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Indien: Durchs raue Rajasthan

Die einzige Kamelakademie der Welt liegt im Norden von Indien. Sattelfeste lernen hier bei einem langen Ritt den Stolz der Kamele kennen - und die Pracht der Wüste Thar.

Aufsitzen. Mein linkes Bein schwingt über den Höcker, das rechte steht noch am Boden. Nimrod wuchtet sich hoch. Ich stürze hin. Die Hose zerreißt, meine Knie zittern, die Leiste fühlt sich etwas taub an.Kamele sind meine Leidenschaft. Ihre schlanken Beine, die Höcker, die Augen - mit langen Wimpern, sanft, verträumt. Ich bin in der Gobi auf Kamelen geritten, in der Sahara, im australischen Outback. Und doch bin ich bisher aus ihnen nicht schlau geworden. Die einzige Kamelakademie der Welt soll Abhilfe schaffen. Wir - 13 Reisende aus Deutschland und der Schweiz - haben uns immatrikuliert. Im nordindischen Rajasthan studieren wir das Unergründliche, während unsere Karawane vier Tage lang durch die Wüste Thar zieht, eine der beeindruckendsten Landschaften des Subkontinents.

Nimrod ist mein Studienobjekt. Aus dem Hebräischen übersetzt bedeutet sein Name "Großer Jäger", aber auch: "Wir wollen rebellieren". Ich klopfe mir nach dem unsanften Abstieg den Sand von Hemd und Hose. Nimrod schüttelt sich, Speichel fliegt in Flocken durch die Luft, seine Zunge hängt heraus, im Nacken bildet sich ein schmieriges Sekret."Paarungszeit", sagt Sumer Singh und tritt vorsichtshalber einen Schritt zurück. "Der Hengst zeigt an, dass er bereit ist." "Aha." "Wenn es ganz schlimm wird, bleibt nur noch der Griff in die Hoden." "Und das hilft?" "Die Notbremse", sagt Sumer Singh ernst. "Vielleicht retten Sie ein Menschenleben damit."Nennen wir Sumer Singh: den Akademieleiter. Der gut genährte, kleine Rajasthani spricht fließend Deutsch, kümmert sich um alles. Er dirigiert 22 Kamele, ebenso viele Treiber und drei archaische Kamelwagen, beladen mit der Karawanenküche, mit Wasserfässern, Vorräten, Zelten. In jedem Ohrläppchen trägt Sumer Singh einen blütenartigen Stecker, sein Haar fettet er mit Sesamöl ein und lässt keine Gelegenheit aus, sich zu kämmen.Beim zweiten Versuch klappt das Aufsitzen besser. Nimrods Rücken ist ein schwankender Hochsitz, von dem aus mein Blick über das Land schweift. Das Dorf Phalodi, etwa 200 Kilometer östlich der Wüstenstadt Jaisalmer, bleibt zurück. Als Kette aus zwei- und vierbeinigen Leibern zieht unsere Karawane los.Die Wüste Thar ist keine Öde. Nicht in diesem Jahr. Der Monsun hat es gut gemeint und sich auf seinem weiten Weg von Südindien ein wenig Regen für die Oasentäler des Nordens aufgespart. Die Linien der Pflüge beschreiben die Äcker wie die Zeichen eines geheimen Alphabets, der Wind raschelt in Hirse- und Gerstenfeldern, Akazienkronen hängen wie zerzauste Perücken über ihren Stämmen, dazwischen Rundhütten aus Lehm. An den Rändern dieser Oasentäler erheben sich gewaltige Wanderdünen.Nimrod schäumt, doch er geht brav in der Reihe. Direkt vor uns schreitet eine kräftige Stute. Nimrod nimmt ihren Duft auf und stöhnt lustvoll. Sein Gang stockt, fast geht er in die Knie, dann knirscht er mit den Zähnen und verfällt in einen brünstigen Trab. Die Notbremse - in einem Zugwaggon ist sie stets in Reichweite. Doch Nimrod hütet sie zwischen seinen Beinen. Die Treiber fangen Nimrod ein, beruhigen ihn - und mich auch. Am Abend fühlen sich meine Beine gebrochen an, glatt durch, einmal oberhalb und einmal unterhalb der Knie. Die Leiste ist gedehnt, der Hintern wund, nicht nur bei mir. Entsprechend schwach ist das Spätseminar besucht. Entladen, absatteln, diverse Knotentechniken, Zusatzfutter für Nimrod: gekochte Akazienblätter, die aussehen wie Spinat, Hirsestroh, ein wenig geklärte Butter.Unser Camp liegt inmitten hoher Dünen, ringsum nur Sand. Der Mond strahlt mit kühlem Licht über Grate und Zelte. Der Karawanenkoch serviert Akazienspinat - den gleichen, den auch Nimrod frisst -, dazu Reis und Brot vom heißen Stein. In der Ferne sind Trommeln zu hören.Rajasthan, das "Land der Könige", ist das beliebteste Reiseziel des Subkontinents. Seine Schätze gelten als Inbegriff des märchenhaften Indien: Jaipur, die rosarote Stadt, mit ihrer Königsresidenz und dem Palast der Winde; die Festung Jaisalmer, deren Wälle aus der Wüste ragen wie ein Traumbild aus 1001 Nacht; auch Ajmer, die wichtigste Kult- und Pilgerstätte der indischen Muslime, und die sagenhafte Inselstadt Udaipur im Pichola-See. Die Karawane führt uns tief in dieses Land, in das Leben der Bauern und Halbnomaden. Und das wird von einer zentralen Größe bestimmt: dem Kamel."700 000 Kamele gibt es in Rajasthan", doziert Sumer Singh nach dem Frühstück, zieht sich den Kamm durchs Haar und geht auf Abstand zu Nimrod, der seine Zähne fletscht wie ein Kampfhund. Zwei Drittel der Wüstenbewohner hängen existenziell vom Kamel ab. Als Reit- und Lasttiere sind sie unersetzlich. Sie befördern Holz, Getreide, Wasser - alle Güter des täglichen Lebens. Sie liefern Milch und Wolle. Ihr Dung ist der wichtigste Brennstoff auf dem Land. Vor den Wagen gespannt, zieht ein Kamel acht Stunden lang eine Last von zwei Tonnen, ohne zu ermüden. Die einachsige Kamelkarre ist Nordindiens billigstes Transportmittel.Wir rufen "Kho! Kho!" und schnalzen mit der Zunge, die Kamele erheben sich und bilden eine lange Reihe. Mein Muskelkater zieht mörderisch. Trotz der Reitdecken hat der hölzerne Sattel blaue Flecken am Hüftknochen und Blasen am Allerwertesten hinterlassen. Doch der Zauber, den die Thar in diesen Morgenstunden verströmt, wirkt heilender als Sportsalben: das Schattenspiel der Dünen, die lichten Gespinste der Khair-Büsche, die allgegenwärtigen Spuren der Mistkäfer, die an die kunstvollen Ritzungen in den Fassaden der Rundhütten erinnern. In der Ferne jagen Gazellen über das Land.

Frauen in leuchtenden Gewändern schneiden Getreidehalme. Selbst auf den Feldern tragen sie ihren üppigen Schmuck, die Versicherung für Notzeiten: schwere Fußringe aus Silber, Ohrgehänge aus Gold. Die Männer hingegen ge-hen in zerrissenen Hemden, ihre dürren Beine ragen aus gerafften Dhotis.Nimrod schwingt gleichmäßig wie ein Pendel. Die Mittagshitze dämpft seine Triebe. Von Zeit zu Zeit murmele ich ihm etwas zu, spiele an den Zügeln, erhöhe den Druck meiner Füße auf seine Flanken. So trägt er mich durch die flimmernde Thar, auf Pfaden, die sich wie ein Labyrinth durch die Ebene ziehen und Indien schon vor Jahrtausenden mit Zentralasien verbanden. Er wiegt mich im Takt der Glöckchen, die er an Bändern um Hals und Beine trägt, sonst ist nur das Reiben des Sattelholzes zu hören, ein leises Ächzen wie von den Planken eines alten Schiffes."Gesund ist ein Kamel, wenn das Fell schimmert", verrät uns Sumer Singh bei einer Rast und benutzt, um sich akkurat zu kämmen, seinen Schatten am Boden wie einen Spiegel. Die Fußsohlen des Tieres sollten unverletzt, der Nasenpflock muss sauber eingesetzt sein. Der Preis sei eine Frage des Alters, das sich an Anzahl und Zustand der Zähne ablesen lasse. "Ein zwei- bis sechsjähriger Lasthengst kostet 7000 Rupien - umgerechnet 125 Euro", fährt der Akademieleiter fort, nun sichtlich zufrieden mit seiner Frisur. "Ein jüngerer gesunder Hengst kann das Doppelte kosten, eine Stute das Dreifache."Wir ziehen in Kaku ein, dem Ziel unserer Karawane. Die Leute im Dorf winken, lachen, grüßen. "Dje! Dje!", sage ich streng. Nimrod legt sich artig hin, damit ich absteigen kann. Er sieht müde aus, irgendwie unbefriedigt. Ich halte ihm ein wenig Akazienspinat hin, er frisst mir aus der Hand. Dann schnellt seine klebrige Schnauze vor und streift vorsichtig meine Wange. "Kamelkuss", sagt Sumer Singh. "Er mag Sie. Wirklich." Vielleicht ist es auch nur Nimrods Art, sich für meinen Verzicht auf die Notbremse zu bedanken.Zum Abschluss unserer Lehrzeit besuchen wir den jährlichen Kamelmarkt in Pushkar, das größte und farbenprächtigste Fest Rajasthans. Kamele, so weit das Auge reicht. Ich spaziere mit Sumer Singh zwischen den Tieren hindurch, manche sind wegen der betriebsamen Atmosphäre gereizt. Neben uns fährt ein Hengst jäh auf, schlägt aus und trifft Sumer Singh an der Schulter. Er geht zu Boden und bleibt benommen liegen.Der Hengst wirbelt herum. Seine Genitalien baumeln plötzlich vor mir. Notbremse! Ein Menschenleben retten!, schießt es mir durch den Kopf. Meine Hand streckt sich aus. Die Hoden fühlen sich borstig an, warm, verletzlich. Ich drücke zu. Der Hengst erstarrt für einen Moment. Bevor er richtig böse wird, bringe ich mich in Sicherheit, und Sumer Singh wird aus der Gefahrenzone gezogen. Er erhebt sich, zückt den Kamm und bringt seine Frisur in Ordnung. Dann sagt er: "Ausgezeichneter Schüler! Versprechen Sie mir, dass dieser Vorfall unter uns bleibt." Ehrensache.

Michael Obert / print

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