Unfälle beim Skifahren "Derzeitige Berichte sind Panikmache"


Durch die Medien geistern derzeit Berichte über extrem erhöhte Unfallzahlen auf den Skipisten. "Alles Panikmache", sagt Michael Berner aus der Geschäftsleitung Marketing, Vertrieb und Öffentlichkeitsarbeit im Deutschen Skiverband. Im stern.de-Interview äußert sich der Experte zu Sicherheitsaspekten beim Skifahren. Er sagt, wer besonders gefährdet ist, wie der Verband zu einer Helmpflicht steht und fordert die Aktiven zu mehr Vorbeugemaßnahmen auf.

Herr Berner, die Medien berichten zurzeit über ein stark erhöhtes Unfallrisiko auf den Skipisten. Panikmache oder Realität?

Ganz klar, das ist eine Panikmache. Wir haben auch recherchiert, woher diese Aussagen kommen. Die Aussagen leiten sich häufig aus unzureichender Recherche ab. Es macht natürlich wenig Sinn, herzugehen und zu sagen, ich rufe zur Recherche drei Skigebiete in Deutschland an, wie es in den meisten Fällen gemacht worden ist, und die Frage stelle: "Habt ihr heuer mehr Unfälle wie letztes Jahr?". Da muss die Antwort aus deutschen Gebieten zu fast 100 Prozent "Ja" heißen.

Da müsste man schon die Nebenfrage stellen, wie viel Leute sind denn in dem Zeitraum Ski gefahren, wie viele Skitage sind denn zusammengekommen? Wenn ich ein Gebiet hernehme, das im letzten Dezember drei Skitage hatte und in diesem 30, dann haben wir natürlich mehr Skifahrer und somit ein erhöhtes Unfallrisiko. Drum wehren wir uns gegen diese punktuelle Aufnahme und daraus resultierende Ableitungen für die laufende Saison.

Seriös ist das Ganze nur, wenn ich frage, egal wo der Skifahrer fährt, wie groß ist die Gefahr eines Unfalls? Da haben wir die Saison 2005/06 abgeschlossen und können sagen: In den letzten 27 Jahren hat sich das Unfallrisiko um 47 Prozent reduziert, untermauert auch von Studien in Österreich und der Schweiz. Wir veröffentlichen die Zahlen der vergangenen Saison erst dann, wenn alles komplett abgeschlossen ist. Ihnen kann ich aber sagen, auch 2006/07 wird sich nichts extrem entwickelt haben, und in deutschen Gebieten verzeichnen wir sogar einen Unfallrückgang. Das untermauern auch Rückfragen im Haus bei der DSV-Skiwacht. Wenn man das also insgesamt betrachtet, kann man sagen, das ist Panikmache.

Ihre Statistiken weisen einen Rückgang der Unfälle pro 1000 Skifahrer aus. Wie aussagekräftig sind die Zahlen?

Man rechnet die Unfallzahlen ja pro 1000 Skifahrer, das berücksichtigt eine Steigerung absoluter Zahlen. Die Zahl der Skifahrer liegt aber konstant bei rund vier Millionen in Deutschland. Was aber gestiegen ist, ist die Zahl der Leute auf der Piste. Das heißt, durch bessere und schnellere Beförderungsanlagen in den Gebieten sind mehr Leute gleichzeitig unterwegs. Die Rechnung "mehr Skifahrer = mehr Unfälle" geht aber nicht auf. Untersuchungen zeigen, dass die Aufmerksamkeit dann höher ist, wenn mehr Menschen unterwegs sind. Außerdem reduziert sich damit auch die gefahrene Geschwindigkeit. Dazu kann ich sagen, es wird heuer nicht schneller gefahren als früher. Zur Unfallstatistik muss man fairerweise sagen, das sind Zahlen, die sich ableiten aus 320.000 DSV-Mitgliedern, die bei uns gemeldet sind, eine DSV-Skiversicherung abgeschlossen haben und im Fall des Falles den Schaden bei uns melden, wobei das ein repräsentativer Querschnitt sein dürfte.

Worauf führen Sie den Rückgang des Gefahrenpotenzials beim Skifahren zurück?

Deren Ursachen gibt es viele. Das Material hat sich im Laufe der Jahre extrem verbessert. Es geht los beim Ski. Seit der Einführung der Carvingski sieht man eine klaren Knick nach unten (bei den Unfallzahlen, die Red.). Sie erleichtern das Skifahren. Dann haben sich im Laufe der Jahre die Bindungen extrem entwickelt, dass man hergehen kann zu sagen, auch in der Kombination mit neuen Schuhen haben sich die Auslösemomente (der Bindungen, die Red.) verbessert. Dazu kommt eine bessere Präparation der Ski sowie Präventions- und Sicherungsmaßnahmen im Skigebiet, heißt, die Umsetzung von Ergebnissen aus der Unfallforschung auf den Pisten.

Neben der Steigerung der Unfallzahlen wird von Bergwacht und Ärzten über immer schwerere Verletzungen berichtet. Stimmt der Trend?

Nein, das ist auch so ein Punkt, das sind wieder die Ärzte, die man fragt. Ich habe kürzlich ein Interview bei einem Sender mit einem Arzt aus Innsbruck gehört, der sagt genau das Gegenteil. Aber ich will das gar nicht schönreden, klar, jeder Verletzte ist einer zuviel, darüber sind wir uns einig. Die beschriebene Tendenz zu den schweren Mehrfachverletzungen ist aber auch rückläufig. Das hat bestimmte Ursachen: Immer mehr Leute tragen Helme, einige zum Teil auch Protektoren, das bedeutet wieder ein Mehr an Prävention.

Welcher Personenkreis bleibt dennoch besonders gefährdet?

Der Untrainierte und der Ungeschulte. Das gilt nicht nur für den Skisport, das gilt für viele Dinge im Leben, auch für andere Sportarten. Wer einen Skikurs gemacht hat, weiß zu stürzen, denn das kann beim Skifahren vorkommen. Ich lerne, wie man fällt, wann ich mich dem Sturz hingeben muss, ich lerne, die Gefahren abzuschätzen, die Regeln kennen, darüber, wie das Miteinander auf der Piste funktioniert (siehe dazu im Kasten die zehn Regeln des internationalen Skiverbandes FIS, die Red.).

Unfallverhütung und Verhaltenstraining werden als Themen in den Skikursen behandelt?

Genau, aber es beginnt vorher, mit der Fitness meines Körpers, was ich dazu beitragen kann, das Unfallrisiko zu minimieren. Wenn ich einen guten Muskelaufbau habe, wird es unwahrscheinlicher, dass ich mich am Knie verletze. Prävention heißt, dass ich mich permanent körperlich fithalte. Es wird auch verkannt, dass das Material eine große Rolle spielt. Eben der Punkt, wenn ich zum Skifahren gehen will, bringe ich den Ski vor der Saison zum Einstellen zum Fachhändler, denn es können sich die körperlichen Voraussetzungen wie zum Beispiel das Gewicht verändert haben. Oder das Fahrkönnen, dass ich sportiver fahren kann oder langsamer fahren will, weil ich älter geworden bin. Das alles hat Einfluss auf den Einstellwert der Bindung. Dann kommt der Skikurs, wo ich lerne, wie ich den Skitag richtig beginne. Nicht, dass ich hochfahr und dann losfahr, sondern im Kurs lerne ich, wie ich mich entsprechend verhalte. Ich muss die FIS-Regeln nicht im Wortlaut kennen muss, aber in der Bedeutung. Zum Beispiel, wie ich mich verhalte, wenn ich vom Pistenrand wieder losfahren will und, und, und. Das Kennen und Berücksichtigen der Regeln trägt zur Unfallrisiko-Reduzierung bei.

Wie beurteilen Sie die Erfolge im Lernen, was das Verhalten nach Absolvierung eines Skikurses angeht?

Ich gebe Ihnen ja nicht Unrecht, die Unvernunft, die dann da ist, man vergisst solche Dinge immer wieder, das ist genau das Thema, wo sie (die Medien, d. Red.) die Ansätze hätten, die Signale, die wir in der Prävention senden, zu kommunizieren. Aber da sind auch immer wieder die Dinge, die wir tun, in Mitgliederzeitschriften, Kampagnen und Pressekonferenzen Hinweise zur Unfallprävention zu geben. Die Situation bei den Verletzungen ist nicht so wie dargestellt, aber, wie gesagt, jeder Verletzte ist einer zuviel. Was kann ich tun? Genau das ist die Botschaft. Kein Rennsportler käme auf die Idee, ich fahr da oben los, ohne mich warm gemacht zu haben. Kein 100-m-Läufer würde kalt aus dem Startblock rausschießen. Das sind genau die Punkte, über die immer wieder aufgeklärt werden muss.

Kommen wir zu den Kampagnen. In Italien gibt es bereits seit 2005 eine Helmpflicht für Kinder und Jugendliche. Warum nicht bei uns?

Ich würd's umdrehen und sagen, es ist gar nicht mehr notwendig. Wenn man sich in den Skigebieten in Deutschland umschaut, dann ist es eher auffällig, wenn ein Kind keinen Helm trägt. Wir plädieren dafür zu sagen, ohne Einschränkung, ohne wenn und aber, sollen Kinder Helme tragen, aber das jetzt zur gesetzlichen Regelung zu machen? Ich muss es verstanden haben. Wir müssen den Eltern klarmachen, warum sie ihren Kindern Helme aufsetzen sollen. Dafür gibt’s Gründe.

Das nächste Problem in Deutschland ist, dass die gesetzlichen Voraussetzungen anders als in Italien sind: Wer würde es denn dann kontrollieren? Es gibt hier keine Pistenpolizei in Deutschland, und wir wollen auch keine Pistenpolizei. Es ist eine Frage des Umgangs. Wir wollen die DSV-Skiwacht, die vor Ort hergeht und andere auf Fehlverhalten aufmerksam macht, aber zu sagen, "Ihr Kind trägt keinen Helm, das macht 130 Euro", ja, da glauben wir nicht dran. Wenn es kommen würde, ja, dann ist es halt so. Und die Italiener, übrigens, sind auch nicht ganz glücklich mit ihrer Gesetzgebung.

Was läuft an Kampagnen zu dem Thema?

Es gibt seit mehreren Jahren eine große Kampagne von DSV aktiv und Partnern zur Sicherheit so zum Beispiel www.sicher-im-schnee.de und www.alpine-sicherheit.de. Dieses beiden beschäftigen sich mit Sicherheitsfragen rund um den Skisport.

Das Thema Helmtragen ist erst seit ein paar Jahren richtig am Köcheln. Dabei hat es doch Kopfverletzungen immer schon gegeben. Ist das Thema eine Modeerscheinung?

Nein, das hängt damit zusammen, dass Italien das Gesetz gebracht hat. Es hat viele sensibilisiert, und natürlich haben wir von der Geschichte auch profitiert. Das Gesetz ist nach dem tragischen Tod eines Kindes auf den Weg gebracht worden. Sicher, an der Stelle hat es auch vor hundert Jahren schon Unfälle gegeben, aber das Sicherheitsbewusstsein von uns Menschen nimmt ja zu. Wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, mein Auto werde rundum Airbags haben wird, da hätte ich gesagt, da kann ja gar nicht sein. Heute ist es Tatsache. Aber wir haben heute ein anderes Sicherheitsbewusstsein, das zeigt sich beim Fahrradfahren und den Helmen auch. Das hat sich positiv verschoben. Ich sag es mal burschikos. Es gibt kein Gesetz, dass wir uns morgens und abends die Zähne putzen müssen, aber wir tun es halt trotzdem. Weil wir wissen, dass wir uns sonst selber schädigen. Und genauso gehört für mich der Helm zu den selbstverständlichen Ausrüstungsgegenständen, und wir sind auf dem Weg. Und wer ihn mal getragen hat, und das ist auch die Botschaft, und den richtigen gekauft hat, das ist ja nur positiv, da gibt es nichts Negatives. Wenn der gut be- und entlüftet ist, dann trägt sich der besser als eine Mütze.

Und wie sieht ihr Blick in die Zukunft aus?

Es geht darum, den Menschen immer und immer wieder sagen, auch wenn sie es nicht mehr hören können: "Bringt eure Ski zum Service, bringt eine Grundfitness mit, hört auf zu fahren, wenn ihr über Tag müde werdet. Ich muss ja nicht am Abend bis zur Erschöpfung fahren, wenn es meine Kondition nicht zulässt".

Interview

: Thomas Götemann


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