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Neue Details zum Todesflug AF447: "Wir haben die Geschwindigkeiten verloren"

Knapp zwei Jahre nach der Air-France-Katastrophe über dem Atlantik mit 228 Toten haben die französischen Ermittler erste Details der Flugschreiber und die letzten Worte der Crew veröffentlicht.

Von Till Bartels

Jetzt ist es amtlich: Falsche Geschwindigkeitsanzeigen haben die Piloten des Todesflugs von Rio nach Paris vor zwei Jahren in die Irre geführt. Der Absturz der Air-France-Maschine mit 228 Menschen an Bord dauerte nur dreieinhalb Minuten.

Seit Ende April werden die beiden in 4000 Meter Tiefe im Atlantik geborgenen Flugschreiber ausgewertet, um die letzten Minuten des mysteriösen Fluges AF447 zu rekonstruieren. Bis heute ist nicht geklärt, weshalb der Airbus der Air France am 1. Juni 2009 ins offene Meer stürzte.

Nachdem unbestätigte Details vor einer Woche in die Öffentlichkeit gelangten, hat sich die französische Behörde für Flugunfalluntersuchung BEA heute entschlossen, erste Fakten zu präsentieren. Die Unfallursache kann allerdings noch nicht benannt werden. Aber der Vorabbericht fasst erste Ergebnisse der Flugschreiberauswertung zusammen und dokumentiert die Gespräche im Cockpit kurz vor der Katastrophe.

Falsche Tempo-Anzeige irritierte Piloten

Die Maschine war am 1. Juni um 22.29 Uhr mit dem zulässigen Maximalgewicht in Rio gestartet. Dreieinhalb Stunden später geriet die Maschine in eine Schlechtwetterfront, auf die die beiden Co-Piloten die übrige Besatzung noch hingewiesen hätten. "In zwei Minuten dürften wir in eine Zone geraten, in der es ein wenig turbulenter zugehen wird als im Moment, da müsst ihr aufpassen", so ein Co-Pilot um 2:06 Uhr. Der Pilot hatte wenige Minuten zuvor das Cockpit verlassen, um sich auszuruhen.

Um 2:08 Uhr steuerte der Co-Pilot die Maschine leicht nach links, um den Turbulenzen auszuweichen. Der Autopilot schaltete sich ab. Der Co-Pilot bestätigte, dass er nun die Steuerung übernehme. In diesem Moment fingen die Probleme an: Das Flugzeug begann nach rechts abzukippen, und der Co-Pilot zog es nach links hoch. Der Geschwindigkeitsmesser zeigte einen dramatischen Tempoverlust von etwa 509 auf nur noch 111 Stundenkilometern an.

Nach Ansicht von Experten wurde die Maschine möglicherweise so langsam, dass die Geschwindigkeitsanzeige gar keine gültigen Werte mehr angab. Bei weniger als 111 Stundenkilometern geht das System davon aus, dass die Werte nicht korrekt sind. Der Abfall der Geschwindigkeit wurde knapp eine Minute später auch auf einem zweiten Messgerät angezeigt. "Wir haben die Geschwindigkeiten verloren", rief der zweite Copilot.

Wir haben keine gültigen Angaben mehr

Der zweite Co-Pilot versuchte mehrfach, den Flugzeugkapitän ins Cockpit zurückzurufen. Das Flugzeug stieg unterdessen immer weiter nach oben und schwankte stark. Der Co-Pilot drückte den Steuerknüppel eine halbe Minute lang bis zum linken Anschlag. Als der Pilot im Cockpit war, stellte er um 2:12 Uhr fest: "Wir haben keine gültigen Angaben mehr."

Daraufhin zog der Co-Pilot das Flugzeug nach unten. Der Pilot griff seinerseits zum Steuerknüppel, und der Co-Pilot überließ ihm die Steuerung mit den Worten: "Mach du." Die letzten Aufzeichnungen vermerken eine Absturzgeschwindigkeit von etwa 200 Stundenkilometern. Der Absturz dauerte insgesamt dreieinhalb Minuten. In der letzten Minute vor dem Aufprall machte der Airbus eine 260-Grad-Kurve nach rechts, eher er auf der Wasseroberfläche aufschlug.

Flugkapitän in der Ruhepause

Nichts deutete zu Beginn des Fluges auf eine Reise in ein heftiges Unwetter hin. Der Pilot hatte sich Schlafen gelegt. Die Unfallermittler betonen, dass die Besatzung des Cockpits den Regeln entsprochen habe. Bei einer dreiköpfigen Crew sind Ruhepausen für eine Person vorgesehen. Eineinhalb Minuten nach Abschalten des Autopiloten war der Pilot wieder im Cockpit erschienen, hatte selbst aber das Steuer nicht übernommen.

Mehrmals zeichnete der Voice Recoder die automatische Stimme auf, die die Piloten im Cockpit vor einer Überziehung der Maschine warnt. Weiterhin unklar bleibt, ob die Maschine durch einen Strömungsabriss nicht mehr unter Kontrolle zu halten war. Offen bleibt auch, ob es sich um einen Pilotenfehler handelte, wie es die Zeitung "Le Figaro" berichtete. Der Flugzeughersteller Airbus nannte den Bericht "einen wichtigen Schritt zur Klärung der gesamten Kette von Ereignissen".

Wie bei den meisten Flugzeugunglücken, handelt es sich um eine Verkettung mehrerer Ursachen und Fehlreaktionen. Diese gilt es in den nächsten Wochen transparent zu machen. Nach Angaben der BEA soll ein weiterer Bericht mit einer genauen Analyse Ende Juli folgen. Bis zum Abschlussbericht, der den Absturz der Air-France-Maschine erklärt und Sicherheitsempfehlungen für Fluggesellschaften ausspricht, ist es noch ein langer Weg.

mit Agenturen
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