geldscheine.

Dass das alles federleicht ist und nur aus Papier, ist eine Nebensache. Ob Buddhist, Christ oder Taoist: Viele Vietnamesen glauben fest daran, dass ihre gerade eben oder auch vor einiger Zeit verstorbenen Angehörigen die Hilfe der noch lebenden Menschen dringend nötig haben. Das Leben im Jenseits soll, so der weit verbreitete Volksglaube, ziemlich teuer sein. So gibt es in vielen vietnamesischen Familien einen Hausaltar, mit dem an die Toten erinnert wird. Andachten reichen aber nicht: Mal verbrennen sie hier ein paar Goldtaler, mal eine Puppenhausküche. Es heißt, der Rauch wandere ins Reich der Toten, so dass Gold und Gegenstände dort den Verstorbenen zur Verfügung stehen. Gott sei Dank klappt es auch mit Imitationen aus Papier - sonst ginge diese Tradition schließlich richtig ins Geld.

Papiergeld fürs Jenseits

Weil man selbst als überversicherter Deutscher stets an seine Zukunft denken muss, habe ich bei meinem letzten Vietnam-Besuch ein wenig in diesen Läden gestöbert. Haus und Auto waren mir zu unhandlich. Ich habe deswegen für einen Dollar einige Packen 100-Dollar-Scheine erstanden. Wenn ich tot bin, reicht das hoffentlich für den Start ins neue Leben. Jetzt muss ich nur jemanden finden, der die Banknoten dann eines Tages für mich verbrennt. Es kommt schließlich auf den richtigen Zeitpunkt an.

Im Moment beispielsweise ist im Jenseits die Versorgung mit Lebensmitteln erst einmal gesichert. In meiner neuen Heimat Berlin ist nämlich gerade ein Aldi-Markt in Flammen aufgegangen - die Polizei geht von Brandstiftung aus.


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