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Wellness im Fischbecken: Baden mit Barben

Gierige Fischmäuler statt sanfte Therapeutenhände: In asiatischen Spas sorgen Saugbarben für ein wohliges Körpergefühl. Anfänger hängen nur die Füße ins Fischbecken. Mutige tauchen ganz ab. Guck mal, wer da knabbert!

Von Michael Lenz

Uuap, uuap. Hunderte Fischmäuler ragen aus dem Bassin und gehen auf und zu. Uuap, uuap. Unter Wasser schwimmen noch mehr dieser grau-rötlichen, vielleicht zehn Zentimeter langen Saugbarben. "Da sind 30.000 Fische drin", sagt die nette Betreuerin von "Kenko Wellness Spa". Das scheint etwas übertrieben zu sein, aber einige tausend sind es schon. Da soll ich jetzt meine Füße reinstecken? Behutsam senke ich sie ins Wasser. Und ziehe sie sofort erschrocken zurück. Im Nu fallen hunderte dieser Fischchen wie ausgehungert darüber her, zuzzeln, knabbern und nuckeln an meinen Füßen, zwischen den Zehen, am Unterschenkel. Das ist zwar der Sinn und Zweck einer Fisch-Spa-Therapie, aber wohl war mir bei der Sache zunächst nicht. "Wissen die auch, dass sie keine Piranhas sind", frage ich mich.

Das englische Ehepaar neben mir ist nicht so ein Bedenkenträger. Es genießt seit der ersten Berührung mit den Fischlein aus der Familie der Karpfenfische das ungewöhnliche Spa-Vergnügen. Kaum haben beide ihre Füße in das Fischbasin gesteckt, lachen sie hoch vergnügt. Denn der Kontakt mit den nibbelnden Mäulern der Garra rufa, so der wissenschaftliche Name, kitzelt ungemein. An das Kitzelgefühl gewöhnt man sich schnell, wie auch an das Gewusel rund um die Füße. Als ich nach ein paar Minuten davon überzeugt bin, dass sich die glitschigen Viecher ihrer Identität als Saugbarbe bewusst sind, entspanne auch ich mich und gebe mich der fischigen Wellness hin.

Füße für Fischfeinschmecker

Es gibt auch Mini-Saugbarben. Die schwimmen im benachbarten Basin und fühlen sich ganz anders an. Sie sind ganz sanft, wie ein leichter Lufthauch, und erzeugen ein entspannendes Kribbeln in den Füßen. Offenbar gibt es bei menschlichen Füßen nach Ansicht der Fische Geschmacksunterschiede. Kaum hatte ich jedenfalls meine Gehwerkzeuge ins Wasser gehängt, waren sie von tausenden Minifischlein umlagert, während die asiatische Dame gegenüber plötzlich völlig ohne Saugbarben da saß. "Sie haben mir meine Fische weggenommen", schimpft sie und zog säuerlich in das Becken mit den größeren Kitzel-Fischen um.

In freier Natur leben die aus Anatolien stammenden Fische "in warmen, nährstoffarmen Gewässern in denen es einen evolutionären Vorteil darstellt, ohne Scheu auf Menschen zuzuschwimmen und dort die aufgeweichten oberen Hautschichten abzuknabbern". So mancher schreibt den Fischen gar eine echte medizinische Wirkung zu. Sie sollen Hautkrankheiten wie Schuppenflechte heilen, was jedoch nicht wissenschaftlich belegt ist. Dass aber Menschen mit Hautkrankheiten durch die Fischtherapie zumindest eine zeitweilige Erleichterung erfahren, ist unbestritten. Deshalb haben sich die Tiere einen Namen als "Doktorfische" gemacht.

Bei den Besuchern des Fisch-Spa von "Kenko" gleich unter dem Singapore Flyer, dem derzeit größten Riesenrad der Welt, steht aber mehr der Spaß- und Wellnesseffekt denn der medizinische Nutzen im Vordergrund. Eine halbe Stunde als Fischfutter zu dienen, kostet umgerechnet 14 Euro. Legt man noch fünf Euro drauf, massieren menschliche Therapeuten einem noch Nacken und Schulter, während die Füße von gierigen Fischlippen bearbeitet werden.

Medizinisch wertvolles Fischfutter

Die Kenko-Betreiber schwören Stein und Bein, dass das fischige Vergnügen nicht nur absolut ungefährlich und gesund, sondern trotz der promiskuitiven Kontakte der Fische mit Füßen aller Art auch hygienisch ist. Jeder Gast muss sich vor der Fischberührung mit einer flüssigen Seife die Füße waschen und gründlich mit (leider) kaltem Wasser abspülen. Die Fische können keine Hautkrankheiten von einem Menschen auf einen anderen übertragen. Zudem würden die Fischbestände oft ausgetauscht. Fische, die zu groß werden und damit über eine festere Bissfähigkeit verfügen, werden außer Dienst gestellt. "Die setzen wir im Fluss aus", erzählt die nette Betreuerin.

Es ist lustig im Fisch-Spa. Durch das Schaufenster starren Neugierige. Manche trauen sich rein und nehmen die fischige Angelegenheit näher in Augenschein. Ich gebe den Coolen, recke den Daumen, und sage strahlend: "Hey, das macht richtig Spaß." Ein chinesisches Pärchen lässt sich überzeugen, bucht eine halbe Stunde Fischmaulmassage. Die Betreuerin sagt: "In unserer Filiale gibt es auch Ganzkörpermassagen." Nackt in eine Badewanne voller Fische steigen, die um einen herumwuseln und überall knabbern? Nein danke! "Natürlich können Sie eine Badehose tragen", versichert mir die nette Dame.

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