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"Das Ende ist mein Anfang": Der Tod als letztes Abenteuer

Der berühmte Reporter Tiziano Terzani ruft seinen Sohn ans Sterbebett, um ihm die Geschichte seines Lebens zu erzählen. Aus den Gesprächen macht Folco Terzani ein Buch, aus dem ein Kinofilm geworden ist: "Das Ende ist mein Anfang". Für den Sohn ein Kampf gegen sich selbst - und den mächtigen Schatten des Vaters.

Von Irmgard Hochreither

Bellosguardo heißt schöner Blick. Prächtige Häuser in verwunschenen Gärten. Eine feine Adresse. Wer hier wohnt, dem liegt Florenz zu Füßen. Der drahtige Körper von Folco Terzani steckt in einem schlabbrigen T-Shirt, das locker über die Hose fällt, die glatten Haare reichen bis weit über die Schultern. Er steht barfuß unter einer mächtigen Kiefer. Auffällig ist die markante Kinnpartie, die dem Gesicht etwas Exotisches verleiht. Wie ein Fremdkörper wirkt der 41-Jährige in diesem musealen, italienischen Ambiente. Wie ein Apachenhäuptling, der sich auf die weitläufige Terrasse einer Renaissancevilla verirrt hat. Er ist aus einem toskanischen Bergdorf in die Stadtwohnung seiner Mutter gekommen, um über seinen Vater zu sprechen. "Ich musste nie hart sein, weil er es war", sagt Folco, "er war wie ein großer Schirm, der alle beschützt hat. Seit er nicht mehr da ist, ist auch der Schutzschirm weg. Jetzt ist die Härte auf mich übergegangen. Eine interessante Erfahrung."

ER. Der Vater. Der Übervater. Tiziano Terzani. Weltberühmter Autor. Journalist. Abenteurer. Sinnsucher. Legendärer Südostasien-Korrespondent des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Er berichtete aus Vietnam und Kambodscha, aus China, Thailand, Japan und Indien, schrieb jenseits der Tagesaktualität Geschichten über heilige Ratten in Rajasthan oder chinesische Kampfgrillen. Der Florentiner starb mit 65 Jahren an Krebs. Sechs Jahre ist das jetzt her, aber seine Botschaften, so scheint es, sind präsenter denn je.

Das Märchen von den letzten Tagen

Vielleicht liegt es auch daran, dass sein Ende etwas Märchenhaftes hatte. Etwas, das für die Ewigkeit taugt. Ein weiser Alter mit langem Bart, in weißen Wallegewändern, ruft seinen Sohn ans Sterbebett, um ihm die Geschichte seines Lebens zu erzählen. Und: Wie er sich auf den Tod als "letztes großes Abenteuer" vorbereitet. Aus dem Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn entstand "Das Ende ist mein Anfang", aufgezeichnet von Folco Terzani und posthum veröffentlicht. Ein Kultbuch. Ein Bestseller, der Anfang Oktober als Filmadaption in die Kinos gekommen ist. Der Sohn zeichnet als Co-Autor des Drehbuchs. Und er hat im Namen des Vaters gerade das Buch "Meine asiatische Reise" mit Texten und Fotos aus einer versunkenen fernöstlichen Welt veröffentlicht. Es sieht so aus, als wolle der Filius dem Vater eine Art mediale Unsterblichkeit verschaffen.

Kümmere dich selbst um dein Leben, nimm es in die Hand und delegiere es nicht. Folge nicht irgendwelchen Führern. Benutze deinen eigenen Kopf. Mit Sätzen wie diesen wurde der Journalist zum Menschenfänger, zum spirituellen Vorbild. Santo Tiziano - ein Guru wider Willen. Über den Tod hinaus.

Pilgerstätte für die Jugend

Sein sommerlicher Zufluchtsort, versteckt in den Bergen des Apennin, hat sich mittlerweile in eine Pilgerstätte verwandelt. Dort ist er gestorben, in seiner Gompa, der indischen Gebetshütte. Vor allem junge Menschen suchen den Weg zu dem einsamen Bauernhaus, vor dessen ochsenblutroter Fassade eine Kastanie ihre Zweige in den Himmel reckt. Kurz vor seinem Tod befestigte der Hausherr zwei Plastikaugen aus Indien am Stamm. Seitdem hat der Baum ein Gesicht - und macht das Dörfchen Orsigna zu einem magischen Ort.

Wenn der Sohn über die letzten drei Monate spricht, die er mit dem Vater verbrachte, spürt man, wie sehr ihn die gemeinsam verbrachte Zeit noch immer aufwühlt. Wie sie beieinandersaßen. Und redeten. Und lachten. Und stritten.

"Er hat mich provoziert." Folco spricht laut, schnell, voller Leidenschaft. "Mit unangenehmen Fragen. Was willst du anfangen mit deinem Leben? Bist du ein Feigling? Willst du nicht endlich kämpfen? Beweg dich! Tu was! Zeig mir, dass du stark bist! Er wollte sehen, wie die Wut und der Ärger in mir hochkochen. Bis ich zurückschlage. Und ich habe zurückgeschlagen. Das gehört sich eigentlich nicht, wenn einer im Sterben liegt. Aber ihn hat es glücklich gemacht, zu sehen, dass ich mich verteidige." Nach einer Pause fügt er mit gedämpfter Stimme hinzu, "es war die beste Zeit, die ich mit meinem Vater hatte". Das Beste zum Schluss. Der nahe Tod gab den Takt vor. Schenkte der konfliktreichen Beziehung zwischen Vater und Sohn einen aufregenden Kick. "Es war unsere letzte Chance. Es machte ihm Spaß, mit mir zu reden, weil ich keine Angst hatte. Ich finde, der Tod ist das Interessanteste am Leben. Bei Mutter Teresa in Kalkutta habe ich vielen Sterbenden die Hand gehalten."

Doch wie viel Kraft kostet es, dem eigenen Vater dabei zuzusehen? Wie geht dieses Loslassen? Ist es tatsächlich möglich, so heiter und gelassen in den Tod zu gehen? "Das war ja die Frage, um die sich alles drehte." Folco Terzani schreit den Satz heraus, "ich denke, mein Vater hat es geschafft". Er schweigt eine kleine Ewigkeit. Und fährt fort: "Aber ich habe immer darauf gewartet, dass er zusammenbricht. Es war so eine Art Laborsituation für mich. Ich habe ihn ausgecheckt. Wie ein Forscher, der durch sein Mikroskop schaut und nach der Wahrheit sucht. Er hat gelacht und Witze gerissen. Diese Haltung hat mich interessiert. Ich fragte mich, was geht hier ab?"

Es war Folcos Mutter Angela, die dafür gesorgt hatte, dass es zu diesem letzten prägenden Gedankenaustausch zwischen Vater und Sohn gekommen ist. "Tiziano und ich konnten immer wunderbar miteinander reden. Aber Folco und er hatten große Schwierigkeiten", sagt Angela Terzani. Sie ist 71 Jahre alt, eine schöne Frau mit klugen, blitzenden Augen, aus denen Warmherzigkeit und Lebensfreude strahlen. Es passiere ja ganz oft, "dass da etwas schiefläuft im Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Also wollte ich unbedingt, dass sie sich auseinandersetzen. Sonst wäre Tizianos Schatten zu stark geblieben."

Aus dem großen Schatten treten

Sie selbst konnte auch erst nach dem Tod ihres Mannes aus seinem Schatten treten. "Er war ein großer Charismatiker. Viele, vor allem emanzipierte Frauen, haben mich stets in die Opferrolle drängen wollen. Immer kreist du nur um Tiziano. Hast du nichts Eigenes? Das hat mich lange stark verunsichert. Aber ich war kein Opfer, wir waren Partner, ein Team. Heute, sechs Jahre nach seinem Tod, fühle ich mich vollkommen frei. Und es tut mir gut, über ihn zu reden."

Auch die Unsicherheit sei von ihr abgefallen. "Früher war es mir schon unangenehm, bei einer privaten Geburtstagsfeier unter Freunden zwei Sätze herauszuwürgen. Jetzt stehe ich vor Hunderten von Leuten und rede über das, was Tiziano wichtig war."

Dass er von vielen Italienern wie ein Guru verehrt wird, darüber kann sie nur lachen. "Tiziano war überhaupt kein spiritueller Typ. Er war Florentiner durch und durch. Ein linksintellektueller Freidenker. Immer rannte er gegen alles an. Habgier, Materialismus, Konsumterror, menschenverachtende Politik. Er hat alles viel zu nah an sich rangelassen. Daran ist er letztlich zugrunde gegangen. Für mich war es schwer zu ertragen, diesen starken Mann so zerrüttet zu sehen. Die Meditation war sein Versuch, sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Ganz am Schluss hat er seine geistige Ruhe gefunden. Aber sie war hart erarbeitet."

Über den Tod nachdenken

47 Jahre lang ist Angela Terzani mit ihrem Mann durch die Welt gezogen. Doch erst als Witwe wird sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Sie spricht vor Palliativmedizinern, hält Vorträge in Schulen, eröffnet Filmpremieren, reist nach Rom, um eine kleine Allee einzuweihen, die den Namen des Verstorbenen trägt, und sie gibt Interviews. Vor allem jetzt, kurz vor dem Start des Kinofilms.

"Über den Tod nachzudenken liegt im Trend", sagt sie, "es gibt so viele, die mit dem Verlust geliebter Menschen nicht fertigwerden. Vor ihnen und mit ihnen zu reden hilft auch mir. Tiziano hat sich so sehr darum bemüht, die Form zu wahren, weil er nicht wollte, dass wir zusammenbrechen. Und weil er mit unseren Tränen nicht fertiggeworden wäre. Es war unsere Aufgabe, ihn in dieser Haltung zu unterstützen. Wer den Film sieht, wird erkennen, dass es eine Gratwanderung war. Ein Kraftakt."

Bruno Ganz brilliert in der Hauptrolle des Sterbenden und macht den Film zu einer kongenialen Umsetzung der gedruckten Vorlage. Keine Action. Nur die suggestive Kraft der Bilder und der Worte. Ein einfühlsames, fast dokumentarisches Kammerspiel über die Kunst loszulassen. Und doch großes, emotionales Kino. Sterben für Fortgeschrittene. "Als mein Vater tot war", sagt Folco, "musste ich nicht weinen. Die Tränen kamen erst jetzt, als ich den Film sah."