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Comeback des Tennis: Der Platz ruft

Tennis ist voll 80er. Und dank Lisicki voll aktuell. Mit ihrem nervenaufreibenden Einzug ins Wimbledon-Finale lässt sie längst verschüttete Hormone neu sprudeln.

Von Katharina Kütemeyer

Schlagartig bin ich wieder 15. Das Blut pocht in meinen Ohren, Schweiß bahnt sich seinen Weg, der Blick ist gebannt von diesem gelben Ball, der so lange aus meinem Leben verschwunden war.

Sabine Lisicki hat ihn zurückgeschossen - und getroffen. Mich zumindest (und offenbar auch viele andere). Und mich damit volles Rohr in meine Jugend katapultiert. In die späten 80er und frühen 90er, als gefühlt jeder Zweite rotsandige Nike-Schuhe besaß, verschossene Bälle mit Känguru-Sprüngen (Knie zur Brust) geahndet und wir zum Muskelaufbau (Oberarme!) ins Fitnessstudio geschickt wurden.

Tennis war voll 80er - bis Donnerstag

Blonde Mädchen mit Pferdeschwanz trugen damals den Spitznamen „Steffi“ – sofern sie ordentlich aufschlagen konnten. Insbesondere in meiner Heimat, nahe Leimen (Boris Becker) und nicht weit von Brühl (Steffi Graf). Es war ätzend. Und anspornend zugleich. Es war die Hochzeit des deutschen Tennis, der Sport gerade nicht mehr posh, Polohemden ein Muss und Tennislehrer fast so sexy wie Popstars.

Voll 80er eben. Bis Donnerstag, dem Wimbledon-Halbfinale. Jetzt schlägt da schon wieder so 'ne Blonde auf und weckt altbekannte Emotionen: Ich hätte schreien können vorm Fernseher. Ich tat es. Und freute mich. Auf einmal war Tennis gucken wie Fußball schauen. Nur anders, fast besser. Weil noch schneller, weil es mehr Höhe- (und Tief-)Punkte gibt – und weil ich den Sport beherrsche. Kein theoretisch erlerntes Abseits, sondern verinnerlichte Abläufe.

Schweißausbrüche vor dem Bildschirm

Vielleicht muss man den Ball selbst geschlagen haben, um neu gefesselt zu sein. Um Schweißausbrüche vorm Bildschirm zu bekommen, zu ächzen und schließlich erleichtert zu seufzen. Um diese Sehnsucht nach feuchtem Schlägergriff und behaartem Ball zu spüren. Und das ist mit das Überraschendste am Lisicki-Erfolg: Plötzlich ruft er wieder, der Platz.

Aber vielleicht ist all das auch nur eine kurzlebige Euphorie. Eine spontane Hormonausschüttung, die mit dem Wimbledon-Finale genauso unvermittelt verschwindet wie sie gekommen ist.

Am Samstag sitze ich jedenfalls in der Kneipe und schaue auf grünen Rasen. Ich werde schreien und schwitzen und jeden Moment genießen: wie als 15-Jährige. Allerdings ganz sicher ohne Poloshirt!

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