Sprachkurs auf Schienen Pendeln macht schlau


Für Berufspendler muss der Arbeitsweg keine verlorene Zeit mehr sein. Zwischen Reutlingen und Stuttgart rollt seit zehn Jahren ein Klassenzimmer auf Schienen. Pendler können in einem Zugabteil ihre Sprachkenntnisse aufpolieren.
Von Markus Wanzeck

Pünktlich um 7:48 Uhr schließen die Türen. Das Parkhaus vor dem Fenster setzt sich in Bewegung. Der Reutlinger Hauptbahnhof verschwindet in der Ferne. Unterrichtsbeginn. Französischlehrerin Irene Monreal startet den CD-Spieler, den sie auf ihren Schenkeln balanciert. Eine melancholische Melodie erklingt, ein Seidenweber-Chanson aus dem 19. Jahrhundert. "Avez-vous compris?", fragt Madame Monreal, als das Lied verstummt. Jeder aus der Schülerschar - zwei Frauen und zwei Männer, sichtbar dem Schulalter entwachsen - muss eine Strophe ins Deutsche übersetzen. Hörverständnis. Zum Wachwerden. Danach, etwa ab Nürtingen, folgt Konversation. Und auf den letzten Kilometern bis Stuttgart müssen die Schüler Verben konjugieren. Das ist der Unterrichtsplan für heute: Fortgeschrittenenkurs Französisch, fünfzig Minuten und 57 Regionalzug-Kilometer lang.

Seit mittlerweile zehn Jahren bietet die Volkshochschule (VHS) Reutlingen im morgendlichen Regionalzug nach Stuttgart "Fremdsprachen-TRAINing" an - einen Sprachkurs speziell für Berufspendler. Die Idee dazu kam Susanne Fuchs, Leiterin der VHS-Sprachabteilung, als sie in einem Zeitungsartikel von Managerkursen im französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV las. Von "effizienter Zeitausnutzung bei notorischem Zeitmangel" war da die Rede. Da hat sie sich gedacht: "So was in der Art könnte doch auch in der Schwäbischen Eisenbahn funktionieren." Sie entwickelte ein Konzept für Sprachkurse auf schwäbischen Schienen und stellte es der Bahn-Tochter "Regionalverkehr Alb-Bodensee" vor. Die war schnell überzeugt und stellte für das Experiment ein 1.-Klasse-Abteil kostenlos zur Verfügung.

Der erste TRAINing-Kurs, der im Herbst 1998 aus dem Reutlinger Hauptbahnhof rollte, löste gleich zwei typische Pendlerprobleme: Zum einen ließen viele Reutlinger, die in Stuttgart arbeiten, zuvor unzählige Stunden Fahrzeit ungenutzt verstreichen. Zum anderen fehlen Pendlern nach einem langen Arbeitstag häufig Zeit und Energie, weiterbildende Abendkurse an der VHS zu besuchen. Für diesen ebenso simplen wie serviceorientierten Schritt erhielt Fuchs im Jahr 2001 den Innovationspreis des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung.

Weiterbildung am frühen Morgen

Der Kurs rollt auf Nürtingen zu. Monreal bittet Andreas Schimmel - "André", wie er für die Dauer der Unterrichtsfahrt heißt, - eine Strophe des Seidenweber-Chansons zu übersetzen. "Wir armen Weber haben... kein Hemd", macht er sich an die erste Zeile. "Genau", lobt Lehrerin Monreal. "Wir Weber... gehen nackt." "Ganz genau." Für Andreas Schimmel ist die frühmorgendliche Französischeinheit ein willkommener beruflicher Weiterbildungsbaustein. Der promovierte Chemiker betreut in Afrika den Bau von Wasserkraftwerken, oft ist Französisch die Verhandlungssprache.

Auch Katrin Maier ("Catherine"), die sich an der folgenden Strophe versucht, will ihr Französisch "für den Beruf am Laufen halten". Sie ist Programmplanerin bei einem Medizin-Fachverlag in Stuttgart und hat oft mit französischen Geschäftspartnern zu tun. Seit sechs Jahren nimmt sie regelmäßig am Sprachkurs auf Schienen teil. Bis zu fünf Pendler pro Unterrichtsstunde können an dem Kurs teilnehmen - mehr passen nicht in das "Klassenzimmer". Lehrerin Irene Monreal verabredet sich per E-Mail mit den Schülern. Einmal wöchentlich findet der Kurs statt, immer im RE 22018, 7:48 Uhr ab Reutlingen, aber an wechselnden Wochentagen.

"Reserviert für Fremdsprachenkurs"

"Nägschder Halt: Plochingen", schallt es in schönstem Schwäbisch ins Sprachkurs-Abteil. Die Fahrt führt durchs winterliche Neckartal. Immer wieder nähern sich Fluss- und Gleisbett einander an, bevor der Neckar sich kurz nach Bad Cannstatt in einer scharfen Rechtswindung von den Schienen verabschiedet. Bis dahin sind es noch ein paar Minuten. Zeit genug für Monreal, um den Unterschied zwischen fleuve und rivière zu erläutern. "Le Neckar est une rivière", erklärt sie. "Er mündet nicht ins Meer. Würde er das, dann wäre er: un fleuve".

Über den Köpfen der fünf klebt ein großer Papierbogen, auf dem die Konjugationsformen wichtiger Verben stehen. Daneben schaukelt ein Schild. "Reserviert für Fremdsprachenkurs" steht darauf. Es ist die schweigende Antwort auf den verwunderten Blick vieler zusteigender Berufspendler, die bei jedem Halt an dem gläsernen Klassenzimmer vorübergehen. Es ist schon vorgekommen, sagt Monreal, dass sich Passagiere bei der Bahn über den Sprachkurs beschwert haben: Durch die Unterrichtsatmosphäre würden bei ihnen verdrängte Schulerinnerungen wieder hochkommen! Viel öfter allerdings reagieren die Fahrgäste positiv, erklärt die promovierte Romanistin. Durch das exponierte Unterrichten habe sie schon den ein oder anderen passierenden Pendler zum Sprachenpauken bringen können.

"Der schnellste Sprachkurs der Welt"

Das Konzept der mobilen Sprachkurse wurde inzwischen auch auf andere Bahnstrecken exportiert - etwa nach Finnland. Dort bietet eine Partner-Volkshochschule der Reutlinger VHS seit 2002 im Morgenzug zwischen Riihimäki und Helsinki Kurse in Englisch, Deutsch und Russisch an.

Im vergangenen Oktober hob die VHS Reutlingen zusammen mit der Deutschen Bahn und der französischen Bahngesellschaft SNCF den laut Eigenwerbung "schnellsten Sprachkurs der Welt" aus der Taufe: Seitdem können sich Frankreichtouristen im TGV Stuttgart - Paris einmal im Monat Französisch-Grundkenntnisse und ein paar nützliche kulturelle Kniffe aneignen. Bei bis zu 320 km/h Reisegeschwindigkeit.

Frankophile Schwaben

Dagegen geht es im Regionalexpress geradezu gemütlich zu. "Sehr geehrte Fahrgäste, in Kürze erreichen wir Stuttgart Hauptbahnhof." Die Durchsage ist der Pausengong - das Zeichen für Irene Monreal, den Unterricht zügig zu beschließen, während vor dem Fenster schon der Schlossgarten gemächlich heranrollt. Angespornt von dem gut besuchten Französisch-TRAINing, habe die VHS wiederholt versucht, noch mehr Pendlerkurse einzuführen, sagt Monreal beim Aussteigen. Ohne nennenswerten Erfolg: Deutsch als Fremdsprache oder Spanisch etwa sind entweder bereits in der Planungsphase steckengeblieben oder nach wenigen Wochen wieder eingeschlafen. Nur Französisch, sagt sie, das gehe immer.

Rückfahrt nach Reutlingen. Zwei Studenten sitzen sich im Großraumabteil gegenüber. Sie unterhalten sich darüber, wohin es ihre Schulfreunde verschlagen hat. Sie: "Was macht eigentlich der Martin?"
Er: "Der isch grad' in München auf Zimmersuche. Der will dort Jura studiere'."
"Ach. Warum denn München?"
"Ja, da isch die Uni ganz gut. Die Stadt isch lebenswert. Und außerdem wollt' der Martin aufhöre', Schwäbisch zu schwätze'."

Vielleicht sollten sie es bei der VHS mal mit einem Kurs "Hochdeutsch als Fremdsprache" versuchen. Das könnte klappen, in einem Landstrich, dessen Bewohner bekanntlich schon alles können. Fast alles.


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