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Neue Dating-Show "Love is King" ist "Bridgerton" als Trash-TV: Olivia Jones spielt die Anstandsdame, während Jane Austen sich im Grabe umdreht

Olivia Jones als Königin
Dragqueen Olivia Jones überzeugt als Ihre Majestät in einem Traum aus rosafarbenem Bettlaken mit einem Frozen-Yogurt-artigen Gebilde auf dem Kopf
© Joyn/ProSieben/Benjamin Kis
Wer die neue Staffel von Netflix' erfolgreichster Serie "Bridgerton" kaum erwarten kann, darf aufatmen: ProSieben legt nach. Mit Dating wie im 19. Jahrhundert, Frauen in prinzessinnenhaften Einkaufsnetzen und Olivia Jones als Königin.

Nachdem Dating-Shows schon fast alles geboten haben – nackte B-Promis daten sich auf einer Insel, nackte C-Promis daten sich auf einer anderen Insel, Menschen heiraten, ohne sich überhaupt zu daten, bleibt anscheinend nur noch eines übrig: zurück ins 19. Jahrhundert.

Statt wie auf Dating-Apps "plump über Displays zu schweifen" sollen sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in der neuen Dating-Show "Love is King" auf ProSieben als Prinzen und Prinzessinnen verkleidet in einem Schloss kennen und lieben lernen. Was liegt schließlich näher, als der Fernsehgeneration, die Netflix-Serien wie "Bridgerton" und Neuauflagen von "Sissi" mit viel Sex und nahezu keiner historischen Faktentreue liebt, ein absolutes Trash-TV-Format in einem Schloss zu bieten?

Die Krönung des Trashes ist im wahrsten Sinne des Wortes Ihre Majestät Olivia Jones. Die Dragqueen, in einem Traum aus rosafarbenem Bettlaken und mit einem Frozen-Yogurt-artigen Gebilde auf dem Kopf, prüft, ob die Prinzen und Prinzessinnen das Zeug zum Adel haben. "Statt halbnackt und ungezogen im Pool zu fummeln, wird hier anständig angezogen um den Schlossteich gebummelt", fasst sie das Drama zusammen. Könnte man sich tatsächlich im Grabe umdrehen, die britische Schriftstellerin von "Stolz und Vorurteil", Jane Austen, hätte es spätestens jetzt getan.

Endlich Prinzessin sein – der Traum einer jeden Frau 

Zunächst bewertet die Dragqueen Jones die adelige Verwandlung der Teilnehmenden, mit der sie sichtlich zufrieden ist. Für die Männer gibt es Hut und Halstuch, für die Frauen pastellfarbene Rüschen und ein Diadem im Haar, wie man es auch zu Junggesellinnen-Abschieden auf der Reeperbahn trägt. Mit von genug Kölsch vernebeltem Blick würde das an Karneval durchaus als "Bridgerton"-Verkleidung durchgehen. 

"Aaaah!", kreischen die Teilnehmerinnen vor Begeisterung, als sie aus "dem Zelt der Verwandlung" das Schloss betreten und sich das erste Mal in einem der fake-vergoldeten Spiegel betrachten "Wow!", sagt Teilnehmerin Louisa, die statt Jeans und Top nun etwas trägt, das aussieht wie ein überdimensionales Einkaufsnetz mit Kragen. Wer kurzzeitig die Vermutung hatte, es sei in Wahrheit gar nicht der Traum einer jeden Frau, ein umständlich anzuziehendes Kleid zu tragen, als Prinzessin in einem Schloss zu wohnen und auf einen Prinzen zu warten, wird in diesem Format eines Besseren belehrt.

"Sich einmal wie eine Prinzessin zu fühlen und in einem schönen Kleid, in einem tollen Schloss auf den Traummann zu treffen, das ist eine märchenhafte Vorstellung", sagt Kandidatin Karima. Währenddessen wird die  Emanzipation in dieser Sendung gemeinsam mit dem guten Geschmack mit Fanfaren und einem Trauermarsch begraben.

Hilfe, Tischmanieren und Körperhygiene

Die Männer sind nicht weniger angetan von ihrem neuen Look. "Ich bin ein großer Fan von alter Zeit", erklärt Prinz Stanko. "Ich denke, das steckt mir schon im Blut, dass ich so ein richtig guter Ritter wäre." Seine Begründung: Sein Opa hatte Pferde.

Er und seine Mitstreiter sind hier, "um den Partner fürs Leben zu finden", wie natürlich alle Menschen, die an einer Dating-Show im Fernsehen teilnehmen. Dabei müssen sie in diesem Format nun auch noch vor dem strengen Blick Ihrer Majestät Olivia Jones der I. bestehen. Und das ist gar nicht so leicht, denn die Prinzen und Prinzessinnen sollen nicht nur atemberaubend aussehen, sondern müssen sich auch noch an die Hofetikette halten. Die beinhaltet unter anderem "Ästhetisch speisen" und "Körperhygiene." "Aaaah, so streng", finden die Teilnehmerinnen. Kein Wunder, dass es Meghan Markle nicht lange im britischen Königshaus ausgehalten hat bei derart harten Regeln. 

Lernen können Zuschauer neben guten Manieren aber noch mehr: Prinz Jerome hat ein paar Tipps parat, wie Männer bei einer Frau punkten. "Auch mal die Tür vom Auto aufhalten" und "Ich würde den Nacken massieren beim Nudelnessen".

Aber dieser clevere Trick wird hier wohl nichts, denn: Anfassen ist nur unter der strengen Aufsicht von Anstandsdame Olivia Jones gestattet.

Die "Bridgerton"-Version des "Bachelors" 

"Ein gewisser Intellekt hier bei einem Mann wäre super", sagt Kandidatin Janine derweil in einem anderen Zimmer des Schlosses und muss dann selber lachen.

Prinz Julian gibt sich modern und betont, dass er gar keinen bestimmten Typ Frau habe, schließlich gäbe es so viele verschiedene Frauen, "glaube ich". Nur eines ist ihm wichtig: "Sie sollte kochen können."

Mit dieser Ansicht steht er stellvertretend für alles, was die Sendung aussagt: Viele Männer und Frauen wünschen sich offensichtlich gar keine moderne Beziehung, sie würden lieber immer noch leben wie im 19. Jahrhundert. Die Männer wählen die Frau nach dem Aussehen, Stand und hauswirtschaftlichen Fähigkeiten aus, die Frauen warten einfach darauf, dass sie ausgewählt werden, anderes ist erst mal unwichtig. "Hoffentlich findet mich jemand toll", sagt Kandidatin Nora, bevor sie die Prinzen kennenlernen darf. 

"Frauen wollen Prinzessinnen sein und von einem Mann erobert werden", wird mehrfach betont. Es ist also nur konsequent, dass die Männer am Ende entscheiden dürfen, welche Dame sie zum Tanz auffordern und eine Frau übrig bleibt und die Sendung verlassen muss, die "Bridgerton"-Version des "Bachelors". Bedenklich, dass einige Frauen bei "Love is King" ausrasten vor Freude, wenn ein Mann höfliches Verhalten an den Tag legt. Und einige Männer sich erst dann höflich verhalten, wenn sie in Glitzer-Westen gesteckt werden, einen Hut aufgesetzt bekommen und von einer Anstandsdame beobachtet werden. Vielleicht wäre die einfache Lösung, sich einfach immer mit gegenseitigem Respekt zu behandeln. 

Aber das scheint einige Menschen vor unüberwindbare Herausforderungen zu stellen – oder wie es Prinz Julian zusammenfasst: "Die Etikette ist leicht zu verstehen, aber schwer umzusetzen."

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