Tropical Islands Die Oase an der A 13


In Brandenburg, nahe der Autobahn von Berlin nach Dresden, hat Tropical Islands eröffnet, eine neue Art von Freizeitpark. Kurzurlauber sollen sich hier wie in den Tropen fühlen.

Es ist früh am Morgen, und die Sonne steht schon hoch am tiefblauen Himmel, elf, zwölf Meter ungefähr. Viel mehr steigen kann sie nicht, bei 16 Meter ist Schluss. Wie es sich für eine Sonne gehört, wird sie im Laufe des Tages wandern, aber auch das kann sie nicht unbegrenzt, in der Breite misst der Himmel 140 Meter. Davor liegt noch still die Südsee, 4000 Quadratmeter groß, in ihr zwei Inseln und darauf drei Palmen, das Ganze gesäumt vom allerfeinsten Sand aus einem Kieswerk in Niedersachsen.Marion und Edgar Richter haben sich am Strand auf zwei Liegen niedergelassen, von denen sie Aussicht auf gleich zwei Himmel haben, den tropischen auf der großen Leinwand und den Brandenburger da draußen in der Kälte, spärlich erhellt von der Wintersonne. Eine Stunde sind sie heute in aller Frühe aus der Nähe von Finsterwalde unterwegs gewesen mit ihren beiden Söhnen und deren Freundinnen. "Wir sollen für Verwandte und Bekannte auskundschaften, wie das hier ist", sagt Marion Richter.Das hier: Das ist die größte Halle der Welt, die ohne Stützpfeiler auskommt. 107 Meter ragt sie in die Höhe über dem westlichen Spreewald, 360 Meter ist sie lang und 210 Meter breit. Die New Yorker Freiheitsstatue könnte in ihr stehen, der Pariser Eiffelturm in ihr liegen. Auf 66 000 Quadratmetern finden sich zwei riesige Schwimmbecken, Whirlpools, Beachvolleyballfelder, ein kleiner Park und dazu Restaurants und Bars - das wohl größte Hallenbad der Welt.

"Nein", sagt Colin Au, der Herr über diese Halle, "es ist viel mehr." Das kündigt schon der Name an: "Tropical Islands". Um diese Verheißung zu erfüllen, hat Au mit Schiffen und Flugzeugen so viel Tropen wie möglich in die Halle schaffen lassen. Die beiden Pools, die "Südsee" und die "Bali-Lagune", trennt der "Regenwald", ein mit 10 000 exotischen Gewächsen bepflanzter Hügel. Zur einen Seite grenzt die Badelandschaft an das Tropendorf mit Hütten unter anderem aus Kenia, Samoa, Borneo und vom Amazonas. Und am Abend tanzen sich die 90 Mitglieder einer brasilianischen Showtruppe durch die Geschichte ihres Landes.Colin Au, ein 55-jähriger Harvard-Absolvent aus Malaysia, arbeitet seit 25 Jahren im internationalen Tourismusgeschäft. Er half, Urlaubsorte in Australien und in den USA aufzubauen, er war Chef der Kreuzfahrtlinie Star Cruises, bis er vor vier Jahren eine neue Idee hatte: die Tropen zu den Menschen zu bringen, für die der Weg dorthin sehr weit und sehr teuer ist. Jetzt liegt 60 Kilometer südlich von Berlin sein erstes Tropical Islands. "Ein Kollege erzählte mir von der Halle", sagt Au. "Ich reiste her, sah sie mir an und fand sie perfekt für mein Vorhaben."Schon einmal hatte hier, auf den 500 Hektar eines ehemaligen sowjetischen Militärflughafens, jemand Großes vor. 1999 erwarb die Cargolifter AG das Grundstück und baute eine Halle, um darin riesige Zeppeline für den Transport von schweren und sperrigen Gütern zu fertigen. Doch nicht ein Zeppelin verließ das Bauwerk, und im Mai 2002 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Heute erinnert nur noch die Ausstellung in einem Pavillon, wenige hundert Meter von Tropical Islands entfernt, an die einst hochfliegenden Pläne.Colin Au kaufte, mit dem britisch-malaysischen Konzern Tanjong als Partner, im Sommer 2003 das Gelände samt Halle für 17 Millionen Euro und steckte weitere 70 Millionen hinein. Viel Geld ist schon im brandenburgischen Sand verbuddelt worden, für den Cargolifter, für die Rennstrecke Lausitzring, die ebenfalls Insolvenz anmelden musste, für eine Chipfabrik bei Frankfurt/Oder, deren Bau abgebrochen wurde. Auch die inszenierten Tropen sind eine große Idee - vielleicht sogar eine größenwahnsinnige? "Keineswegs. Die Deutschen lieben die Wärme, das Wasser und den Strand", sagt Au. "Sie fliegen in die Türkei und nach Griechenland. Hier aber sind sie schneller. Und haben dazu eine exotische Umgebung."Damit die Besucher sich wohl fühlen, lässt Au die Halle rund um die Uhr auf 25 bis 28 Grad heizen, das Wasser in den Becken ist bis zu 32 Grad warm. Rund drei Millionen Euro soll das tropische Klima pro Jahr kosten. Da meldeten sich schon zur Einweihung die Kritiker. Cornelia Behm, die für die Brandenburger Grünen im Bundestag sitzt, tadelt eine gigantische Energieverschwendung. Au aber bleibt auch bei Vorwürfen und Kritik stets ruhig und freundlich. Andere Vergnügungsparks, sagt er, würden viel Energie in schnelle Fahrgeschäfte stecken, und außerdem: "Wenn die Leute sich ins Flugzeug setzen und nach Kuba fliegen, ist das auch schädlich für die Umwelt."

Tropical Islands ist durchgehend geöffnet. In drei Schichten arbeiten rund 700 Angestellte. Die meisten kommen aus der Umgebung, rund 20 Prozent der Menschen sind hier auf der Suche nach Arbeit. Cornelia Herzig steht hinter einem Tresen an der Südsee. Früher war sie Lokführerin im Tagebau, nach Abwicklung ihres Betriebes machte sie mal Umschulungen, mal hatte sie ABM-Jobs. "Ich hoffe", sagt Herzig und bekommt das den Angestellten verordnete Lächeln schon ganz gut hin, "dass jetzt auch die Leute kommen."Die Leute kommen zunächst jedoch zögerlich. Kirsten und Christian Klause aus der Nähe von Potsdam liegen vormittags an der Lagune und wollen bald auf jeden Fall ihre Kinder mitbringen. Monika Henke aus Berlin sitzt nachmittags mit einer Freundin vor der Showbühne im tropischen Dorf. "Ich habe meine Eintrittszeit um drei Stunden überzogen", sagt sie, "aber die drei Euro zahle ich gern nach." Bei der Show am Abend vergnügen sich Betriebsausflügler aus Cottbus. Um 23 Uhr sitzt Christin Grimberger auf einer Liege am Wasser, sie ist mit Freundinnen aus einem Nachbarort gekommen. "Klasse, was der DJ jetzt laufen lässt." Bis weit nach Mitternacht fliegen die Bälle auf den Beachvolleyballfeldern.Über die Weihnachtsferien aber war die Halle voll, zwei Tage vor Silvester musste die Polizei wegen des Rückstaus sogar mehrmals die Autobahnabfahrt sperren. Doch um eines Tages Gewinne zu erzielen, braucht Tropical Islands nicht nur viele, sondern sehr viele Besucher: rund 2,5 Millionen im Jahr. Wo sollen die herkommen? Kein Problem, sagt Colin Au. Allein fünf Millionen Menschen wohnen nur eine Autostunde entfernt, im Umkreis von zwei weiteren sogar 25 Millionen. Und eines Tages will er mit Billigfliegern zusammenarbeiten, die auf dem nahen Flughafen Schönefeld landen.Am Bahnübergang in Brand, kurz vor der Abfahrt zu Tropical Islands, steht in einem Imbisswagen Carola Seidenfaden. In den Pfannen vor ihr brutzeln Würste, Schaschliks und Bratkartoffeln. Schon einmal hatte sie hier Stellung bezogen, musste aber wieder abziehen. "Der Cargolifter war ein Reinfall", sagt sie. "Aber das mit den Tropen, das muss ja jetzt mal klappen."

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