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Luftverkehr: Flug in die Zukunft

Edle Cocktailbars, Wellnesslandschaften und Konzertsäle - oder vielleicht doch nur ein Stehplatz und gestauchte Knie? Designer von Flugzeug-Innenräumen haben ganz unterschiedliche Pläne für die fliegenden Giganten.

Von Heike Sonnberger

Sie stieg 1919 als erstes Linienflugzeug in den Himmel: die Junkers F 13. In ihr konnten vier Passagiere auf grauen Polstersesseln oder Korbstühlen Platz nehmen - in spartanischem Ambiente. Eine elektrische Deckenlampe, eine Wanduhr, Aschenbecher und einen Zigarrenanzünder gab es zwar - Gardinen jedoch nicht. "Die vorderen Ecken wurden mit künstlichen Blumen ausgeschmückt", berichtet einer der ersten Passagiere. Der Pilot saß gemeinsam mit seinen Gästen in einer Kabine - erst später bekam er sein eigenes Abteil.

Als das Fliegen noch nicht so alltäglich wie Busfahren war, wurden die Innenräume der Maschinen bewusst schlicht gehalten: Kühle Farben sollten die Aufregung der Passagiere dämpfen. In den siebziger Jahren wurden die Fluggäste entspannter und die Flugzeugdesigner mutiger. Kabinen leuchteten nun in rot, orange und beige - Designer bemalten Wände mit knalligen Tapetenmustern oder Landschaftsszenen. In den Achtzigern wurden Flugzeuge endgültig zum Massentransportmittel, und Effizienz verdrängte künstlerische Allüren. Stattdessen sollten Farben wie grau und blau Professionalität vermitteln.

Heute ähneln sich die Innenräume der Linienmaschinen: Wände und Gepäckfächer sind schlicht, meist weiß oder hellgrau. Das erleichtert den Transfer der Vögel auf andere Fluggesellschaften; Innendesigns können den Wünschen der neuen Betreiber leichter angepasst werden. Nur wenige Fluggesellschaften haben wie Singapore Airlines Mut zu Pepp und Farbe.

Neue Welt über den Wolken

Doch das wird sich vermutlich ändern. Denn Boeing und Airbus werfen Innovationen auf den Markt, die das Flug-Feeling revolutionieren könnten. Die neuen Vorzeigemodelle Airbus A 350 und A 380, sowie die Boeing 787 "Dreamliner" sind zwar erst in zwei bis sechs Jahren einsatzbereit, doch versprechen schon jetzt eine neue Welt über den Wolken.

Besonders die "Baby-Boomer" sollen von den Veränderungen profitieren. "Baby-Boomer sind die erste Generation, die Fliegen als einen routinierten Teil ihres Lebens empfindet", sagt Vicki Curtis, Ingenieurin im Boeing Payloads Center in Everett, der Zeitschrift Mechanical Engineering Design. "Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie mit dem Fliegen aufhören, nur weil sie älter werden." Curtis hat ein neunmonatiges Boeing-Projekt geleitet, in dem die Flugbedürfnisse älterer Menschen ermittelt wurden.

Mit Schwimmbrillen, Handschuhen und Ohrstöpseln simulierten die Teilnehmer die geschwächte Sinneswahrnehmung im Alter. Das Ergebnis des Projekts: Flugzeuge brauchen hellere Beleuchtung auf Augenhöhe, um harte Schatten zu vermeiden, breitere Gänge, individuell temperierte Sitze, geräumigere Toiletten und transparente Rücksitztaschen - damit fliegende Rentner die Lesebrille schneller finden.

Telefonieren in sanftem Dämmerlicht

Vieles davon und noch mehr sollen sie jetzt bekommen. Die Erschaffer der Boeing "Dreamliner" zum Beispiel haben den Innendruck und die Luftfeuchtigkeit in der Kabine erhöht, um den Fluggästen Kopfschmerzen, Halskratzen und tränende Augen zu ersparen. Zu den sichtbaren Errungenschaften gehört das Aus der primitiven Plastikblende: Große Fenster mit spezieller Beschichtung lassen sich vom Passagier oder vom Flugpersonal elektrisch verdunkeln.

Innovative Kabinenbeleuchtung findet sich auch im Konkurrenten der 787, dem Airbus 350. Das Licht in der Kabine soll - an die Decke projiziert - in sanften Stufen der Zeitverschiebung angepasst werden. Kein grelles Neonlicht wird Fluggäste also künftig aus dem Schlaf reißen. Außerdem sollen Passagiere nun nicht mehr in der Küche einsteigen, sondern in einer gewölbten Empfangshalle, die während des Fluges als Bar und Büro benutzt wird.

Ein schnurloser Internetanschluss, Handyerlaubnis und Kino auf Knopfdruck gehören bald in beiden Maschinen zum Flugalltag. Stiller werden die Vögel auch, denn neuste Dämpfertechniken reduzieren das Dröhnen in der Höhe.

Passagiere, die sich einen Flug in der luxuriösen First oder Business Class der neuen Supervögel von Airbus und Boeing leisten können, dürften also kaum zu klagen haben. Denn hier wird der Fluggast mit Massagesesseln und Liegebetten verwöhnt. Was genau jedoch die Reisenden überraschen wird, das wollen Fluggesellschaften noch nicht preisgeben. Nur, dass das ganze Flugzeug "von Grund auf neu entwickelt" wird, verrät Michael Lamberty, Pressesprecher der Lufthansa.

Keine Dusche, aber dünnere Sitze

Ganz grenzenlos geht es jedoch auch in der Oberklasse nicht zu. Denn schließlich müssen die Maschinen bei allem Luxus trotzdem mehrere hundert Menschen sicher und effizient transportieren. Deshalb könne, so Lamberty, auch keine Dusche in einen A 380 eingebaut werden. Die problematische Reinigung, der aufwendige Transport des vielen Wassers und die Korrosionsgefahr machen die Idee "unrealistisch".

Für Economy-Flieger sieht es besonders eng aus. Schnickschnack wie Sitze mit Massagefunktion und Empfangsraum gibt es nämlich nur im vorderen Teil der Maschinen. Moderne Flugzeugsitze mit schmalen Rückenlehnen aus stärkeren, leichteren Materialien sollen zwar auch dem zukünftigen Economy-Passagier mehr Platz lassen. Lamberty verspricht im A 380 ganze 3,5 Zentimeter mehr Armfreiheit pro Passagier. "Wie es mit der Beinfreiheit aussieht, das lässt sich noch nicht genau sagen."

Tatsächlich benutzen manche Fluggesellschaften wie American Airlines die Innovation, um mehr Sitzreihen in die Kabinen zu zwängen. Laut der New York Times erhofft sich das Unternehmen dadurch zusätzliche Einnahmen von 60 Millionen US-Dollar pro Jahr. Das große Geld wird dennoch anderswo verdient: "Der Fokus der großen Airlines liegt natürlich ganz klar auf dem Ausbau der Premium-Klassen. Hier wird je Quadratmeter Flugzeug das meiste Geld verdient", sagte Matthias Levinger, Geschäftsführer des Veranstalters Destinations-Touristik, der Süddeutschen Zeitung.

Auch im Stehen anschnallen

Finanzmanager fordern trotzdem mehr Sitze in den Maschinen - oder vielleicht bald deren Abschaffung? Abseits jeden Medienrummels habe Airbus eine Stehplatz-Option entwickelt, mit der 853 statt 500 Passagiere in einen Airbus A 380 gedrängt werden könnten, berichtete die New York Times im April. Fluggäste würden dann mit Gurten gegen eine gepolsterte Stehfläche geschnallt. Bis jetzt habe jedoch noch keine Fluggesellschaft diese Version angefordert.

Es muss ja auch nicht gleich ein Flugzeug voller Stehplätze sein. Laut Volker Mellert, Physikprofessor an der Universität Oldenburg, wären die nämlich am besten zur Ergänzung geeignet. Wenn Turbulenzen auftreten, könne man in einem mehrstöckigen Riesenflugzeug mit Bars, Lobbys und Einkaufspassagen die Passagiere schließlich nicht ohne weiteres auffordern, auf ihre Plätze zurück zu kehren. "Dann wäre es total sinnvoll, dass man sich auch im Stehen anschnallen könnte."

Für Ölscheichs der Himmel auf Erden

Die Fesseln der Vernunft können Designer erst abschütteln, wenn Ölscheichs oder Staatschefs eine der Riesenmaschinen bestellen. Denn ein A 380 bietet ohne Linienpassagiere auf 600 Quadratmetern jeden Platz für künstlerische Entfaltung. Konferenzräume, Kinos, Restaurants, Sportstudios, Wellnessoasen und Schlafgemächer könnten dort eingerichtet werden - im zweiten Stock etwa eine Privatsphäre und darunter ein Arbeitsbereich, schwärmt Thomas Erich, Pressesprecher von Lufthansa Technik.

Eine solche Bestellung sei "sehr realistisch", sagt Erich - und räumt doch ein, dass es weltweit nur eine Handvoll solch betuchter Personen gibt. Denn ein individuell gestalteter A 380 kostet rund 400 Millionen Dollar. Dennoch rechnet Lufthansa Technik mit drei bis fünf Kunden in den nächsten zehn Jahren.

Die werden dann auf Händen getragen. Die luftigen Gemächer könnten zum Beispiel stilsicher entlang dem Wappen des Königshauses gestaltet werden. Die Wände müssten nicht unbedingt beige bleiben, sondern könnten das Muster von "stark gebeiztem Vogelaugenahorn" tragen oder mit arabischen Ornamenten verziert werden. Für Leibärzte, Sterneköche und Zimmermädchen könnte ein getrennter Raum geschaffen werden. Man merkt, dass sich Aage Dünhaupt von Lufthansa Technik täglich mit Extravaganzen beschäftigt. "Allerdings bleiben die Kundenwünsche doch oft recht realistisch. Mit pinkfarbenen Elefanten wollte noch kein Kunde sein Flugzeug verzieren", sagt er.

Doch selbst Könige und Prinzen müssen gewisse Sicherheitsregeln einhalten. Ein Schwimmbad im Flieger könne es deshalb nicht geben, höchstens eine Duschlandschaft. Es wäre schließlich "hochgradig gefährlich, wenn das Flugzeug plötzlich schnell absinkt und dann mehrere Tonnen Wasser durch die Kabine schießen", sagt Erich. Dennoch lässt es sich Lufthansa Technik nicht nehmen, auf ihrer Internetseite in kleinen, bunten Skizzen von einem 50-Meter-Pool im Flieger zu träumen. "Dream-World" nennt sich die Rubrik. Das wird wohl ein Traum bleiben.

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