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Wellness: Unter den Gipfeln ist Ruh

Schattenspiel und Zwielicht, Schwitzsteinhöhlen, wohltuende Überraschungen. Die schnörkellose Felsentherme in Vals birgt eine langsamere Welt.

Verliebt habe ich mich in der Umkleide. Ein Blick und - bäng - ist es geschehen. Die Farbe. Mahagonirot. Glatt, glänzend, warm. Und der Geruch. Eine Mischung aus Holz und Leder. Das soll eine Umkleidekabine sein? Die Schränke sind aus gebeiztem Holz, die Bank und der Vorhang am Eingang aus schwarzem Leder. Der Boden aus rauem Beton. Keine Fenster. Das Licht gedimmt. Es ist still hier. Irritierend still für eine Therme. Zwielicht.

Mitten im Nichts

Wer die Ruhe des Wassertempels von Vals sucht, muss ein gutes Stück fahren. Von Zürich aus zwei Stunden, die letzten Kilometer führen Serpentinen hinauf. Keine Leitplanke - und eine Straße, die immer enger wird. Plötzlich stehen fünf Schafe vor dem Auto. Am Straßenrand das Ortsschild. Angekommen. In dem kleinen Bergdorf, das einen am Ende des lang gezogenen Valsertals auf 1250 Metern Höhe erwartet, leben 900 Menschen. Kleine, mit Steinplatten gedeckte Holzhäuser säumen den Weg. Wenige Kilometer hinter dem Dorf endet die asphaltierte Straße, dahinter liegen nur noch Dreitausender und das Tessin.

Stararchitekt für die Felsentherme

Berühmt geworden ist das Dorf durch sein Thermalbad. Die so genannte Felsentherme ist ein schnörkelloser Bau, entworfen von dem Architekten und Planer des Schweizer Expo-Pavillons, Peter Zumthor. Die Valser konnten sich einen solchen Star für ihr Badehaus leisten, weil sie durch die Wasserzinsen aus einer Mineralwasserfabrik genug Geld in der Gemeindekasse hatten.

Stundenlang reglos im Wasser treiben

Kein römisch-türkisches Erlebnisbad sollte es sein. Kein Wasser-Disneyland. Sondern ein Bad ohne Rutschen und ohne Sprungturm. Eines, in dem man nicht wirklich schwimmen kann. In dem man sich stattdessen stundenlang fast reglos im Wasser treiben lässt. Ein graugrünes Wunder aus Stein. Erbaut aus Gneis, einem grau geäderten Quarzit, der im Steinbruch oberhalb des Dorfes aus dem Felsen gebrochen wurde. Danach haben Steinmetze ihn millimetergenau geschnitten und ohne Mörtel geschichtet. Insgesamt 60 000 Platten, nie dicker als drei Zentimeter.

Das Dorf hat entschieden

Knapp 15 Millionen Euro kostete der Bau. Über Monate haben die Dorfbewohner die verschiedenen Entwürfe für "ihr Bad" diskutiert und darüber gestritten. Am Ende stimmten fast alle für Zumthors Plan. Aber als das Fundament dann fertig war und die ersten Mauern standen, schlichen sich Zweifel ein. Zuerst nur bei ein paar Männern am Stammtisch, einige Tage später sprach das halbe Dorf davon: Das Wasser würde den Stein auflösen wie eine Brausetablette, hieß es. Man habe Dilettanten gewählt und noch dazu einen arroganten Architekten.

Denkmalschutz nach nur zwei Jahren

Nach einer Krisensitzung wurde schließlich ein Geologe mit einem Gutachten beauftragt. Sein Urteil am Ende: "Der Stein hält." 1996 wurde die Therme fertig, und sie war so bemerkenswert, dass man sie schon zwei Jahre später unter Denkmalschutz stellte.

Gestrandetes Ufo

An dem Morgen, an dem ich mich über die Serpentinen nach Vals gequält habe, sieht das Bad aus wie ein gestrandetes Raumschiff. Die aufgehende Sonne erhebt sich langsam über den halb in den Hang eingelassenen Kubus aus grauem Beton. Über dem flachen, mit Gras bepflanzten Dach kleben Nebelfetzen. Durch einen engen Tunnel mit schwarz getünchten Wänden geht es ins Innere.

Mineralwasser sprudelt aus Wänden

Am Ende des Gangs plätschert aus in die Wand eingelassenen Rohren Valser Mineralwasser - direkt aus der Quelle, die auch die Therme speist. Es rinnt die Wand herunter und hinterlässt, wegen des hohen Eisengehalts, eine rote Patina. Einstimmung auf eine ruhigere und langsamere Welt.

Licht- und Schattenspiel

Gerüche aufnehmen, anfassen, nachspüren. Von einer Empore aus über die Badehalle blicken, in deren Mitte ein mit türkisgrünem Wasser gefülltes Becken liegt. Unterwasserlichter flackern. Rundherum ist das Becken von Steinquadern begrenzt. Durch Fugen und leuchtend blaue Öffnungen in der Decke fällt Sonnenlicht, sodass die Therme sich mit dem Wechsel der Tageszeit verändert. Ein endloses Spiel von Licht und Schatten.

Heiß und kalt

Zur Talseite eröffnen drei raumhohe Fenster einen fulminanten Blick auf die Berglandschaft. Schmale Treppen führen in ausgehöhlte Steinklötze am Beckenrand. In jedem verbirgt sich eine wohltuende Überraschung: 42 Grad warmes Wasser im knallroten Feuerbad. Das gletscherblaue Eisbad mit 14 Grad kaltem Wasser. Im Blütenbad schwimmen tausende Blumenblätter. Und am mystisch beleuchteten Trinkstein plätschert das lauwarme Quellwasser aus der Decke.

Schwitzstein

In der Sauna, die hier Schwitzstein heißt und aus einer Reihe von miteinander verbundenen Räumen besteht, schlucken die dunklen Wände und Decken alle Konturen. Ich taste mich vorsichtig voran, verliere die Orientierung, spüre, wie es stetig wärmer wird. In der dritten, der heißesten Steinhöhle, pustet eine goldene Düse Dampf aus. Auf dem beheizten Steinquader am Rand ist Platz zum Hinlegen und Ausruhen. Nach zehn, vielleicht auch fünfzehn Minuten wache ich wieder auf. Der nächste Raum, die Dusche, wird von einer winzigen Lampe dürftig erhellt. Aus einem riesigen Hahn an der Decke schießt eiskaltes Wasser herab.

Zeit scheint egal zu sein

Ein schmaler Gang führt in das Außenbecken. Im 36 Grad warmen Wasser genieße ich den Blick zu den gegenüberliegenden Weiden und Gipfeln und höre von weitem Kuhglocken. Jahrelang gab es in der Therme keine Uhr. Erst vor ein paar Monaten wurde eine am Beckenrand versteckt. Nur wer weiß, wo er suchen muss, findet sie. Aber Zeit scheint hier ohnehin egal.

Alexandra Kraft

Wissenscommunity