Iren Dornier Einmal um die ganze Welt


Am Steuer des Flugbootes Do 24 ATT hat sich Iren Dornier, Enkel des berühmten Flugzeugbauers, seinen Lebenstraum erfüllt: In der 60 Jahre alten, noch vom Großvater gebauten Maschine umrundete er den Globus - mit 86 Zwischenstopps.
Von Claus Lutterbeck

Er sieht aus wie ein kalifornischer Rockstar, der in die Jahre gekommen ist. Blaue Augen, strubbelige blonde Haare, leicht gebräunte Haut, im Dreitagebart sieht man die ersten grauen Stoppeln. Er trägt ausgefranste Jeans und einen fast knöchellangen Ledermantel. Nur die kräftigen Hände verraten, dass er lieber schraubt als spielt, sie sind voller Schrammen und Pflaster, denn er hat den ganzen Morgen an seinem Schmuckstück herumgebastelt. Lässig zwängt er sich in den Pilotensitz, sein linker Ellbogen hängt aus dem hochgeklappten Seitenfenster. Dann startet er nacheinander die drei Triebwerke, mehr als 3.000 PS ruckeln und zerren am Flieger. Der Pilot löst die Bremsen, doch das Flugzeug bleibt stehen wie ein bockiger Esel. Irgendwo knackt es laut, dann sackt die Nase ab auf die Startbahn. Rums. Nach einer Schrecksekunde stellt der Pilot die Motoren ab, und in die Stille dringt ein herzhaftes "Scheiße".

Es ist eine bizarre Szene: Da liegt einer der schönsten und ungewöhnlichsten Flieger der Erde auf einem ehemaligen Militärflughafen, kaputt. Eine Handvoll Männer davor, ratlos. Und hinter einem Elektrozaun stehen Kühe und glotzen, mit bimmelnden Glocken um den Hals. Wir sind in den Schweizer Bergen, die Weiden reichen direkt an die Landebahn. Der Testflug ist zu Ende, bevor er begonnen hat. Eigentlich wollte Irenäus Dornier, 48, der sich Iren nennt, seine silberne Do 24 zu einem kleinen Rundflug über den Zürichsee steuern und dann im Wasser landen. Aber nun wird der alte Vogel, von dem er zärtlich wie von einer Geliebten spricht, in die Halle geschoben. Irgendwas Teures ist abgebrochen, irgendwas, das es in keinem Ersatzteilshop der Welt gibt, irgendwas, das man jetzt von Hand aus einem Aluminiumblock herausfräsen muss. Nur eins ist sicher: Die Reparatur wird locker so viel kosten wie ein Flug nach Tokio, erster Klasse, hin und zurück. An einen Start ist nicht zu denken. Im abgewetzten Mantel seines berühmten Großvaters Claude klettert Dornier über die Tragfläche hinunter auf den Boden und steckt seinen Kopf in den vorderen Fahrgestellschacht. "Besser jetzt als bei der Landung", murmelt er, "das hätte sonst eine saubere Bruchlandung gegeben."

"Sicherheit ist für mich eher beängstigend"

So schnell kann den Enkel des berühmten Flugzeugbauers nichts erschüttern. Mit seinem runderneuerten Flugboot, "dem schönsten aller schönen Flugzeuge, die mein Großvater je gebaut hat", hat er sich gerade einen Kindertraum erfüllt und ist einmal um die Welt geflogen. Alle Experten hatten ihn gewarnt, das sei unmöglich mit einer 60 Jahre alten Maschine, die seit zehn Jahren nur herumstand - erst im Freien, dann im Museum. 1944 wurde sie von Dornier an Hitlers Luftwaffe ausgeliefert. Als Rettungsflugzeug, das auch noch in zwei Meter hohen Wellen auf hoher See starten und landen konnte, war sie weltweit einmalig, mindestens 11.000 Havarierte verdankten im Zweiten Weltkrieg einer Do 24 ihr Leben, unter ihnen 5.000 der gegnerischen Streitkräfte. Iren Dornier zerlegte das Objekt seiner Begierde in alle Einzelteile, ließ es von Bayern auf die Philippinen schaffen und dort in 8.000 Arbeitsstunden neu aufbauen. Sechs Millionen Euro hat ihn der Traum gekostet, die "Seele unserer Familie" wieder zum Fliegen zu bringen.

Im April 2004 flog er in Manila los. Im Hafen von San Diego wäre er fast abgesoffen. Im Anflug auf Las Vegas rastete das Fahrwerk nicht ein. 12.000 Fuß über Grönland wäre er fast erfroren, denn die Maschine hat keine Heizung. Vor Rio hätte er bei der Landung fast einen Rettungshubschrauber gerammt, der 15 Meter über dem Meer schwebte - "wir flogen dann unter ihm durch, das war echt knapp". Über Russland wäre er mit vereisten Tragflächen fast abgestürzt, weil ein betrunkener russischer Fluglotse ihm wirre Kommandos gefunkt hatte. Ganz zu schweigen von dem Abenteuer, wenn man bei den stundenlangen Flügen mal pinkeln musste - es gibt an Bord keine Toilette. "Man verzieht sich eben nach hinten, mit einer Flasche", sagt Dornier lachend. Nach 27 Monaten landete er im Juli 2006 in Oberpfaffenhofen bei München. Als Riester-Renten-Berater wäre Dornier eine Null, er lebt gern ohne Fallschirm. "Sicherheit ist für mich eher beängstigend." Neben ihm sitzt seine Freundin Sandra, 20, die er vor einem halben Jahr bei einer Wasserlandung auf dem Wolfgangsee kennengelernt hat, und nickt.

Er überstand "öfter mal lebensgefährliche Sachen"

Die Österreicherin studiert in Schweden, ihr kenianischer Vater ist einst als Buschpilot in Afrika abgestürzt. Aber nun will sie mit Dornier durch die Welt ziehen, sie macht schon den Pilotenschein. Er gilt als Zigeuner in seiner Familie, das Größte, findet er, "ist, wenn man morgens aufwacht und sich fragt: Wow, wo bin ich denn hier gelandet?" Auf den Philippinen ist er mal mit einem Hubschrauber in einem Flussbett aufgeschlagen -und wurde von singenden Nonnen gerettet. Jahrelang jobbte er als Ferry-Pilot und überstand dabei "öfter mal lebensgefährliche Sachen". Ferry-Piloten sind die miserabel bezahlten Tagelöhner der Luft, sie überführen oft dubios gewartete Flugzeuge: "Man liest kurz die Bedienungsanleitung durch, und dann düst man los ans andere Ende der Welt. Hauptsache, man fliegt. Als junger Mann braucht man Flugstunden, sonst verliert man die Lizenz." Die Besitzer der Flieger sind gelegentlich so zwielichtig wie die Kisten im Frachtraum und die Länder, in denen sie ausgeladen werden: "Da kommt man schon ins Grübeln, wenn man nach Kolumbien fliegt und von Typen empfangen wird, die Wollmützen über dem Gesicht tragen."

Seine Augen leuchten vor Begeisterung, wenn er erzählt, wie er mal in einem "völlig überladenen Flugzeug" nach 14 Stunden Flug plötzlich feststellte, dass der Sprit vielleicht nicht reicht: "Trotzdem heil runterkommen, das ist die Herausforderung. Danach fühlt man sich total frei." Das Söhnchen aus reichem Haus führt ein abenteuerliches Leben, und Papa zahlt? Da lacht er trocken: "Es nervt, wenn alle Leute glauben, du seist Millionär, wenn sie nur deinen Namen hören." Dabei hat er bis heute keinen Cent gesehen von all den Millionen, die bei der Verramschung des Konzerns geflossen sind. Und ob er jemals einen davon bekommt, "weiß ich nicht und ist mir auch egal, ich führe mein eigenes Leben". Sein Großvater Claude, ein Deutsch-Franzose, baute erst für Graf Zeppelin, später auf eigene Rechnung die technisch fortschrittlichsten Flugzeuge seiner Zeit. Zweimal verlor er durch den Krieg sein Imperium, zweimal baute er es wieder auf. Doch in den 80er Jahren "hatte die Firma jede Dynamik verloren", klagt Dornier, "man ruhte sich auf Regierungsaufträgen aus und verachtete die Kunden. Man war satt und arrogant."

"Er hätte es gern gesehen, wenn ich Medizin studiert hätte"

Und kurz darauf tot. Die Erben zerfleischten sich gegenseitig mit ebenso raffgierigen Anwälten, der ruhmreiche Name stand plötzlich für Streit, Missgunst und Habgier. Daimler-Benz und der US-Flugzeugbauer Fairchild pickten sich die Filetstücke heraus und zerschlugen den Konzern endgültig. Irenäus Dornier schaute sich damals fassungslos an, wie "die Firma ausgeplündert wurde" - aber da hatte die Familie schon nichts mehr zu sagen: "Da kamen einem die Tränen, als die modernste Flugzeugfertigungshalle der Welt mit der Flex zersägt und die halb fertigen Flugzeuge von Baggern zerschlagen wurden." Damals schwor er sich, den Namen Dornier wieder zum Glänzen zu bringen. Woher er diese Selbstsicherheit habe, von zu Hause? Eigentlich ja, antwortet er zögernd, denn "ich habe früh begriffen, dass ich es meinem Vater nie recht machen kann. Ich wusste schon als Kind: Du bist auf dich gestellt." Er war 23 Jahre alt, als sein Vater Claudius ihm gestand: "Ich muss dir ehrlich sagen, ich hab dich eigentlich nie gemocht." Für Irenäus brach da keine Welt zusammen. "Danke, das habe ich immer gespürt", sagte er nur und machte weiterhin genau das, was der Vater nicht wollte. "Er hätte es gern gesehen, wenn ich Medizin studiert hätte."

Doch der Zweitälteste ging nach dem Schweizer Internat auf einen Biobauernhof und mistete den Stall aus: "Als ich fertig war mit der Ausbildung, wusste ich: Das ist es nicht." Nun ging er bei einem Schwarzwälder Kunstschmied in die Lehre, wo er lernte, "aus einem Trumm Eisen ein schönes altes Wirtshausschild zu machen" - und als er fertig war, wusste er: "Viel zu rußig, immer im Dunkeln eingesperrt." Nun wurde er Modefotograf in München und Mailand, schöne Mädchen fand er aufregender als glühendes Eisen. Aber man ahnt ja nicht, wie tückisch auch dieser Job sein kann: Dornier musste öfter ablehnen, seine Aufträge, wie in der Branche üblich, im Schlafzimmer der berühmten Modemacher auszuhandeln. Sie hätten nur zu gern den hübschen Blonden mit dem klingenden Namen vernascht. Fünfzehn Jahre lang hat er als Fotograf dennoch jede Menge Geld verdient, dann zog er in die USA und machte hintereinander sämtliche Pilotenscheine. Bei seiner Weltenbummelei verliebte er sich irgendwann in den 90er Jahren auf den Philippinen, blieb hängen und baute mit einem Freund eine kleine Fluggesellschaft auf, die Touristen auf die Inseln flog: "Wir waren so blauäugig, wir hatten keine Erfahrung, kaum Geld, wir kannten die Gesetze und die Kultur nicht, aber es hat funktioniert.

"Es ist definitiv besser als Sex"

Die Airline füttert mich heute noch durch." Später gründete er eine exklusive Ferienanlage, eine Immobiliengesellschaft, die Grundstücke für feine Hotels vermakelt, und ein Callcenter für US-Kunden. In Malaysia näht eine Firma "Dornier Fashion" für ihn, bei Friedrichshafen baut er, nach eigenen Plänen, ein einmotoriges Wasserflugzeug. Gerade hat er eine Uhrenkollektion entworfen, bescheidene Ziele verfolgt er dabei auch nicht, er möchte "das Schweizer Monopol für hochwertige Uhrwerke knacken". Denn er hatte immer einen Traum, und der war teuer. Als Zwölfjähriger saß er 1971 zum ersten Mal in "seiner" Do 24, als sie auf dem Bodensee landete. Sie kehrte, nach 27 Jahren als Rettungsflieger auf Mallorca, nach Friedrichshafen zurück. Damals schwor er sich: Eines Tages fliegst du auch eine! Dreißig Jahre und ein kurvenreiches Leben später verzaubert sie nun Flugnarren in aller Welt. In den USA kam der Schauspieler und Hobbypilot Harrison Ford einmal angereist, um mit der Do 24 eine Runde zu drehen. Es muss gigantisch gewesen sein, denn hinterher schrieb er ins Bordbuch: "So ein Erlebnis hat man nur einmal im Leben - und es ist definitiv besser als Sex."

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker