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Wie die Rad-Profis: Wenn die Straßen in den Himmel führen

Wer im Flachland schon ein paar Radrennen gefahren ist, möchte es irgendwann wissen: Pack ich auch die Berge der Tour de France? Wie geht es mir an der Steigung zum Col du Glandon, wo auch Jan Ullrich immer am Anschlag fährt? Ein Erfahrungsbericht aus den französischen Alpen.

Von Johannes Schweikle

Die Baumgrenze liegt weit unter ihm. Kurvenreich windet sich die Straße aus dem tief eingeschnittenen Tal Richtung Passhöhe. In einer Serpentine geht Jan Sahner aus dem Sattel. Der Höhenmesser am Lenker zeigt 2400 Meter an, der Schweiß hat längst weiße Salzränder auf die schwarzen Riemen seines Radhelms gezeichnet. Aber Jan hat noch so viel Energie, dass er mit schnarrender Stimme den Tour-de-France-Kommentator gibt: "Von Krämpfen geschüttelt, quält er sich den Galibier hinauf."

Von hinten kurbelt mit rundem Tritt Martin Schulz heran, sein Tacho pendelt um die 15 Stundenkilometer. Den Rennradler aus Bonn beflügelt die Romantik der Berge: "Jetzt führt die Straße in den Himmel", schwärmt der Mann, der sein Geld als Elektroingenieur verdient. Er zieht beim Fahren die Digitalkamera aus seiner Trikottasche und knipst freihändig das Hochgebirgspanorama: Rechts leuchten blaue Glockenblumen in den sattgrünen Bergwiesen, links sind die Schneemauern auch im Juli noch höher als Autodächer, und geradeaus, wo die Kehre in einer weißen Wolke zu enden scheint, ragen kahle Felszacken in die dünne Luft.

Jan Sahner, 29, ist mit sieben Sportfreunden in den französischen Alpen unterwegs. An vier Tagen wollen sie zehn Pässe bezwingen, deren Kehren zu den Kultstätten des Radsports gehören: l'Alpe d'Huez, Col de la Croix de Fer, Galibier. Die sechs Männer in der Gruppe haben sich wie ihre Helden die Beine rasiert, alle tragen das Trikot mit der Aufschrift quaeldich.de. "Wenn ich den Leuten erkläre, dass wir nichts mit Lack und Leder zu tun haben, lachen sie gekünstelt und sind ein bisschen beruhigt", sagt Jan.

Vor sechs Jahren hat der Mathematiker aus Berlin die quaeldich.de-Seite ins Internet gestellt, auf der ambitionierte Radamateure Erlebnisse und Informationen zu den schweißtreibendsten Straßen dieser Welt austauschen. Im Pässe-Lexikon auf der Site sind 600 Anstiege verzeichnet, von bekannten Klassikern in den Alpen bis zum Passo Tambo Quemado in Chile. Letzterer bekommt in den Kategorien "Schönheit" und "Härte" jeweils die Höchstwertung von fünf Sternen. "Inspiration zur Sucht", nennt Jan dieses Forum. Wer im Flachland ein paar Rad-Marathons gefahren ist, will irgendwann wissen: Pack ich auch die Berge, die ich aus dem Fernsehen von der Tour de France kenne? Wie geht es mir an der Steigung zum Galabier, wo auch Jan Ullrich immer am Anschlag fährt?

Am nächsten Morgen präparieren die Quäldichs rituell ihre Sportgeräte. Vor dem Hotel, auf dem schmalen Trottoir eines französischen Landstädtchens, pumpt Nils sieben Bar in die daumendünnen Reifen seines Rennrads. Dieses ist kompromisslos auf hohes Tempo und lange Strecken ausgelegt. Es gibt keine Federgabel, die Kraft schlucken würde - alle Energie aus den Beinen wird konsequent in Vortrieb umgesetzt. Der Lenker ist tiefer als der Sattel, was Orthopäden nicht gern sehen, aber der gebeugte Rücken und der gestreckte Oberkörper machen den Fahrer halt windschlüpfig. Die Schaltung für die 20 Gänge ist in die Bremsgriffe integriert: Wenn Nils bei der Abfahrt mit Tempo 80 schaltet, muss er keine Hand vom Lenker nehmen. Der schwarze Rahmen ist wie bei den Profis der Tour de France aus Kohlefaser gefertigt. Das ganze Rennrad wiegt gerade mal sieben Kilo. Nils lehnt es so vorsichtig an die Hauswand, als wär's die Ikone eines russischen Meisters.

Das schräg ins Tal fallende Licht der Morgensonne spiegelt sich in ladenneu glänzenden Ritzeln. Das größte hat 28 Zähne, und wem dieser Gang noch zu klein ist, der kann wie Jutta vorne mit drei Kettenblättern fahren. Das gilt selbst bei Puristen wie Jan Sahner nicht mehr als unehrenhaft.

Die Königsetappe der Gruppe führt über fünf Pässe und 120 Kilometer. Mit weißer Farbe haben Fans die Namen ihrer Idole auf den Asphalt gepinselt: Jan und Lance, Zabel und Pantani, auch Udo Bölts ist noch nicht verblasst. Auf ihn geht der Name der Gruppe zurück: Als Jan Ullrich 1997 die Tour de France gewann, feuerte sein Helfer Bölts ihn mit der unter Radrennfahrern üblichen Herzlichkeit an: "Quäl dich, du Sau!"

Hinter rostigen Eisengeländern gähnt der Abgrund, Stützmauern aus Naturstein halten den Berg in Schach, Felsen und Bäume hängen über die Serpentinen, die Straße steigt unerbittlich mit zehn Prozent. Als die zwei Frauen und sechs Männer schon 2400 Höhenmeter in den Beinen haben, fängt der Anstieg nach l'Alpe d'Huez erst an.

Auf diesen vermaledeiten 13 Kilometern sind die Kehren nummeriert. Die erste Kurve trägt die Nummer 21, ohne Gnade machen die Zahlen dem leer gesaugten Körper klar: 20 - 19 - 18, erst bei 1 wirst du oben sein. Kaum ein Baum spendet Schatten, der schwarze Asphalt hat die Hitze eines Hochsommertages gespeichert, Autos überholen, es stinkt nach Bremsbelag. Es ist Sommer, in einer Woche wird die Tour de France hier hochfahren, schon jetzt haben sich Belgier und Holländer mit ihren Wohnmobilen die wenigen Parkplätze gesichert. Sitzen bräsig in ihren Campingstühlen, ein Bier in der Hand. In Kehre 7 richtet einer die Satellitenschüssel aus, im Schatten eines großen Sonnensegels. In Kehre 4 verliert Jochen wegen einer Kleinigkeit die Fassung. Er hat dieses Jahr schon 13 000 Kilometer auf dem Rennrad abgespult, darf als ausgeglichener Mensch bezeichnet werden, aber jetzt motzt er: "Der Riegel schmeckt nach Sägemehl."

Man kann nicht sagen, dass die Ankunft in l'Alpe d'Huez eine Belohnung wäre. Die Skistation aus der Retorte ist auch im Winter nicht schön, aber ohne Schnee sind die Apartmentblocks uneingeschränkt hässlich. Holländische Jugendliche lümmeln vor dem Schnellimbiss herum, ihre Gesichter geben einen stummen Kommentar ab: Wenn ihr meint, dass ihr das machen müsst É Ein französischer Polizist zeigt mit herrischer Handbewegung, wer hier das Sagen hat.

Beim Abendessen sitzen alle an einem langen Tisch auf der Terrasse eines einfachen Landhotels. Vorneweg gibt es eine heiße Brühe mit viel Knoblauch. Jeder Schluck fühlt sich an wie eine Infusion, die ausgeschwitzte Mineralstoffe zurückbringt. Zuerst löffeln alle erschöpft und schweigend, dann setzt langsam das Erzählen ein. Jan sagt: "Wenn du erschöpft bist, wenn du wie in Trance trittst, dann stellt sich dieses Glücksgefühl ein: Auch diesen Pass hast du in dich aufgesogen."

Am Ende herrscht keine Einigkeit, wo das meiste Tour-de-France-Gefühl aufkam: bei den 1130 quälenden Höhenmetern hinauf nach l'Alpe d'Huez oder bei der Abfahrt vom Galibier. Da hatte ein Wolkenbruch eingesetzt, seifig-weiße Schlieren schwammen die Straße hinunter, und jedes Hagelkorn bildete ein Krönchen aus Tropfen, wenn es auf den Wasserfilm traf, der den geflickten Asphalt überzog. Die Auflagefläche der Rennradreifen betrug nur ein paar Millimeter, und wer aus Angst zu stark an den Bremshebeln zog, dem schmierte das Hinterrad weg. Beim Überholen rief Christian mit schiefem Grinsen: "Wer Familie hat, ist hier halt nicht so schnell."

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