Klinikum Innsbruck Apres-Ski mit Vollnarkose

Bei rasanten Abfahrten gehören zu den schwersten Verletzungen Schädelhirntraumata
Bei rasanten Abfahrten gehören zu den schwersten Verletzungen Schädelhirntraumata
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Skifahren ist paradiesisch, aber oft enden rasante Abfahrten auf dem Operationstisch. Chefarzt Dr. Blauth und sein Team arbeiten rund um die Uhr. stern.de sprach mit ihm über schnelle Ski, den Obstler zwischendurch und die verflixte letzte Abfahrt.

Herr Dr. Blauth, wie haben Sie den Heiligabend verbracht; vor dem Gabentisch oder vor dem Operationstisch?

Tagsüber war ich in der Klinik, Röntgenbesprechungen, Visiten usw. Viele Kollegen meines Teams verfügen über außerordentlich umfangreiche, langjährige Erfahrungen und sind hervorragende Unfallchirurgen. Deshalb muss ich nachts nur bei besonderen Notfällen selbst am Operationstisch stehen. Traditionell zählt Heiligabend eher zu den ruhigeren Nächten des Jahres. Eine besondere Belastung für die Dienstmannschaft sind oft alkoholisierte Patienten zu vorgerückter Stunde. So war es auch in diesem Jahr. Die folgenden Tage lassen bei Bilderbuchwetter und ausgezeichneten Schneebedingungen viel Arbeit erwarten.

Mit dem Wochenende vor den Weihnachtstagen beginnt in den Skiorten die Saison. In der Woche davor stehen die Häuser noch leer, plötzlich sind alle Zimmer ausgebucht und die Pisten voll. Wann beginnt ihre Saison? Welches sind die schlimmsten Tage?

Das stimmt nicht ganz, die Saison hat schon längst begonnen, heuer aufgrund der guten Schneelage sogar besonders früh. Es gibt also keine schlagartige - sondern eher eine kontinuierliche Zunahme der Wintersportverletzungen. Die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern gilt in dieser Hinsicht als besonders "heiß". Während dieser ganzen Zeit reservieren wir mehr Operationszeit für Notfälle als in den übrigen Monaten des Jahres. Die "schlimmsten Tage" sind in der Regel Wochenendtage mit exzellentem Wetter und guten Schneebedingungen. Davon haben wir in Tirol sehr viele, was ja auf der anderen Seite auch ein großes Glück und Geschenk ist.

Gibt es ein großes "Gefälle" zwischen den Sommer- und den Wintermonaten?

Oft wird übersehen, dass bei uns auch im Sommer sehr viel potentiell verletzungsträchtige Sportarten betrieben werden: Fußballspielen, Mountainbiken, Klettern, Drachenfliegen usw. Dazu kommen die häuslichen Unfälle über das ganze Jahr und besonders auch die so genannten Altersfrakturen. Wir können uns also das ganze Jahr über nicht über mangelnde Arbeit beklagen.

Bereiten Sie sich auf die zu erwartende Lage mit Dienstplänen und Extraschichten vor? Verstärken Sie Ihr medizinisches Personal mit "Saisonkräften"?

Am Wochenende haben wir in den Wintermonaten zusätzlich zur normalen Besetzung von fünf Ärzten einen Oberarzt tagsüber im Einsatz. Sollte wirklich "die Bude brennen", sind viele Kolleginnen und Kollegen bereit, akut auszuhelfen. Die regelmäßige Bereitstellung von menschlichen und sonstigen Ressourcen muss natürlich irgendwo eine Grenze haben. An Wochentagen verfügen wir selbstverständlich über weit mehr Reserven.

Welches sind die gefährlichsten Unfälle?

Gerade die schweren Unfälle sind häufig gekennzeichnet von allen möglichen Verletzungskombinationen, d.h. verschiedene Körperregionen und -Systeme sind betroffen. Die Kombination dieser Verletzungen (Polytrauma) macht die Problematik für den Patienten und Herausforderung für Arzt und Pflege aus. Hier kommt es ganz wesentlich in einem Universitätskrankenhaus der Maximalversorgung auf eine ausgezeichnete interdisziplinäre Zusammenarbeit von uns Unfallchirurgen mit Anästhesisten, Intensivmedizinern, Radiologen und anderen "Organspezialisten" wie z.B. Neurochirurgen, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen oder Vizeralchirurgen an. So verfügen wir über einen Abklärungsalgorithmus für Schwerverletzte, der es uns in 15-20 Minuten nach Eintreffen erlaubt, sämtliche Diagnosen zu erkennen. Entsprechend gezielt und auf höchstem fachlichen Niveau kann dann therapiert werden. Dieses hervorragend und kollegial funktionierende "Netzwerk" zum Wohle der verunglückten Patienten zeichnet den Standort Innsbruck besonders aus.

Wo am Körper treten die meisten Schäden auf?

Bei den schweren Einzelverletzungen stehen Schädelhirntraumata mit oder ohne Gesichtsschädelverletzungen sowie Verletzungen des Brustkorbes und der Lungen an erster Stelle. Seltener aber sehr bedrohlich können Verletzungen der Oberschenkel, der Wirbelsäule, des Becken und nicht zuletzt auch innerer Organe sein.

Gibt es "Unfallmoden" - verändert sich die Art der Verletzungen im Laufe der Zeit?

Die Art der Verletzungen ändert sich eher nach den Begleitumständen als von Jahr zu Jahr. So nahmen im letzten Jahr und relativ schlechter Schneelage mit viel Kunstschnee die Schwere der Verletzungen zu. Das heißt es kamen viel mehr schwere Verletzungen und weniger leichtere "typische" Skiverletzungen zu uns. Das ist auch logisch. Wenn man bei viel Schnee von der Piste abkommt, fällt man eher weich. Wenn nur die Piste Schnee hat dann landet man unter Umständen ziemlich hart auf den Felsen. Es drängen sich bei diesen Bedingungen auch mehr Fahrer auf wenig Fläche. Außerdem fährt sich Kunstschnee wohl auch etwas schwieriger.

Hat das Material, also ob man einen Carvingski fährt oder, wie früher, parallele Skier, Einfluss auf die Art der Verletzung?

Allerdings kann man schon sagen, dass Veränderungen in der Ausrüstung Verletzungsmuster verändern können. Zum Beispiel sind Knieverletzungen jetzt häufiger und Knöchelfrakturen beim Wintersport durch bessere Skischuhe eher seltener. Und durch das bessere Material können auch Anfänger höhere Geschwindigkeiten erreichen, was dann wieder zu schwereren Verletzungen führen kann.

Nimmt die Zahl der Unfälle zu? Stagniert sie? Oder nimmt sie ab?

Erhebungen aus unserer Klinik über 4 Jahre haben gezeigt, dass die absoluten Zahlen erstaunlich konstant verlaufen. Auch die Anteile der Alpinfahrer, Snowboarder und Rodler schwanken kaum. Das soll einen natürlich nicht davon abhalten, sich weiterhin für die Prävention von Verletzungen einzusetzen. Einmal auf der Materialseite, zum anderen auch durch Aufklärung.

Ski alpin ist ein sehr schneller Sport, man erreicht Geschwindigkeiten, die man sonst nur geschützt in einem Auto erfahren kann. Statt Knautschzonen gibt es nur eine dicke Jacke. Kann man sich schützen? Was sagen Sie als Arzt zu Helm und Rückenprotektoren? Bringt das etwas?

Helme helfen mit Sicherheit, Kopfverletzungen zu vermeiden oder zumindest zu dämpfen. Wir haben uns in mehreren Aktionen nachhaltig für das Tragen eines Helmes stark gemacht. Rückenprotektoren bringen nur bei direkten Schlägen gegen die Wirbelsäule etwas, und sind damit eher etwas für Snowboarder, die ja naturgemäß häufiger auf den Rücken fallen. Das trügerische Gefühl der Sicherheit beim Tragen eines Protektors kann aber ins Auge gehen, wenn dadurch risikoreicher und mit mehr Tempo gefahren wird.

Für Kinder gibt es in Italien bereits die Helmpflicht. Sollte so etwas übernommen werden, eventuell auch auf Erwachsene ausgeweitet werden?

Das ist sicherlich eine sinnvolle Maßnahme, einerseits weil Kinder oft weniger kontrolliert Ski fahren, andererseits weil gerade Kinder bei Kollisionen mit viel schwereren Erwachsenen oft Kopfverletzungen davontragen. Erwachsenen sollten vernünftig genug sein, selbst zu wissen, was sie tun.

Stichwort "Ski (und Snowboard)-Rowdies": Sind die meisten ihrer Patienten an ihrem Unglück "selbst schuld" oder werden ihre Patienten eher von anderen "angefahren"?

Darüber gibt es keine systematischen Erhebungen. Die meisten Patienten stürzen wohl ohne Fremdeinwirkung oder kommen von der Piste ab und werden an Liftpfosten oder Bäumen abrupt gestoppt. Doch nicht selten - und das ist dann immer besonders tragisch - werden Wintersportler auch ohne ihr Zutun von anderen "abgeschossen". Eine umsichtige, defensive Fahrweise, ähnlich wie beim Motorradfahren, zahlt sich sicher aus.

Welche Rolle spielen Selbstüberschätzung, mangelnde Fitness oder fehlende Vorbereitung bei Alpin-Unfällen?

Damit dürften Sie die häufigsten Gründe für Unfälle beisammen haben. Gleichzeitig sind es Faktoren, die man selbst beeinflussen kann. Wer zu schnell auf zu schwerer Piste unterwegs ist, hat natürlich ein erhöhtes Unfall-Risiko. Müde Beine reagieren langsamer, da kommt dann die Fitness ins Spiel. Es ist auch bekannt, dass nachmittags und abends mehr Unfälle passieren, einfach weil der Grad der Ermüdung höher ist. Der Wert einer guten Vorbereitung kann nicht überschätzt werden. Wir erleben Touristen von teilweise sehr entfernten Ländern, die sich nach einem langen Flug noch am selben Abend mit rasch geliehenem Material irgendeine beleuchtete Piste hinunterstürzen. Die sind dann oft eine Gefahr für sich und andere.

Und die top-fitten Einheimischen? Landen bei Ihnen nur Touristen oder auch mal erfahrene Fahrer aus der Region?

Einheimische fahren in der Regel seit ihrer Kindheit und auch meist sehr gut. Der Grad der Fitness ist in der Tat ungewöhnlich hoch und das bis ins hohe Alter. Es ist den Menschen sehr viel wert, auf den zu Berg gehen oder Skifahren zu können. Die Kombination aus beidem, das Tourengehen, erfreut sich größter Beliebtheit. Trotz der Vertrautheit mit Schnee und Gebirge kommt es aber auch bei Einheimischen immer wieder zu folgenschweren Unfällen. Möglicherweise auch deshalb, weil man bereit ist, abseits der Pisten oder auf schwereren Strecken ein höheres Risiko zu gehen, als der Normalverbraucher. Die Faszination der Berge, im Winter und im Sommer, ist ungeheuer groß. Dazu kommt, dass die Leute aus der Region durchaus sehr viel Ski laufen. Wenn man jeden Monat an zehn Tagen zumindest halbtags Ski fährt und so im Jahr 40 oder 50 Tage auf den Brettern steht, dann hat man auch als Geübter durchaus das Risiko, dass mal was passiert.

Im Alpin-Profi-Sport wird von den Abfahrten und dem Material her an die Grenze dessen gegangen, was der menschliche Körper vertragen kann und manchmal geht man auch darüber hinaus. Ist das die richtige Vorbild-Wirkung?

Das ist bei der Formel 1, der Tour de France oder dem Whitbread Rennen auch nicht anders. Nur weil Alonso mit 250 durch eine Kurve kommt, sollte jemand "wie du und ich" das noch lange nicht probieren. Genauso weit ist der Durchschnittsskiläufer von den Profis entfernt. Und genauso wenig wird es gut gehen, wenn ein Anfänger versucht, "Benni Raich" zu spielen.

Spielen falsches oder altes Material auch eine Rolle - oder kommt es überhaupt nicht darauf an, den "optimalen" Ski zu fahren?

Passende Skischuhe und Bindungen, die je nach Fahrniveau rechtzeitig aufgehen, helfen Verletzungen zu vermeiden. Der Ski an sich macht kaum einen Unterschied, wobei moderne Ski allerdings schneller laufen und damit das Risiko eher erhöhen.

Obligatorische Frage: Manchmal fängt das Aprés-Ski-Vergnügen schon sehr frühzeitig an. Wie viele ihrer Patienten werden alkoholisiert eingeliefert? Machen sich auch kleinere Mengen Alkohol beim Skifahren schon negativ bemerkbar?

Wir erfassen den Alkoholspiegel im Blut nur dann, wenn es Konsequenzen zum Beispiel bei der Narkoseeinleitung hat. Die Verletzten, die ein oder zwei "Glaserl" getrunken haben und uns davon nichts erzählen sind vermutlich recht häufig. Alle Patienten routinemäßig testen, tun wir nicht. Auch darüber gibt es keine systematischen Untersuchungen. Da man davon ausgehen muss, dass Alkohol auch schon in geringen Mengen die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt, sollte man, wenn man nicht ganz auf Alkohol verzichten mag, wenigstens seinen Fahrstil entsprechend anpassen.

Freeride ist seit einigen Jahren ein großes Thema. Unberührter Schnee, weitab von den Pisten, halsbrecherische Abfahrten - an der Playstation geht das ganz leicht, in der Praxis nicht. Spiegelt sich dieser Trend auch im Unfallgeschehen wieder?

Pistenfahrer sind einfach viel häufiger, und deshalb auch häufiger verletzt. Das zunehmende Fahren abseits der Pisten schlägt sich je nach Wetterlage eher in den Lawinenstatistiken nieder.

Zusammenfassend: Ihre wichtigsten Ratschläge an die Skiurlauber, damit man der Urlaub nicht bei Ihnen in Innsbruck auf dem Operationstisch endet.

Gute Vorbereitung im Sinne von körperlicher Fitness, gutes Material, Helm tragen und den Alkoholgenuss auslassen oder auf ein Minimum beschränken. Es gibt ja auch noch Après- Ski. Und noch etwas: Ganz häufig verletzten sich Patienten auf der letzten Abfahrt des Tages, und gar nicht so selten dazu noch am letzten Urlaubstag. Einerseits fühlt man sich da schon sicher, weil man schon den ganzen Tag so gut gelaufen ist. Andererseits ist die Müdigkeit am Größten und das Licht oft diffus. Besondere Vorsicht also auf der letzten Abfahrt.

Interview: Marina Kramper

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