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Hampshire: Romantisch wie im Roman

In Englands Süden liegt die Welt der Schriftstellerin Jane Austen. Ein Wochenende in Hampshire macht vergangene Zeit lebendig.

Haben Sie im Kino den Film "Stolz und Vorurteil" gesehen? Diese Liebesgeschichte zwischen dem unnahbaren Mr. Darcy und der bezaubernden Lizzy Bennet? Der Film wäre nur halb so schön ohne die herrliche Landschaft, in der die beiden ständig umherwandern - einzeln, zu zweit, verliebt, verstört und endlich auch vereint. So würde man auch gern mal spazieren. Warum also nicht nach Hampshire fahren und sich reinfallen lassen in die romantische Welt der Schriftstellerin Jane Austen? Kein Problem. Das Four Seasons Hotel Hampshire liegt genau dort, wo Jane Austen ihre Romane angesiedelt hat. Dogmersfield heißt das Anwesen, ein stolzes Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, das auch schon als Militärunterkunft, Priesterseminar, Waisenhaus und Mädchenschule genutzt wurde, bevor es sich 2005 in ein Hotel verwandelte. Idyllisch liegt es auf einem Hügel, umgeben von sattgrünen Wiesen und prächtigen alten Bäumen, die Wellingtonia oder Lawsonia heißen.

Bei unserer Ankunft ist allerdings erst mal gar nichts zu sehen. Der Taxifahrer tastet sich durch dicken Nebel, verpasst zweimal die richtige Abfahrt nach Odiham, bis er endlich das schmiedeeiserne Tor zum Anwesen findet und die kleine Anhöhe zum Herrenhaus hinaufrollt. In der grauen Suppe machen wir einen Herrn mit Bowlerhat aus, Steve Dougherty, Doorman des Hotels und very British: "Good afternoon, Ladies." Vornehm ist es in Dogmersfield, zugleich heimelig und gemütlich, ein bisschen altmodisch, eben so richtig zum Eintauchen in eine andere Zeit. Allein schon die Halle mit den Pferdegemälden und dem offenen Kamin, in dem das Feuer leise prasselt! Und in die roten Ledersessel davor würde man sich am liebsten gleich hineinplumpsen lassen und nie wieder aufstehen.

Aber da lockt der Salon. Vier Uhr am Nachmittag, genau die richtige Zeit für den Traditional Afternoon Tea. Wir setzen uns ans Fenster, sehen zu, wie draußen der Nebel wabert, und schlürfen Earl Grey aus feinen, weiß-grau gemusterten Wedgwood-Tassen. Auf einer silbernen Etagere werden hauchdünne Schinkensandwiches gereicht. Und frisch gebackene Scones, kleine, äußerst köstliche Brötchen, die man noch warm mit Pflaumenmarmelade oder Zitronenquark bestrichen genießt. Jane Austen, so viel steht fest, hatte es nicht so gut wie die Gäste von Dogmersfield. Tee war teuer und Jane eine arme Kirchenmaus. Nachdem der Vater, ein Pfarrer, gestorben war, mussten Mutter Austen und ihre beiden unverheirateten Töchter sehen, wo sie blieben. Dabei hatten sie noch Glück, denn Bruder Edward, eins von insgesamt acht Austen-Kindern, war in jungen Jahren vom reichen, aber kinderlosen Ehepaar Knight adoptiert worden. So kam es, dass Edward ein Herrenhaus samt Ländereien erbte und mit seinen elf Kindern prächtig in elisabethanischem Stil wohnte. Der Mutter und den Schwestern überließ er ein Cottage ein paar Schritte weiter, wo sie ärmlich, aber einigermaßen versorgt lebten. In Chawton, eine halbe Stunde von Dogmersfield entfernt, kann man heute das Haus der Austen-Frauen besichtigen. Hier, in dem roten Backsteingebäude mit den weißen Sprossenfenstern, empfängt uns Tom Carpenter. Er weiß alles über Jane Austen. Sein Großvater kaufte 1948 das heruntergekommene Landhaus, in dem die Autorin ihre letzten Lebensjahre von 1809 bis 1817 verbracht hatte, und machte daraus ein Museum. Carpenter, ein blassblonder Rentner im Karojackett, glüht vor Stolz, wenn er seine Schätze zeigt: Manuskripte, Briefe, ledergebundene Erstausgaben und Übersetzungen ins Russische, Japanische, Persische. Aber auch Suppenteller, Messer mit abgeschabten Elfenbeingriffen, gestickte Deckchen und das Klavier, auf dem Jane angeblich jeden Morgen vor dem Frühstück spielte. Was davon Jane Austens Hände tatsächlich berührten, weiß niemand so genau, "es gibt nur mündliche Überlieferungen", sagt Carpenter.

Sicher ist er aber bei seinem Prunkstück, einem runden, einbeinigen Tischchen: An diesem winzigen Möbel vollendete Jane Austen "Stolz und Vorurteil". Weil die Schriftstellerin nie ein eigenes Zimmer hatte, arbeitete sie meist im Esszimmer. Sobald ein Fremder den Raum betrat, legte sie schnell ein Löschblatt auf ihre Notizen. Niemand sollte wissen, dass sie sich Romane ausdachte. Carpenter: "Sie war sehr diskret." Wenn man ihn ließe, würde er tagelang erzählen. Von Lady Mildmay etwa, die in Dogmersfield wohnte und die kleine Jane mit ihren hochmodernen Hüten im ägyptischen Stil beeindruckte. Oder von seiner Vermutung, dass Jane Austen Dogmersfield als Vorbild für das edle Anwesen von Mr. Darcy nahm. Lizzy Bennet fand es einfach "zu entzückend". Und langsam gerät man selbst ins Träumen, stellt sich Lizzy im Park von Chawton House vor oder Mr. Darcy, wie er mit eingezogenem Kopf die niedrige Tür des Cottage durchschreitet. Und es wundert einen gar nicht mehr, dass er da plötzlich selbst steht, "tall, dark and handsome". Na ja, eigentlich ist es nur Mr. Darcys Hülle: blauer Mantel mit braunem Samtkragen, beigefarbene Hose, helles Hemd - das Original-Filmkostüm des Schauspielers Matthew Macfadyen. Edward Austens Herrenhaus, nur 100 Meter weiter, beherbergt heute eine Bibliothek, die auf schreibende Frauen spezialisiert ist. Vornehm und ein wenig düster ist das Gemäuer. Man kann den Tisch bewundern, an dem die Familie aß und ab und zu wohl auch Jane. Amerikanische Austen-Fans nehmen gern reihum auf jedem Stuhl Platz, um später erzählen zu können, dass sie auf demselben Sitz saßen wie die verehrte Jane. Nur manchmal bringt eine Schulklasse Leben ins Haus. In Kostümen des 18. Jahrhunderts hopsen die Kinder dann vor dem riesigen Kamin herum, lernen wilde Scheunentänze und fühlen sich ein bisschen wie auf dem großen Ball in "Stolz und Vorurteil". Carpenter: "So laut und rau wie im Film geht es bei uns allerdings nicht zu." Jetzt aber zurück nach Dogmersfield, denn dort wartet schon das "Regency Dinner" auf uns, präsentiert von Koch Jamie. Ja, so heißt er wirklich, und er ist mindestens so nett und charmant wie Englands Kochstar Jamie Oliver. "Alles, was Sie nun zu essen bekommen, ist wie zu Jane Austens Zeiten zubereitet", behauptet er lässig, "frisch aus dem Garten."

Es ist zwar Winter, mit dem Gartengemüse also nicht so weit her. Und dass Jane Austen tatsächlich Kürbistortellini aß oder Chicorée mit Orangensauce, wawagen wir zu bezweifeln. Aber egal. Es schmeckt köstlich. Und vielleicht unterschätzen wir ja auch die Kochkünste der Austen-Ladys. Tom Carpenter jedenfalls behauptet: "Die haben gut gegessen, mit viel Minze, Rosmarin und Thymian." Jane allerdings dürfte eher ein Kochmuffel gewesen sein. "Schreiben erscheint mir unmöglich, wenn ich den Kopf voller Lammkeulen und Rhabarberkompott habe", klagte sie. Wir jedenfalls fallen mit gut gefülltem Bauch in unser Prunkbett, schmökern noch ein wenig in "Stolz und Vorurteil" und schlummern sanft dahin. Am nächsten Tag hat der Nebel sich verzogen, die Sonne strahlt vom Himmel, und aus der bestickten Bettwäsche heraus blicken wir durch die herrlichen alten Sprossenfenster über den Park auf Bäume mit roten Weihnachtsäpfeln, grasende Pferde, Schafe und einen Fischteich. Schnell ein deftiges Hampshire-Frühstück mit Eiern und Speck und dann nichts wie los. Vorbei am mauerumsäumten Kräutergärtlein, an der Krocketwiese und am runden Hochzeitspavillon, weiter über Wiesen und Felder bis zum Weiher. Ein jahrhundertealter Pfad führt hier vorbei. Dass sich im Lauf der Zeit Gatter und Zäune in den Weg stellten, irritiert kaum jemanden. Ab und zu muss man eben klettern, ganz normal hier in Hampshire. Die Schafe blöken zwar aufgeregt. Aber nur an ihnen vorbei kommt man zum alten Baxingstoke-Kanal, kann weiterwandeln über die zierlich geschwungene Backsteinbrücke von 1792 und gelangt im großen Bogen wieder nach Dogmersfield. Durchgepustet vom heftigen Hampshire-Wind kehren wir zurück. Da gibt's nichts Schöneres als einen Orange Pekoe Tea. Mit Milch und Zucker natürlich, auch wenn wir ihn zu Hause nie so trinken. Und erst jetzt fällt auf, dass unser kleines, rundes Tischchen im Teesalon genauso aussieht wie das von Jane Austen.

Anja Lösel / print
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