HOME

Wellness: Hals über Kopf

Yoga ist etwas für Weicheier, die sich von indischen Greisen schröpfen lassen wollen, dachte stern Korrespondent Claus Lutterbeck. Heute schwört er auf seine Iyengar-Übungen - und ist topfit.

Mit 45 war ich ein alter Mann. Morgens tat mir das Kreuz so weh, dass ich zwei Stunden brauchte, bis ich endlich gerade stehen konnte. Ich trug viel Geld zu vielen Ärzten, die mir immer mehr Spritzen gaben und Schmerztabletten verschrieben. Besser wurde es nicht.

300 Dollar für Nichts

Kurz darauf zogen wir nach Los Angeles um, ein Paradies für alternative Heilmethoden und Quacksalber. Ich ging in ein Ost-West-Institut, das Heilmethoden aus China und dem Westen kühn kombinierte und damit angeblich Wunder erzielte. Nach drei Sitzungen à 100 Dollar gab ich erschöpft auf. Der chinesische Masseur war gewiss ein maoistischer Agent auf geheimer Mission, die weiße Rasse per Massage auszurotten. Er war ein Sadist. Statt endlich aufrecht zu gehen, brauchte ich nun einen Spezialsitz, um Auto fahren zu können.

"Menschliche Brezel"

Mein neues Leben begann an einem Dienstagabend. Ich saß mit wehem Kreuz am Küchentisch und blätterte durch die Post, in einem Anzeigenblatt las ich zufällig: Iyengar Yoga gegen Rückenschmerzen. Die erste Unterrichtsstunde sollte in 60 Minuten beginnen. Hingehen? Ich war unsicher, unter Yoga stellte ich mir weichliche Westler in wallenden Gewändern vor, die bei Räucherstäbchen nach Erleuchtung suchten und dabei von Rolls-Royce fahrenden indischen Greisen gnadenlos geschröpft wurden. Das Ziel schien zu sein, als menschliche Brezel ins Nirwana einzugehen. Nicht sehr verlockend.

Taschenesser oder menschliche Buchstütze?

Ich ging mehr aus Verzweiflung hin. Wir waren ungefähr zwanzig Rückenleidende und mühten uns anderthalb Stunden lang ächzend, uns zu verbiegen. Eine der einfachen Übungen war, mit gestreckten Beinen zu stehen und sich nach vorn zu beugen, bis die Handflächen den Boden berührten. Ida, unsere stämmige kleine Lehrerin, machte es vor. Langsam klappte sie zusammen wie ein Taschenmesser, legte den Oberkörper flach an die Oberschenkel, der Kopf landete unterhalb der Knie, ihre Handflächen lagen flach und locker auf dem Boden. Dann waren wir dran. Wir standen wie menschliche Buchstützen im Raum, der Holzboden war Lichtjahre von den Fingerspitzen entfernt. Ich kam mir lächerlich vor.

Yoga ist schweißtreibend

Die Lehrerin boxte mich freundschaftlich ins Kreuz und sagte: "Kein Wunder, dass du Schmerzen hast, deine Muskeln sind kurz und verkrampft. Aber du wirst sehen, in einem halben Jahr geht es dir besser." Das hatten alle Wunderheiler bisher behauptet, ich wurde noch misstrauischer. Obendrein klangen die indischen Namen der einzelnen Übungen alle gleich. Am Ende spürte ich jeden Knochen in meinem Körper. Yoga entspannend? Ich war schweißüberströmt, als wir uns zur letzten Übung auf die abgeschabten blauen Gummimatten legten. Endlich etwas Simples, dachte ich. Einfach daliegen. Fünf Minuten lang an gar nichts denken.

Gar nicht denken braucht Übung

Wer es je probiert hat, weiß: Nichts ist so schwierig wie an nichts zu denken. Das Hirn fängt an zu rasen, wenn es die Botschaft bekommt, ruhig zu sein. Aber irgendetwas hat mich damals angekickt, am nächsten Dienstag ging ich wieder hin. Nach einem halben Jahr waren meine Rückenschmerzen verschwunden. Genau konnte ich mir nicht erklären, was passiert war. Ehrlich gesagt, weiß ich auch nach sechs Jahren nicht so recht, was Yoga ist. Ich weiß nur, dass es wirkt.

Yoga ist kein Wundermittel

Es ist kein Wundermittel, das Stress und Krankheit mit einem Volkshochschulkurs abschafft. Es ersetzt nicht die Ärzte. Aber es hilft, den Alltag besser zu meistern - die Übungen machen Körper und Geist kräftiger, flexibler, energiegeladener und gelassener. Schon nach einem halben Jahr spürte ich, dass etwas in Bewegung geriet. Bald berührte ich den Boden mit den Fingerspitzen, nach einem Jahr lagen auch meine Handflächen flach auf dem Boden - so kommt man seinen Problemen näher.

Meditation in Bewegung

Yoga ist kein Stretching-Kurs, es ist eher Meditation in Bewegung. Es trainiert nicht nur den Körper, sondern auch den Geist - in der indischen Philosophie wird, anders als im Westen, zwischen den beiden nicht unterschieden. Es gibt Hunderte von Übungen, die auf jeden Muskel, jeden Knochen und jedes Organ zielen. Viele sind so kompliziert, dass ich ihnen bis heute kaum einen Millimeter näher gekommen bin. Aber ich fühle mich mit 53 jünger und gesünder als mit 45, ich fahre besser Ski als vor zehn Jahren, weil mein Körper wacher ist. Wenn ich morgens zehn Minuten auf dem Kopf stehe und den Körper in Balance halte, weiß ich: Wenn ich mich nicht auf das Hier und Jetzt konzentriere, verliere ich das Gleichgewicht. Wie im richtigen Leben.

Artenvielfalt

Es gibt viele Arten von Yoga, und es ist schlau, sich erst einmal die verschiedenen Methoden anzuschauen, bevor man sich auf eine festlegt. Mich haben die spirituellen Aspekte des Hinduismus nie interessiert, wer das sucht, wird es im Sivananda Yoga finden. Wer gern körperlich hart arbeitet, ist mit Ashtanga Yoga gut bedient. Alle Übungen werden mit einigem Tempo und fließend absolviert, es ist schweißtreibend, anstrengend und eignet sich besonders für junge, sportliche Menschen.

Iyengar Yoga

Dabei bleibt allerdings die Präzision auf der Strecke, die mir bei der verbreitetsten Methode, dem Iyengar Yoga, gut gefällt. Fast pedantisch genau wird jede einzelne Übung studiert, die Symmetrie des Körpers und der Muskeln spielt eine große Rolle. eignet sich besonders gut als Physiotherapie bei Muskel- oder Gelenkschmerzen, in den USA treiben viele Sportler inzwischen Iyengar Yoga, um ihre zerschundenen Körper zu regenerieren.

Yoga ist wie Zähneputzen

Wer auf Instant-Erleuchtung hofft, möglichst bequem im Sitzen, wird schnell enttäuscht aufgeben. Yoga braucht Zeit, Ausdauer und einen langen Atem, im wahrsten Sinne des Wortes: Es kombiniert Atmung und Bewegung. Yoga ist anstrengend. Und es ist wie mit dem Zähneputzen auch - es nützt nicht viel, wenn man es nur einmal in der Woche macht. Ideal wäre es, jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen eine halbe Stunde zu üben. Die Disziplin bringen aber nur wenige auf, daher sollten Anfänger lieber einen Kurs besuchen. Yoga kostet nicht viel, man kann jederzeit damit anfangen, es überall auf der Welt machen und braucht keine teuren Geräte - eine blaue Gummimatte kostet 15 Euro.

Claus Lutterbeck / print
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity