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Freeride: Im Tiefschnee über alle Berge

Ski fahren, wo noch kein anderer gefahren ist - das ist Freeride. Hier gehen wir auf eine Safari durch drei Länder: auf unberührten Pisten rund um den Montblanc.

Von Johannes Schweikle

Unser Paradies liegt heute in Vichères. Ein kleines Skigebiet in der Westschweiz mit drei Liften und einfachen Abfahrten. Ideal für Familien mit kleinen Kindern, die erste Pflugbögen üben. Doch über Nacht hat es einen halben Meter geschneit. Als Marcel Frank, unser Bergführer, die blaue Piste verlässt und die ersten Schwünge auf den unberührten Hang legt, stiebt eine weiße Wolke auf. Nur seine orangerote Mütze schaut noch oben raus. Wir toben hinterher. Der Schnee fühlt sich federleicht an, nach jedem Schwung landest du wie auf einem weichen Kissen. Die Daunen wirbeln hoch bis zum Bauch. Du musst nur den Rhythmus halten, dann tanzen die Ski wie von allein den Berg hinunter. Unten drehen wir uns um, schauen hoch und bewundern die Zopfmuster, die wir in den Pulverschnee gelegt haben. Marcel strahlt und sagt: "Man muss nicht bis nach Kanada." Für die Freerider fängt der Spaß dort an, wo die Piste aufhört. Früher nannte man das Fahren im freien Gelände Variantenskilauf. Das war ziemlich schwierig, nur sehr gute Skifahrer hatten ihr Vergnügen im Tiefschnee. Dann aber kamen die Snowboarder.

Sie machten nicht nur Englisch zur Umgangssprache in den Alpen, mit ihren breiten Brettern konnten auch mittelprächtige Sportler rhythmische Spuren durch den Tiefschnee ziehen. Weil die große Freiheit am Berg ansteckend wirkt, hat die Skiindustrie nachgezogen und breitere Bretter entwickelt. Mit ihnen lässt sich der Schnee in seinem naturbelassenen Zustand leichter beherrschen. Seither verlassen immer mehr Wintersportler die gewalzten Pisten und drängen mit Macht ins wilde Gelände. "In Verbier findest du inzwischen kaum noch unverspurte Hänge", sagt Marcel, "so viele pflügen dort mit den breiten Ski durch den Pulver."Das Eldorado der Freerider hat keinen festen Ort. Es liegt immer da, wo gerade der beste Schnee gefallen ist. Für diese Woche hat Bergführer Marcel die Westalpen ausgesucht. Unsere Freeride-Safari findet im magischen Dreieck zwischen Verbier, Courmayeur und Chamonix statt. Wir wohnen in einfachen Hotels im Tal, setzen uns am Morgen ins Auto und fahren in das Skigebiet, das laut Wetterbericht das größte Glück verheißt. Wir haben die Wahl zwischen drei Ländern: Schweiz, Frankreich, Italien.

Die Lärchen sehen aus wie Kunstwerke aus japanischen Tuschzeichnungen

Dank der Tunnels am Großen Sankt Bernhard und durch den Montblanc stehen uns die schönsten Berge der Westalpen offen. Vor der ersten Tour macht uns Marcel mit der Sicherheitsausrüstung vertraut. Das Lawinensuchgerät wird um den Oberkörper geschnallt und unter der Skijacke getragen. Im Rucksack befinden sich die Lawinenschaufel und der Airbag. Dieser wird über einen Griff am Gurt ausgelöst und soll bewirken, dass man nicht unter die Lawine gerät, sondern oben auf der Schneemasse mitschwimmt. Neben der Piste üben wir, einen im Tiefschnee verbuddelten Lawinenpiepser zu orten. Wie ernst die Naturgewalten des Hochgebirges zu nehmen sind, zeigt sich zwei Tage später in Verbier. Wir stehen auf einem Gipfel, unter uns ein unberührter Hang mit mehr als 40 Grad Neigung, also richtig steil. Marcel befiehlt uns zu warten. Er rutscht vorsichtig ein paar Meter Richtung Kante - und löst mit seinen Skiern ein Schneebrett aus. Wir kehren um und nehmen die ungefährdete Route durch das Vallon d’Arby.

Claudia Sat aus Basel schaut mit flackernden Augen die steile Flanke hinunter. Sie ist Mitte 30, arbeitet als Shiatsu-Therapeutin und ist bislang nur auf der Piste Ski gefahren. Ein Freund hat sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in den Tiefschnee gelockt. Er sprach von einer Woche Skiurlaub, und erst als sie den Termin mit den Kollegen geregelt hatte, rückte er damit heraus, dass es sich um eine Freeride-Safari handelt. Claudia trägt Helm. Das Gute an den Stürzen im Tiefschnee ist, dass sie nicht wehtun. Man fällt weich, lästig wird es nur, wenn sich die Bindung öffnet und man in der weißen Unendlichkeit den Ski suchen muss. Je weiter wir uns von Pisten und Bergbahnen entfernen, desto intensiver wird das Erlebnis. Keiner drängelt, kein Anton aus Tirol nervt aus dem Lautsprecher, über dem Schnee liegt eine überwältigende Ruhe. Die Lärchen sehen aus wie Kunstwerke aus japanischen Tuschzeichnungen, jeder schwarze Ast ist mit einer weißen Linie nachgezogen. Am Grand Combin bläst der Wind Schneefahnen um den Gipfel. Der Berg gehört uns allein, und wenn Marcel eine Flanke für gefahrlos befunden hat, schwelgen wir in dem Gefühl, überall fahren zu können - in engen Couloirs oder zwischen den Bäumen, wo man nur wenig Platz zum Schwingen hat und mit den natürlichen Hindernissen spielen muss.

Gletscherspalten, filigrane Schneebrücken und türkisblaues Gletschereis

Um einen unverspurten Hang zu erreichen, schnallen wir die Steigfelle unter die Ski. Beim Freeriden sind die Aufstiege kurz, ganz anders als beim Skitourengehen, der bevorzugten Wintersportart von Toni Murer. Der Ingenieur kommt aus der Zentralschweiz, ist Ende fünfzig und so durchtrainiert, dass ihm fünf Stunden Aufstieg wenig ausmachen. Jetzt hat sich Toni zum ersten Mal auf eine Freeride-Safari eingelassen, und als Marcel wieder einen Hang mit hüfthohem Pulver gefunden hat, schwärmt er: "Da musst du schon hundert Touren gehen, bis du einmal so guten Schnee findest." Um an sein ersehntes Ziel zu kommen, nutzt der Freerider alle Hilfsmittel von Zivilisation und Technik. Durch den Tunnel am Großen Sankt Bernhard gelangen wir problemlos von der Schweiz nach Italien, vom Aosta-Tal geht es ein paar Tage später in der endlos langen Röhre durch den Montblanc nach Frankreich. Und in Chamonix katapultiert uns die Seilbahn von 1035 Meter Meereshöhe auf die 3842 Meter hohe Aiguille du Midi. Hier müssen wir einen Klettergurt anlegen, der Führer nimmt uns ans Seil, und mit wackligen Knien rutschen wir über einen schmalen Grat. Zum Glück ist ein Tau als eine Art Geländer gespannt, links geht es senkrecht in den Abgrund. Diese Mutprobe ist der Einstieg in die Abfahrt durch das Vallée Blanche. Sie führt 20 Kilometer über verschiedene Gletscher und bringt uns hautnah in Kontakt mit der betörenden Schönheit des Hochgebirges.

Vor uns leuchten die unwirklich spitzen Felsnadeln der Aiguille du Dru in tiefem Rotbraun. Die Zacke hinter uns, über der legendären Cosmique-Hütte, hat die Farbe von hellem Sand. Jenseits des Tals von Chamonix sehen die Berge der Aiguilles Rouges entgegen ihrem Namen grau aus, und über allem strahlt die weiße Haube des 4807 Meter hohen Montblanc. Wir staunen über filigrane Schneebrücken, die jähe Gletscherspalten überspannen, und am Mer de Glace türmen sich über uns haushohe Wogen aus türkisblauem Gletschereis. Im Spaltengelände müssen wir genau in der Spur des Führers fahren, keiner darf ihn überholen. Der Wind hat den Schnee zu bizarren Formen gepresst. Die Franzosen nennen das Crête-de-coq, und auf diesem harten Hahnenkamm sind die Ski nur mühsam zu beherrschen. Dann kommt ein steiler Hang mit griffigem Pulver, in den jeder seine Schwünge nach Belieben setzen kann. Am Petit Capucin geht eine Lawine nieder, aus sicherer Entfernung lässt sich das als dramatische Inszenierung betrachten: Von den Felswänden hallt dumpfes Grollen wider, über eine Klippe ergießt sich die weiße Masse wie ein Wasserfall.

Klischees der Freerider-Szene

In der Requin-Hütte machen wir Rast. Damit Licht durchs Fenster in die niedrige Stube fällt, musste der Wirt einen Tunnel durch eine zwei Meter dicke Schneewand graben. Die Nordwand der Grandes Jorasses ragt senkrecht in den tiefblauen Winterhimmel, Schneekristalle blitzen silbern in der Sonne. Nach einer Abfahrt über mehr als 2000 Höhenmeter steigen wir in die alte Schmalspurbahn, die gemächlich nach Chamonix zuckelt. Die Kneipe "Chambre Neuf" liegt gleich gegenüber dem Bahnhof. Am späten Nachmittag treffen dort junge Menschen ein, die sich beim Bier die größte Mühe geben, alle Freerider-Klischees in Szene zu setzen: Strickmützen auf verschwitztem Haar, leuchtende Zähne in tiefbraunen Gesichtern, eine blonde Schwedin mit Gipsarm säbelt an ihrer Frikadelle, eine Boygroup macht Livemusik, man tippt SMS und handelt Geheimtipps wie den Versorgungslift für Almbauern, den nur Insider kennen. Kein Skigebiet in der Nähe! Beste Chancen auf unverspurte Hänge! Nach einer Woche sind bei Claudia aus Basel alle Vorbehalte gegen die Freerider geschmolzen. "Früher habe ich sie für Spinner gehalten, nun bin ich selber einer."

... aber niemals ohne meinen Bergführer

"Geht nicht, gibt’s nicht", sagen die Freerider lässig. Doch sicheres Skifahren - auch auf schwarzen Pisten - ist Voraussetzung für diesen Sport

Sicherheit

Freerider üben ihren Sport im hochalpinen Gelände aus - ein Lawinen-Verschütteten- Suchgerät (LVS) sowie Lawinensonde und -schaufel gehören unbedingt zur Ausrüstung. Touren abseits markierter und überwachter Pisten sind nur mit einem erfahrenen und geschulten Bergführer zu empfehlen!

Ausrüstung

Breite Freeride-Ski mit Tourenbindung und Steigfellen.

Voraussetzungen

Sicheres Skifahren auch auf schwierigen (schwarzen) Pisten. Als Einstieg ins Freeriden empfiehlt sich ein Tiefschneekurs.

Angebot

6 Tage Freeride-Safari zwischen Verbier und Chamonix kosten bei dem Schweizer Anbieter Rock & Powder ca. 1060 Euro, inkl. Bergführer, Übernachtung (HP), Bergbahnen und Sicherheitsausrüstung ABS (Avalanche Balloon System). www.rockandpowder.ch, Seerosenweg 3, CH-6052 Hergiswil, Tel.: 0041/41/870 45 38.

Anreise

Mit dem Flugzeug nach Genf (dort landen auch Billigflieger), mit der Bahn nach Verbier (CH) oder Chamonix (F). Mit dem Auto: Die Tunnels am Großen Sankt Bernhard und durch den Montblanc bieten sichere Verbindungen, bei den Pässen Col de la Forclaz und Col des Montets ist nach Schneefällen mit Wintersperren zu rechnen.

Tipp

Chambre Neuf: Kultkneipe der Freerider am Bahnhof Chamonix; gute Bistroküche und Livemusik. 272 Avenue Michel Croz, Tel.: 0033/450/53 00 31, www.hotel-gustavia.com

Krönender Abschluss Wärme in der Therme: Terme Pré-Saint-Didier, Tel.: 0039/0165/86 72 72; www.termedipre.it

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