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Klimagipfel in Kopenhagen "Das Ergebnis ist erbärmlich"


Jochem Marotzke ist einer der führenden Klimaforscher Deutschlands. Im Interview mit stern.de äußert er sich frustriert zum Scheitern des Klimagipfels und kritisiert China hart.

Herr Professor Marotzke, nach fast zwei Wochen Verhandlungsmarathon haben sich die über 190 Staaten in Kopenhagen auf einen unverbindlichen Minimalkompromiss geeinigt. Hat der Weltklimagipfel das gebracht, was Sie erwartet haben?
Meine Erwartungen waren nicht zu hoch gesteckt, denn das Problem ist ungeheuer schwierig. Aber selbst gemessen daran ist das Ergebnis erbärmlich.

Was genau ist in Kopenhagen denn nun erreicht worden?
Man hat ein Dokument offiziell "zur Kenntnis genommen", und dieses Dokument ist selbst schon recht dürftig. Es enthält außer dem Ziel, die globale Erwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, und den bereits geäußerten freiwilligen Verpflichtungen zur Emissionsminderung keine konkreten und verbindlichen Klimaschutzmaßnahmen.

Werden wir den Klimawandel so aufhalten können?
So auf keinen Fall.

Im Prinzip ist man keinen Schritt weiter, oder?
In dem Entwurf steht tatsächlich nicht viel mehr drin als das, was wir schon vorher hatten. Was die konkreten Emissionsziele angeht, hat Kopenhagen nichts gebracht. Das ist eine große Enttäuschung. Allerdings müssen manche Dinge auch einmal daneben gehen, um daraus zu lernen. Der Kopenhagener Klimagipfel ist gescheitert, aber das ist nicht das Ende der Welt. Es muss jetzt unbedingt eine neue Konferenz geben, die sich des Themas wieder annimmt. Man muss Lehren aus dem ziehen, was in Kopenhagen schiefgegangen ist.

Das war ja so ziemlich alles.
In Kopenhagen wurde das Dilemma zwischen dem, was langfristig wünschenswert und dem, was für die Länder kurzfristig gut ist, sehr deutlich. Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten oder sich als Land weiterzuentwickeln, ist ja eine legitime Idee. Sie steht nur oft den langfristigen Klimaschutzzielen entgegen. Es wird allerdings Zeit, von der Vorstellung wegzugehen, dass Klimaschutz eine Belastung ist. Wir müssen die grüne Wende als Chance sehen, was nach den Bildern von Kopenhagen sicher erst einmal schwer ist.

Was hat Sie am meisten enttäuscht?
Bei den Gipfeln in Heiligendamm oder L'Aquila waren sich die Staaten zumindest einig, dass man gemeinsam etwas für den Umweltschutz unternimmt und in eine Richtung geht. Das habe ich diesmal vermisst. Die tiefe Kluft, die zwischen den Entwicklungsländern und den reichen Ländern entstanden ist, hat mich überrascht. Die ganzen Gefühle von Bevormundung und Imperialismus sind wieder hoch gekocht, ein enormes Misstrauen ist so entstanden. Hier wird man in Zukunft im Vorfeld Brücken bauen müssen.

Vielleicht lag es Ländern wie China aber eher daran, die Gräben zu vertiefen?
Das ist richtig. In China ist es noch nicht angekommen, dass der Klimaschutz auch in ihrem Interesse ist. Das Land war auf seinen kurzfristigen Vorteil bedacht. Das ist natürlich schwierig.

Die USA wollten als großer Klimaretter auftreten, haben allerdings genau betrachtet nicht gerade ehrgeizige CO2-Reduktionsziele vorgelegt. Auch die Summe, die sie den Entwicklungsländern zahlen wollen, ist eher gering. Können Sie den Frust der kleinen Länder verstehen?
Ja, diesen Ärger kann ich verstehen. Doch wir müssen zu gemeinsamen Lösungen kommen.

Die großen übernationalen Lösungen scheinen nicht möglich zu sein. Was müssen die Staaten im Sinne des Klimaschutzes nun auf nationaler Ebene unternehmen?
Ich glaube nicht, dass globale Lösungen endgültig gescheitert sind. Man muss es erneut versuchen. Nationale Wege sind hilfreich als Fingerzeige, aber CO2-Emissionen sind nun einmal ein globales Problem. Insofern haben wir keine andere Wahl, als globale Lösungen anzustreben. Ich sehe keine andere Lösung, sonst öffnen sich immer wieder Schlupflöcher für Staaten, die nicht mitspielen wollen.

Kopenhagen wurde jahrelang vorbereitet - trotzdem konnte kein bindendes Abkommen erreicht werden. Glauben Sie, dass es tatsächlich im kommenden Jahr bei den Konferenzen in Bonn und Mexiko gelingen wird, Detailfragen zu klären?
Ich glaube, man muss noch einmal ziemlich von vorne anfangen. Insofern wird es auch in Bonn und Mexiko wieder um sehr Grundsätzliches gehen.

Mit der Gefahr, dass es wieder scheitert?
Die ist natürlich da. Aber so wie die Konferenz in Kopenhagen aus dem Ruder gelaufen ist, wird es nicht mehr passieren. Vielleicht war es der Knall, der dafür sorgt, dass wir nun vorankommen.

Hat die chaotische Konferenz in Kopenhagen der Sache nicht mehr geschadet als genutzt?
Zunächst einmal ist die Frustration groß. Vielleicht aber wird man auch mehr drüber lernen, wie groß das Problem wirklich ist, und eine effektivere Verhandlungsstrategie entwickeln.

Haben wir dafür überhaupt noch Zeit?
Dass der politische Prozess langwierig ist, ist jedem bekannt. Insofern sind Misserfolge mit eingeplant. Es ist allerdings wichtig, dass der Prozess jetzt angestoßen wird, damit wir die Erwärmung 2050 stoppen. Nur weil wir in Kopenhagen kein Abkommen erreicht haben, wird die Welt nicht untergehen. Wir haben ein Zeitfenster von ein paar Jahren, doch das sollten wir auch nutzen.

Auch an den wissenschaftlichen Modellen wird immer wieder Kritik geübt. Was muss die Wissenschaft in Zukunft noch besser erforschen?
Wir können auf Grund unserer Modelle zuverlässig vorhersagen, dass sich die Erde erwärmt. Eine Hauptunsicherheit liegt allerdings darin, dass wir die künftigen CO2-Emissionen nicht wissen. Auch Änderungen in den Wolken können den Treibhauseffekt unter Umständen deutlich verstärken. Eine dritte Unsicherheit liegt in Veränderungen von Extremereignissen wie Hurrikane, Dürren oder Überschwemmungen. Um hier Fortschritte zu erzielen, helfen vor allem immer leistungsfähigere Computer. Allerdings haben wir noch immer Probleme damit vorherzusagen, was der Klimawandel für die einzelnen Weltregionen genau bedeutet. Hier sind erhebliche Fortschritte nötig, damit wir die Informationen liefern können, die die Politik von uns erwartet.

Lea Wolz

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