HOME

Psychologie: Warum uns das Meer glücklich macht

Das Rauschen der Wellen, der Geschmack salziger Luft, das Gefühl von feinem Sand unter den Füßen: Keine andere Landschaft übt eine größere Anziehungskraft aus als das Meer. Der Grund: Meer macht glücklich - auch psychologisch gesehen.

Von Eva Tenzer

Die Sinne beleben, den Stress vergessen, die Gedanken schweifen lassen: Das Meer macht Menschen glücklich

Die Sinne beleben, den Stress vergessen, die Gedanken schweifen lassen: Das Meer macht Menschen glücklich

Die Geschmäcker sind verschieden. Das gilt für Musik, für Kleidung, für Lebenspartner, Autos, Möbel, Essen, Literatur - die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Was jedoch die Urlaubsvorlieben angeht, sind sich die Deutschen, und übrigens nicht nur wir, erstaunlich einig: Zwei von drei Urlaubsreisenden weltweit entscheiden sich für einen Strand. Irgendwo zwischen Nord- und Südsee. Keine Termine, keine Hektik, keine andere Landschaft übt eine so starke Anziehungskraft aus. Vor allem der Sehnsuchtsort schlechthin: die Insel.

Diese Liebe stören weder Seekrankheit noch Katastrophen dauerhaft. Kaum waren nach dem Tsunami im Indischen Ozean die letzten Trümmer weggeräumt, bevölkerten Touristen die Strände schon wieder. Die Verlockung von Wellen, Sand und Salzwasser ist stärker als die Angst vor ihrer Zerstörungskraft. Der Grund dafür ist einfach und komplex zugleich: Meer macht glücklich.

Hochgefühle in der Natur

So weit, so bekannt. Nur: Warum ist das so? Auf einer Tagung des Touristikkonzerns Tui zum Thema "Was Touristen glücklich macht", stellten Wissenschaftler im vergangenen Jahr eine Studie vor, die für Reiseveranstalter zu schmerzlichen Ergebnissen kam: Nur zwölf Prozent aller Urlaubsglücksmomente gehen auf das Konto von Hotel, Service oder knackiger Animateure. Dafür berichteten die befragten Personen geradezu euphorisch von der Landschaft: mit der Familie am Strand stehen, die Weite des Meeres erleben, aber auch von Berggipfeln ins Tal schauen. Fest steht: Hochgefühle, an die sich Jahre später noch erinnert wird, sind ein exklusiver Verdienst der Natur.

Stellt man Menschen die Frage, warum das Meer sie glücklich macht, verhalten sie sich meist so: Der Blick geht verträumt in die Ferne, dann blubbern sie Dinge wie "ach, das Wellenrauschen" oder "ach, diese Leichtigkeit". Was noch? Darauf folgt meist ratloses Schulterzucken. Die wenigsten sind sich dessen bewusst, was mit ihnen am Meer passiert. Aber Psychologisch gesehen verhelfen uns hauptsächlich drei Faktoren zum Glück.

Erstens: Meer = Sinnlichkeit

Meereslandschaften bilden den perfekten Kontrast zum modernen Alltag. Wer sich mit der überfüllten U-Bahn ins klimatisierte Büro unter die Augen des Chefs gekämpft hat und den Rest des Tages vor dem PC verbringt, vergisst schnell, was Wahrnehmung mit allen Sinnen bedeut.

Das Meer ist unbebaubar, nur hier kann der Blick ungestört bis zum Horizont schweifen

Das Meer ist unbebaubar, nur hier kann der Blick ungestört bis zum Horizont schweifen

Am Meer aber erfahren wir genau das: Salzige Brandungsluft pustet durch Großstadtnasen, die Füße graben sich in den Schlick, Familienväter werden bis zum Hals im Sand eingegraben, der Körper schwebt schwerelos im Wasser. Nicht umsonst haben einige Wellness-Tempel so genannte Floating-Tanks ins Programm genommen: Badekammern mit einem hohen Salzgehalt im Wasser, auf dem man völlig losgelöst schweben kann. Wem das zu aufwendig ist, der holt sich als kleine Alltagsflucht eben den Karibiktraum als Desktop-Hintergrund ins Büro.

Zweitens: Meer = Stresskiller

Das Meer ist praktisch unbebaubar. Der Blick wandert ungestört bis zum Horizont und schafft damit ein unvergleichliches Freiheitsgefühl. Das Lichtwellenspektrum der blau-grün-türkisen Meeresfarben wirkt zusätzlich beruhigend, entkrampfend und stressmindernd. Und das Wellenrauschen hat einen ähnlichen Effekt wie Barock- oder Meditationsmusik. Entspannungs- und Hypnotherapeuten setzen es gerne ein, weil es unserem Atemrhythmus ähnelt.

Am Meer erwacht auch eine andere, ganz profane Sinnlichkeit: erotische Fantasien. Schließlich sieht man nirgends so viel geballtes, nacktes Körperfleisch wie am Strand. (Einer Umfrage zufolge träumen mehr als 60 Prozent der deutschen Männer vom Sex am Strand.)

Die Vorstellung, am Strand zu sitzen, wirkt so positiv auf die Psyche, dass man selbst eine Wurzelbehandlung besser übersteht. Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke untersuchten, wie Wellenrauschen das Erleben von Zahnarzt-Patienten beeinflusst. Ergebnis: Die mit Meeresrauschen beschallten Patienten blieben ruhiger, sie empfanden weniger Schmerzen und Angst. Der Effekt verstärkte sich sogar, wenn sie zusätzlich Videoaufnahmen von Meer und Strand sahen, während der Arzt den Bohrer ansetzte.

Die CD Meer des Komponisten Martin Buntrock, die für die Studie verwendet wurde, wird mittlerweile von der Geburtshilfe bis zur Sterbebegleitung eingesetzt. Frühgeborene beruhigen sich schneller, Menschen mit Schlafstörungen finden leichter zur Ruhe, Patienten in Reha-Kliniken entspannen effektiver.

Drittens: Meer = Wohlbefinden

Ärzte beobachten, dass Patienten von einem Aufenthalt am Meer vitaler zurückkommen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die höhere UV-Strahlung hilft Menschen mit Herbst-Winter-Depressionen; die pollen- und staubarme Luft lässt Allergiker durchatmen; das küstennahe Reizklima stimuliert das Immunsystem. Nicht zuletzt sind Algen eine wertvolle Nahrungsergänzung und wichtige Zutat in diversen Kosmetika. Und die Meerespharmakologie entwickelt spektakuläre neue Medikamente, um die längst ein Patent-Wettlauf entbrannt ist.

Wenn Sie also das nächste Mal am Meer liegen und in die Brandung schauen, halten Sie ihn fest, diesen Moment. Und sei es auch nur für den nächsten Zahnarztbesuch.

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity