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Sturmtief "Daisy": Schnee-Drama in Norddeutschland

Unpassierbare Straßen, lahm gelegte Züge, zerfressene Deiche: Sturmtief "Daisy" hat den Norden kalt erwischt. Nur Kinder dürfen sich freuen: In weiten Teilen Norddeutschlands ist Montag schulfrei.

Der scharfe Wind pfeift. Die hohen Wellen der Ostsee peitschen mit Wucht gegen das Ufer, immer und immer wieder. Bei Dahmeshöved im Kreis Ostholstein haben sie nach und nach Höhlen in den Deich gefressen. Am Sonntagnachmittag bricht er an einer Stelle bereits ein. Sturm und Schnee machen es den Helfern schwer: In Schleswig-Holstein sind Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten und Straßen unpassierbar. Auch Lastwagen, die Steine nach Dahmeshöved bringen sollten, stecken zunächst im Schnee fest.

Am Samstagabend wurden sie entdeckt: angefressene Stellen in dem zwei Kilometer langen Deichstück, das Dahme und Kellenhusen verbindet und die Niederungen sowie einen großen Bauernhof mit mehr als 300 Rindern vor dem Wasser schützt. Erst sichern die Helfer mit Felssteinen, die vorsichtshalber am Deich gelagert worden waren. Als das Material ausgeht, stopfen sie die Löcher mit Geröll von der Wasserseite her. Dann, am Sonntag, beginnt das Warten auf Nachschub. Erst am späten Nachmittag rückten Lastwagen mit Steinen an. Am Abend dann Entwarnung: Durch den Einsatz zahlreicher Helfer habe der Deich so weit gesichert werden können, dass keine akute Gefahr mehr bestehe, teilte das Lagezentrum der Polizei in Kiel mit. Auch an der Südküste der Ostseeinsel Fehmarn konnte ein bedrohter Deich bis zum Abend gehalten werden.

Ostseeinsel Fehmarn: Erinnerung an 1978/79

Das Sturmtief "Daisy" und extremes Hochwasser haben in Neustadt, Heiligenhafen und anderen Badeorten die Ostsee über die Ufer treten lassen. In Kellenhusen sind Teile der Strandpromenade abgebrochen. Das Schneechaos hat die Insel am heftigsten getroffen: Nach Angaben der Polizei waren alle Dörfer der Insel "mehr oder weniger sich selbst überlassen". Im Schneesturm fiel dann am Sonntag auch noch der Strom aus. Etwa eine Stunde lang saßen die Menschen auf der Insel im Dunkeln. "Ich halte mich für einen besonnenen Menschen, aber das hier erinnert mich sehr an die Schneekatastrophe 1978/1979", sagte der Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt.

Am schlimmsten vom Sturmtief "Daisy" betroffen war der Nordosten, wo mehr als 320 Menschen die Nacht in eingeschneiten Autos oder Zügen verbringen mussten. Mehrere Menschen starben bei Unfällen auf eisglatten Straßen. Der Landkreis Ostvorpommern rief Katastrophenalarm aus. Wegen des Schneechaos fällt am Montag überall in Mecklenburg-Vorpommern die Schule aus, teilte die Landesregierung am Sonntag mit. In Schleswig-Holstein entschied das Landesbildungsministerium nach Angaben der Polizei, Schülern in den besonders betroffenen Landkreisen Ostholstein, Plön, Rendsburg-Eckerförde und Bad Segeberg zum Wochenstart freizugeben.

Neuschnee, Eis und extremer Wind sorgten auch in weiten Teilen des übrigen Landes für massive Verkehrsprobleme. Mehrere Autobahnen und Bundesstraßen mussten gesperrt werden. In Nordrhein-Westfalen ereigneten sich mehr als 1000 Verkehrsunfälle, auch dort starben zwei Menschen.

Mehrere hundert Flüge ausgefallen

Die Räumdienste konnten im Norden nur mit Mühe Autobahnen sowie andere Hauptverkehrsstraßen freihalten. Die A20 zwischen Bad Segeberg und Lübeck wurde von Samstagabend bis Sonntagvormittag auf 20 Kilometer gesperrt. Schneewehen und umgestürzte Bäume blockierten Straßen auch in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Auf Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt fielen wegen starken Schneefalls bis Sonntagnachmittag rund 320 Flüge aus. Etwa 60.000 Fluggäste waren davon betroffen. Rund 100 Passagiere campierten im Flughafen auf Feldbetten, tausende Fluggäste schliefen in Hotels.

Bundesweit verursachte der erwartete Schneefall im Bahnverkehr Streckensperrungen und Verspätungen. Schneeverwehungen hätten viele Weichen gestört und einzelne Strecken unpassierbar gemacht, sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn. Gesperrt waren etliche Strecken in Norddeutschland, darunter die ICE-Verbindung Hamburg-Puttgarden-Kopenhagen sowie die IC-Linie Stralsund-Berlin. In Vorpommern mussten nach Angaben des Unternehmens mehr als 30 Reisende aus Regionalzügen geborgen werden, die sich in Schneewehen festgefahren hatten

Bei Lübeck schnitten meterhohe Schneewehen den Ort Priwall von der Außenwelt ab. Auch die Priwallfähre stellte ihren Betrieb wegen Hochwassers und Sturm ein. In der Lübecker Altstadt trat die Trave über die Ufer. Wegen orkanartiger Böen hatte die Reederei Scandlines schon am Samstag ihre Fähren von und nach Schweden und Dänemark ab Rostock und Sassnitz gestoppt. Reisende mussten lange Wartezeiten hinnehmen. "Wir können weder die Passagiere noch die Schiffe gefährden", sagte ein Sprecher zur Begründung.

Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach soll Tief "Daisy" an diesem Montag in Richtung Mittelmeer abziehen. Dann folge eine neue Kältewelle und lasse die Schneedecke festfrieren.

DPA/AFP / DPA

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