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Aida Diva: Ein bisschen Aida für alle

Statt Fototermin mit Promi will die Aida-Reederei die Taufe ihres neuesten Kreuzfahrtschiffs Diva in ein Massenspektakel verwandeln. Vor ihrer Fahrt zum Taufbecken machte stern.de eine Stippvisite auf dem Grinseschiff.

Von Claudia Pientka

Eingespielt sind sie noch nicht, die Abläufe auf Deutschlands neuestem Traumschiff Aida Diva. Einer der wichtigsten Akteure scheitert am Check-in. "Was, ich soll hier nicht reinkommen?!" zetert der Installationskünstler Gert Hof, der die Taufe des Kreuzfahrtschiffs mit einer Lasershow inszenieren soll. Er hat kein Besucherkärtchen. Um das zu bekommen, muss man den Hafenbehörden mindestens 48 Stunden im Voraus seine Passnummer hinterlassen, immerhin ist der Besuch eines Schiffes wie eine kleine Ausreise. Hof ist nicht der Einzige, der den grinsenden Dampfer dieser Tage noch mit Hammer und Schrauber bearbeiten muss: Kurz bevor die ersten Premierengäste einchecken, nageln Handwerker letzte Bilder an die Wände, stutzen den neu verlegten Teppich und schrubben die Fugen sauber.

Ausgeliefert wird die Aida Diva von der Papenburg-Werft, am frühen Mittwochmorgen schiffte sie ins Hamburger Kreuzfahrtterminal ein, von wo sie am 20. April nur wenige hundert Meter weit an ihre Taufstelle vor die Fischauktionshallen fahren wird. Man ist stolz bei Aida. Die Diva ist das bisher größte Kreuzfahrtschiff der Aida Cruises, die Taufzeremonie in vier Akten wird den Hamburger Hafen in ein gleißendes Lichtermeer tauchen, 300.000 Besucher werden dazu erwartet, seit Wochen sind die Betten der Hansestadt ausgebucht. Passend zum Motto der Reederei, die Aida als Clubkonzept mit Wir-Gefühl verkauft, sollen sich auch die Zuschauer als Teil des Spektakels fühlen. Aida hat das "Wir-sind-eine-Familie-Konzept" so weit getrieben, dass das Landvolk sogar die Taufpatin des Schiffes wählen durfte. Statt, wie sonst üblich, eine Prominente wie Heidi Klum, Iris Berben oder Doris Schröder-Köpf zu bitten, durften sich Leser des "Hamburger Abendblatts" um den Job als Patin bewerben. Gewonnen hat Maria Galleski, eine Hamburgerin mit Seefahrer-Verwandtschaft.

Am Tag der Präsentation geht auch Frau Galleski das erste Mal an Bord und stellt sich den Journalisten. Das Schiff riecht neu, nach Farben und Terpentin, an einigen Stellen steigt Holzstaub in die Nase. Von außen wirkt die Aida Diva nicht besonders spektakulär - nicht in einer Stadt, die durch regelmäßige Besuche der gediegenen Queen Mary II beehrt wird und die über die Präsentation des größten Kreuzfahrtschiffs der Welt, der Freedom of the Seas, staunen durfte. Doch die Aida will weder fein noch voll sein, auf diesem Schiff sollen sich die Gäste wie zu Hause fühlen, ganz ohne Standesdünkel und Berührungsängste. Deswegen tritt der Passagier in eine heimelig, rot-, orange- und gelb-gefärbte Welt, die ein wenig an den Ikea-Katalog von vor fünf Jahren erinnert. Das gilt für die 1025 Kabinen, von denen die meisten Fenster oder Balkon haben, wie für die öffentlichen Decks: Kreise kringeln sich auf roten Teppichen vor hölzernen Bartheken, vor den Fenstern hängen rosa Tüll-Gardinen, und im verglasten Heck von Deck zehn liegen lässig hingesprenkelte Sitzblöcke: Hier soll sich jeder gern flegeln.

Unterhaltung jederzeit

"Wir haben mit der Aida Diva ein völlig neues Baukonzept umgesetzt", sagt Kathrin Heitmann, Pressesprecherin der Reederei. "Das Theaterium, das meist tief im dunklen Bauch des Schiffes versenkt ist, befindet sich hier mitten im Schiff." Drei Decks wurden dafür aufgeschnitten, darin wurde das kegelförmige Glastheater gesetzt. Statt allabendlicher Shows werden hier künftig Unterhaltungsschnipsel im 30 Minuten Takt präsentiert, auf dem Weg von Bug zu Heck passieren die Urlauber zwangsläufig die Sitzreihen und können so auch jede Probe beobachten. "Platz ist kostbar an Bord eines Schiffes", erklärt Heitmann, "deswegen wollten wir kein Theater, das tagsüber tot im Keller liegt, sondern haben die Bühne zum Herz des Schiffes gemacht."

Die Konstrukteure scheinen an alles gedacht zu haben, was das Urlauber-Herz an Bord begehren könnte: In sieben Restaurants können die Passagiere sich den Bauch vollschlagen, drei davon servieren das Essen als sogenannte Buffet-Restaurants kostenlos, daneben gibt es eine Sushi-Ecke, das obligatorische Fitnesscenter, die Anytime-Disco, die ihrem Namen alle Ehren machen möchte, und das Hype, den alkoholfreien Teenie-Club. Wo später vielleicht mal Pubertierende knutschen werden, arbeiten heute noch Handwerker zwischen Tischfussball und Airhockey.

Die Mannschaft ist in Eile: Die Diva braucht noch einige kosmetische Korrekturen, hier fehlt eine Leiste, auf dem Pooldeck wird eine Skulptur in Position gebracht, hinter der Bar schwenken Kräne die Mega-Strahler des Licht-Künstlers Hof aufs Oberdeck. Einzig das Schiffs-Spa scheint bereits einsatzbereit. Die finnische Sauna ist aufgeheizt auf 90 Grad Celsius, und als Pressesprecherin Heitmann die Kordel eines Holzeimers zieht, ergießt sich fast ein Schwall Wasser über ihren Kopf. Kaum ein Kreuzfahrtschiff verzichtet heutzutage noch auf einen ausgefeilten Wellness-Bereich, in dem sich die Gäste sogar im Solarium aalen können, sollten sie an Deck nicht genug Strahlung abgekriegt haben. Und noch ein Schmankerl haben sich die Diva-Designer einfallen lassen: Für 180 Euro pro halben Tag können Verliebte sich in eine private Wellness-Suite einmieten. Was sie hinter verschlossenen Türen in Wasserbett, Zweier-Sauna und Riesenwanne machen, bleibt dann ganz ihnen überlassen.

Typisch deutsch

Einen Hauch Exklusivität an Bord sollen Gimmicks wie der Golfübungsplatz oder die Vinothek samt Zigarrenbar vermitteln. Ob Rauchen an Bord erlaubt ist? "Klar, kein Problem", sagt Heitmann, "überall außer in den Restaurants." Der lässige Umgang mit dem Laster ist nicht das einzige, was die Aida als typisch deutsches Kreuzfahrtschiff ausmacht. Während Bier und Tischwein auf amerikanischen Dampfern üblicherweise nicht kostenlos serviert wird, darf sich der deutsche Passagier über diesen Service freuen. Und auch der deutschen Lust auf Nacktheit wird Rechnung getragen: Auf Deck 14 lockt ein FKK-Bereich zum streifenfreien Sonnenbad. Nein, man merkt der Aida kaum an, dass sie seit 2003 zum amerikanischen Marktführer Carnival Cruises gehört. Einzig der Einzug der Slot-Machines und Pokertische erinnert an die Grundausstattung der US-Kreuzfahrtschiffe, die in den Kasinos einen großen Teil ihrer Gewinne einspielen.

Doch noch tickt der deutsche Passagier anders - und das wissen die Aidas. Bordsprache ist deutsch, das gilt für die Crew ebenso wie für die Wegweiser; das philippinische Personal, das man auf den Fluren der Kabinendecks trifft, mache gerade einmal zwei Prozent der Besatzung aus, sagt Heitmann. Hier sollen deutsche Befindlichkeiten befriedigt werden: Deshalb baumeln im Marktrestaurant dicke Schinken von der Decke, die einen salzig, würzigen Duft verströmen. Und die Bäckerei wurde aus dem Schiffsbauch ins Restaurant verlagert, "weil ja auch frischgebackene Brötchen ein herrliches Aroma verbreiten", sagt Heitmann.

Am 29. April kehrt die Aida Diva nach Hamburg zurück, um einen Tag später aus der Hansestadt zur Jungfernfahrt nach Palma de Mallorca abzulegen. Dann werden alle Kabinen belegt sein und auch künftig darf die Reederei auf eine gute Auslastung hoffen. Denn der deutsche Kreuzfahrtmarkt boomt: Allein im vergangenen Jahr haben mehr als eine Million Deutsche eine Schiffsreise gebucht und damit für 1,7 Milliarden Euro Umsatz gesorgt, meldete der Deutsche Reiseverband. Auch Aida-Chef Michael Thamm gab sich zuversichtlich auf der Berliner Reisemesse ITB: "Ich glaube, man kann im deutschen Markt mit Kreuzfahrten noch gutes Geld verdienen." Drei weitere, mit der Diva baugleiche Schiffe, sind bereits geordert und sollen ab 2008 im Jahrestakt in See stechen.

Ob die ähnlich pompös getauft werden wie die Diva, ist noch offen, erst einmal muss Gert Hof seine opernhafte Taufzeremonie über die Bühne bringen. Laut Informationen der "Bild-Zeitung" soll sich die Rederei das Spektakel fünf Millionen Euro kosten lassen, eine Summe, die Pressesprecherin Heitmann nicht bestätigen möchte. Die Aufbauarbeiten an Bord jedenfalls lassen Gigantisches erahnen, und Künstler Hof wurde schließlich auch noch aufs Schiff gelassen.

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