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Achterbahnreisen: Höllenritt als Lebenselixier

Mit 200 Stundenkilometern in die Tiefe zu stürzen, ist für viele eine grauenvolle Vorstellung. Einige können von diesem Adrenalinkick dagegen nicht genug bekommen. Achterbahn-Enthusiasten reisen die größten Höllengefährte der Welt ab.

Seine erste Achterbahnfahrt liegt schon lange zurück. Als Achtjähriger stieg Scott Heck aus Sheboygan im US-Staat Wisconsin mit einem mulmigen Gefühl in den Waggon einer Holzachterbahn. Als der Zug losrollte, wollte der Amerikaner aus dem Fahrzeug springen, doch es war zu spät. Im Eiltempo raste das Gefährt den ersten Hügel hinunter - und Heck war begeistert. Für ihn war der Höllenritt der Beginn einer großen Faszination. "Das Achterbahnfahren gibt mir den Kick, den mir kein anderes Hobby geben kann", sagt Heck. Der heute 36-Jährige hat mittlerweile schon 300 der weltweit über 1900 Achterbahnen getestet - allein 100 im vergangenen Jahr.

Abschrecken lässt sich Heck dabei auch nicht von Filmen wie dem Horrorthriller "Final Destination 3", der derzeit in den deutschen Kinos läuft und sich um eine Achterbahnfahrt mit tödlichem Ende dreht. Heck ist Mitglied der Amerikanischen Achterbahn-Enthusiasten (ACE). Dieser nach eigenen Angaben weltweit größte Achterbahn-Fanclub in Minneapolis (Minnesota) zählt etwa 8000 Mitglieder, darunter auch einige aus Deutschland. "Weltweit gibt es insgesamt 40 bis 50 Fanclubs, wenn man die vielen Internetforen nicht mitzählt", sagt Achterbahn-Historiker Derek Shaw.

Im Auge des Todes

Die Enthusiasten reisen in ihrem Urlaub rund um den Erdball auf der Suche nach neuen Abenteuern in Freizeitparks. So pilgerten im Jahr 2002 rund 250 Amerikaner gemeinsam nach Europa, um in fünf Ländern die Achterbahnen zu testen. "Das Design der Achterbahnen im Heidepark Soltau hat uns besonders begeistert", erinnert sich ACE-Sprecher Steve Gzesh. 100 Fanclub-Mitglieder flogen außerdem nach Japan. Innerhalb von 14 Tagen saßen sie in 69 unterschiedlichen Achterbahnen. "Das ist eine ganze Menge für die kurze Zeit", sagt Gzesh.

Einige der Enthusiasten haben schon bis zu 800 Achterbahnen getestet. Doch nicht jede Fahrt ist ein pures Vergnügen. ACE-Mitglied Jonathan Hymes aus dem US-Bundesstaat Ohio blickte dem Tod ins Auge, als während seiner Achterbahnfahrt auf einmal der eiserne Haltegriff in seinem Waggon hochging. Doch der heute 33-Jährige reagierte blitzschnell: Er zog die Stange wieder herunter - und rettete damit wohl sein Leben. "Das war der schrecklichste Moment, den ich je erlebt habe", sagt Hymes. Mit dem Tod bezahlen musste ein Mann seine Achterbahnfahrt im Disneyland-Freizeitpark bei Anaheim (Kalifornien) im September 2003. Die Lokomotive des Achterbahnzugs war von den Gleisen abgekommen. Doch laut einer Studie liegt die Wahrscheinlichkeit bei 1 zu 1,5 Milliarden, dass eine Achterbahnfahrt tödlich endet.

Das Leben ist eine Achterbahn

Die Konstrukteure wollen immer höher hinaus. Im Mai 2005 öffnete im "Six Flags"-Freizeitpark in Jackson (New Jersey) die größte Achterbahn der Welt. Das Fahrgeschäft mit dem Namen "Kingda Ka" ragt 139 Meter hoch in den Himmel. Der Achterbahnzug braust vom Gipfel mit einem Höllentempo von bis zu 206 Stundenkilometern herunter. Die Schreie der Passagiere sind schon aus der Ferne zu hören. "Die rasante Fahrt von der Spitze abwärts ist unvergleichlich", schwärmt Achterbahnfan Elizabeth Ringas.

Auch Scott Heck wird eine Fahrt immer in Erinnerung bleiben: Auf einer Achterbahn in Santa Claus (Indiana) schloss er den Bund fürs Leben. Der Standesbeamte trug passend zur verrückten Hochzeit in luftiger Höhe ein Elvis Presley-Kostüm. Einige Jahre später trennten sich die Wege von Heck und seiner Frau allerdings, das Paar ließ sich scheiden. Für Heck steht fest: "Manchmal gleicht auch das Leben einer Achterbahnfahrt."

Stefan Biestmann/DPA / DPA

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