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The Venetian Macao: Kitsch-Welt für 2,4 Milliarden Dollar

3000 Suiten, 10.000 Angestellte, 2,4 Milliarden Dollar teuer: Das "Venetian" im chinesischen Macao ist ein Luxushotel der Superlative. Doch viele Macanesen sind wenig begeistert von der neuen Kitsch-Welt auf ihrer Insel.

Von Sönke Wiese

Auf einem Hügel über dem Zentrum steht Macaos alte Fassade. Die Ruinen der St. Pauls Kathedrale sind das Wahrzeichen der ehemaligen portugiesischen Kolonie. Unterhalb des Steingerippes liegt die Altstadt; 150 Jahre alte Kolonialbauten, verschlungene Gassen, kleine Plätze mit Springbrunnen. Man könnte sich in Südeuropa wähnen, hier, mitten in Asien.

Doch hinter der kleinstädtischen Idylle strecken sich spektakuläre Glitzerpaläste in den Himmel, überall wird gebaut, demnächst überragt ein Wolkenkratzer in Form einer riesigen Lotusblüte die ganze Stadt, 225 Meter hoch. Der vorläufige Höhepunkt des Größenwahns ist gerade auf einer künstlichen Insel vor der Küste vollendet: das "Venetian Macao".

Gondolieri gehören zum Inventar

Für 2,4 Milliarden Dollar hat hier die amerikanische Las Vegas Sands Corp. auf aufgeschüttetem Land in der chinesischen Sonderverwaltungszone das nach eigenen Angaben größte Gebäude Asiens hochgezogen. Im Innern des "Venetian": das größte Casino der Welt, eine Show-Arena für 15.000 Zuschauer, ein Messe- und Kongresszentrum, 30 Restaurants, 350 Geschäfte und ein Hotel mit 3000 Zimmern. In den oberen Etagen kann man durch die Kulissen eines künstlichen Venedigs schlendern; originalgetreue Türme, Brücken, Plätze und Kanäle gibt es dort, Gondolieri, Straßenkünstler und Tänzerinnen gehören zum Inventar.

Diese Kitsch-Version der italienischen Renaissance hat der amerikanische Casino-Tycoon Sheldon Adelson geschaffen. "Die Eröffnung des 'Venetian' ist ein Paradigmenwechsel für Macao", meint der Besitzer der Las Vegas Sands Corp. "Überall auf der Welt wollen die Menschen Unterhaltung", sagt der 74-Jährige. "Wir geben sie ihnen."

Las Vegas beim Umsatz überholt

Die einst mächtige St. Pauls Kathedrale brannte 1835 nach einem Taifun aus. Das Glücksspiel ist die neue Heimsuchung, die Macao in diesen Tagen erlebt. Allerorts werden alte Bauten gesprengt und an ihre Stelle Casinos gepflanzt. Das südländische Flair, für das Macao früher gerühmt wurde, ist über Nacht hinweggefegt. Schon im vergangenen Jahr überholte Macao Las Vegas beim Umsatz mit Glücksspiel.

Das schnelle Geld tragen die spielverrückten Chinesen in die Stadt. Macao ist der einzige Ort Chinas, wo sie legal an Roulettetischen zocken dürfen. Nach der Übergabe der Kolonie 1999 hob die Regierung Macaos das Glücksspiel-Monopol auf und vergab Konzessionen auch an ausländische Investoren. Seitdem versuchen die Betreiber, sich mit immer monströseren Unternehmen zu übertrumpfen.

"Glücksspiel vergiftet die Seele"

Der Boom scheint gerade erst begonnen zu haben: Macao verzeichnet ein Wirtschaftswachstum von über 20 Prozent. 20 Millionen Touristen strömten 2006 in die 500.000 Einwohner-Stadt, für 2007 erwartet man 26 Millionen. Doch mit der Anzahl der Besucher und ausländischen Investitionen steigt auch der Unmut der einfachen Macanesen.

"Das Glückspiel vergiftet die Seele", sagt Jimmy, ein Antiquitäten-Händler in der Altstadt. "Man weiß doch, dass man am Ende nie gewinnt." Man werde kaum einen echten Macanesen treffen, der jemals in den Spielhöllen gezockt habe.

Am 1. Mai demonstrierten Tausende Menschen gegen Korruption und billige Arbeitskräfte aus dem Ausland. Protest auf der Straße - ein ungewöhnliches Ereignis in der chinesischen Sonderverwaltungszone. Die Wut war so groß, dass es sogar zu Zusammenstößen mit der Polizei kam.

"Nur die Regierung gewinnt"

Denn viele alteingesessene Macanesen profitieren nicht vom Aufschwung. Zwar gibt es offiziell keine Arbeitslosigkeit, doch massenweise Immigranten, vor allem vom chinesischen Festland und von den Philippinen, drücken die Löhne. Und das Glücksspiel-Gewerbe erdrückt die traditionelle Industrie und Geschäfte. Es macht schon zwei Drittel der gesamten Steuereinahmen aus. "Der einzige Gewinner ist doch die Regierung", meint Jimmy. "Ich verdiene nicht mehr Geld."

Der Antiquitätenhändler sagt, in seinen Laden in der Altstadt würden nicht mehr Touristen kommen als früher. Offenbar interessieren sich die Millionen Glücksritter nicht sonderlich für das portugiesische Erbe der Stadt.

Wem der Weg zu den Ruinen von St. Paul auf dem Hügel zu beschwerlich ist, für den gibt es unten am Hafen bei den Casinos eine neue Sehenswürdigkeit. Dort hat man eine künstliche Katastrophe installiert, einen in Beton gegossenen Vulkan. Das Ungetüm spuckt sogar von Zeit zu Zeit Feuer. So kennt man das aus Las Vegas.

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