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Wellness: Gesunder Luxus

Viele Wellness-Reisende buchen den Arzt gleich dazu. Zum Beispiel im Kempinski Heiligendamm, das mit einer Klinik eine Kombination aus Wellness und Medizin anbietet.

Von Anika Geisler

Es ist wieder Ruhe eingekehrt in dem kleinen Ort am Meer. Keine Marineboote mehr auf der Ostsee, keine Kampftaucher im Wasser und keine Leibwächter, die auf vierrädrigen Motorrädern durch den Wald knattern, wenn der amerikanische Präsident eine Runde Rad fährt. George W. Bush ist seit knapp zwei Monaten weg, sein Besuch in MeckPomm Geschichte. Und so tun die Menschen in Heiligendamm wieder das, was sie hier schon immer taten: Sie kümmern sich um ihre Gesundheit.

Bereits 1793 wurde Heiligendamm auf Rat des Leibarztes von Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin zum ersten deutschen Seebad erklärt. Der Mediziner empfahl, viel gesunde Meeresluft einzuatmen. Seitdem reisten Wohlsituierte zum Kururlaub in die "weiße Stadt am Meer". Es gab Tennisplätze und Tontaubenschießen und seit Ende des 19. Jahrhunderts Thalassotherapie gegen Neurosen, Lähmungen und Katarrhe.

Noch heute besteht Heiligendamm lediglich aus ein paar Dutzend Häusern. Dazu gekommen sind eine privat geführte Reha-Klinik - und das Kempinski-Management, das den alten, nun restaurierten Hotelkomplex übernommen hat, in dem Bush übernachtete. Klinik und Hotel arbeiten seit drei Jahren eng zusammen beim Verkauf eines gemeinsamen Produkts: Medical Wellness.

Und so reisen nun neben wohlsituierten Urlaubern auch gestresste Chefs mit Burn-out-Syndrom an. Die Manager wissen die schnelle Abwicklung in dem Hotel, das zu DDR-Zeiten noch als "Sanatorium für Werktätige" fungierte, zu schätzen: "Die haben keine Zeit, zu Hause bei den Ärzten im Wartezimmer zu sitzen - hier können wir einen Check-up innerhalb von 24 Stunden organisieren", sagt Katrin Hofrichter, Chefin des Spa-Bereichs des Kempinski-Hotels. "Einige haben auch Angst, die Kollegen daheim könnten etwas über den Gesundheitszustand mitbekommen", sagt sie. Und andere freuen sich einfach, im Urlaub nicht nur zu entspannen, sondern gezielt etwas für die Gesundheit tun zu können.

Denn fit sein wollen sie alle: Es gibt kaum eine Umfrage, in der nicht Gesundheit als wichtigster Glücksfaktor genannt wird. Und Medical Wellness, so die lukrative Geschäftsidee, umfasst jene Kur für Körper und Seele, die deutsche Krankenkassen immer seltener finanzieren. Wurden in den 80er Jahren noch jährlich 800 000 Kuren in Deutschland bewilligt, sind es heute nur noch rund 160 000.

Heute bucht man Medical Wellness. Das heißt bei seriösen Anbietern: fundierte medizinische Untersuchungen und ärztlicher Rat, dazu Entspannung, gutes Essen und Sport.

So wie in Heiligendamm. Während vor der Klinik Reha-Patienten an ihren Zigaretten saugen, lassen sich drinnen Hotelgäste ein bisschen quälen: Blutabnahme nüchtern, Lungenfunktionstest mit Nasenklemme, Belastungs-EKG.

Die Ärzte tragen Weiß, die Untersuchungen finden in hellen, nüchternen Räumen statt und gehören zu einem sogenannten Herz-Check-up, den Hotelgäste buchen können. Das Konzept der Kooperation ist einfach: In der Klinik werden die Urlauber gegen Geld kurzzeitig zu Patienten. Haben sie zusammen mit den Medizinern ihr persönliches Risikoprofil und einen Behandlungs-, Sport- oder Diätplan erstellt, geht es zum Trainieren und Entspannen einmal über die Wiese zurück ins FünfSterne-Ambiente: Der Spa-Bereich schmeichelt mit gedämpftem Licht, in der Mitte des Meditationsraumes schwimmen frische Rosenblätter im Wasserbecken, selbst im Fitnesssaal ist der Boden aus dunklem, poliertem Eichenparkett. Vielleicht fallen sie so veredelt leichter, die ersten Schritte auf dem mühsamen Weg in ein neues, gesünderes Leben.

Die Kombinationsmöglichkeiten sind groß: erst zum Organ-Ultraschall in die Klinik, danach zur Akupunktur ins Spa. Erst ein Herz-Echo, dann Nordic-Walking-Kurse. Oder erst ein Allergietest beim Lungenfacharzt, dann Zen-Meditation beim indischen Yoga-Meister Vijay Vyas.

Kerstin Birke, Chefärztin der Klinik, ist Spezialistin für Psychiatrie und Psychosomatik. Sie hilft bei Stressmanagement und lehrt Entspannungstechniken. "Hier geht es um die nachhaltige Änderung des Lebensstils", sagt sie. Nachhaltigkeit ist eines der Lieblingswörter der Ärzte in Heiligendamm.

"Viele kommen allerdings erst, wenn ihr Körper die Notbremse gezogen hat", sagt Ute Masius, die Kardiologin. "Wenn sie zum Beispiel an einem Erschöpfungssyndrom leiden oder schon mal Herzschmerzen hatten." Die Ärztin sieht bei den Untersuchungen, ob die Arterien verkalkt sind und wie leistungsfähig das Herz ist. Sie erstellt für jeden einen eigenen Verhaltensplan, wählt die optimale Ausdauersportart und legt den Trainingspuls fest.

Es kommt auch vor, dass die Ärzte bei Gästen, die "einfach mal ihren Körper durchchecken lassen wollen", Unvermutetes finden. "Da kann immer mal was schmoren, auch wenn der Gast erst mal einen gesunden Eindruck macht", sagt Ute Masius. Die häufigsten Probleme: Bluthochdruck, zu hohe Cholesterinwerte und bereits krankhafte Befunde im Belastungs-EKG. "Oft können dosierter Sport, leichte Kost und Gewichtsreduktion schon helfen", sagt Masius.

Das Marktpotenzial für diese Kombination aus Medizin und Erholung ist enorm, glaubt man den Erhebungen der Branche: Zwischen 2001 und 2005 stieg die Nachfrage nach Kursen wie Yoga, Nordic Walking und Rückenschulung um das Sechsfache. Und Experten schätzen, dass Medical Wellness in Europa künftig jährlich 250 Millionen Euro umsetzen wird. Ein riesiger Markt - für den allerdings bislang keine Qualitätsstandards existieren.

Denn der Begriff "Medical Wellness" ist nicht geschützt. Auch eine spärlich belegte Kurklinik mit einem Masseur und zwei Solarien kann damit werben. "Es gibt eine Menge schwarzer Schafe unter den Anbietern", sagt Lutz Lungwitz vom frisch gegründeten Deutschen Medical Wellness Verband.

Um etwas Orientierung zu geben, entwickelt der Verband nun Qualitätskriterien und ein Prüfsiegel. Den Gästen in Heiligendamm wird ein Problem trotzdem bleiben: In den diversen Restaurants wird das Maßhalten der Gesundheit zuliebe zu einer echten Herausforderung. Sanddornsaft statt Champagner am Morgen, abends gedünsteter Fisch statt Stopfleber - Medical Wellness scheint auch etwas mit Selbstbeherrschung zu tun zu haben.

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