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Doping im Leistungssport: Der Radprofi, der kein Armstrong sein wollte

Der Radrennsport liegt endgültig in Trümmern, nachdem Lance Armstrongs Dopingsystem aufgeflogen ist. Mit Scott Mercier gab es einen Aufrechten, der nicht mitmachen wollte - auf Kosten seiner Karriere.

Von Dominic Graf

Der Name Scott Mercier ist nur eingefleischten Radsportfans ein Begriff. Der heute 44-jährige war ein hoffnungsvolles Talent der amerikanischen Radszene bis zu dem Tag, als er die schwierigste Entscheidung seines Lebens treffen musste – und sich für die Moral und gegen die Verlockung einer vielleicht großen Karriere entschied. Heute lebt Mercier mit seiner Familie in Grand Junction, Colorado (USA). Er verdient sein Geld als Finanzberater und Restaurantbesitzer. stern.de erzählte er, wie es damals ablief, als er Nein sagte.

Ein Beutel voller Ampullen

Im Mai 1997 soll ihm Pedro Celaya, der damalige Mannschaftsarzt des US Postal Teams, zu dem später auch Lance Armstrong gehörte, ein Blatt Papier sowie einen Beutel voller Pillen und Ampullen in die Hand gedrückt haben. Auf dem Papier habe das Trainingsprogramm gestanden, am Rand seien Punkte und Sterne eingezeichnet gewesen. Jeder Punkt stand laut Mercier für eine Pille, jeder Stern für eine Spritze. Von speziellen B-Vitaminen soll die Rede gewesen sein und nicht von Medikamenten. Dass es illegale Steroide gewesen seien, war Mercier nach seiner Darstellung sofort klar. "Ich fragte Celaya, ob das Zeug meine Eier schrumpfen lässt. Er musste lachen und schüttelte den Kopf. Das hilft dir nur bei der Regeneration und macht dich stark wie einen Stier, stärker als du es dir überhaupt vorstellen kannst", beschreibt Mercier die Sezne. Es soll der Moment gewesen sein, als er zum ersten Mal mit Doping in Kontakt gekommen sei.

Nun war es an Mercier, eine Entscheidung zu fällen. Sein Hämatokrit-Wert (Anzahl roter Blutkörperchen im Blut) war zu niedrig, um mit den besten Radrennfahrern mitzuhalten und konnte nur durch Steroide signifikant erhöht werden. Er war sich bewusst, dass kein Weg an den speziellen Vitaminen vorbeiführt, um ernsthaft konkurrenzfähig zu sein. Er entschied sich gegen das Doping und beendete seine Karriere. "Nicht weil ich Angst um meine Gesundheit hatte, sondern weil ich wusste, dass ich nicht mehr aufhören könnte, wenn ich einmal damit angefangen habe. Mit dieser Lüge wollte und konnte ich nicht leben", beschreibt er seine Überlegungen von damals.

Da man damals das Doping kaum nachweisen konnte, war die Verlockung für die Radrennfahrer sehr groß, ihrer Leistungsfähigkeit ein wenig nachzuhelfen. Scott Mercier war mit seiner Entscheidung eine Ausnahme. Mit seinem Zimmerkollegen Tyler Hamilton, Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele 2004 in Athen, sprach Mercier über seine Entscheidung: "Er konnte meine Entscheidung verstehen und achtete mich dafür. Aber er wählte den anderen Weg."

Armstrong ist zu arrogant

Ob auch Armstrong die Entscheidung verstanden hätte - das will Mercier nicht einschätzen. Sie kannten sich zwar gut aus dem Radrennzirkus und den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona, wo sie zusammen für die USA gefahren sind. Über Doping hätten sie nie gesprochen. 1998 stieß Armstrong zum Team US Postal - da war Mercier aber schon nicht mehr da. Über den Athleten Armstrong weiß er auch nur Gutes zu erzählen: "Meine persönlichen Begegnungen mit ihm waren immer sehr gut. Ich hatte nie ein Problem mit ihm, er half mir sogar in einigen Rennen und stand für mich ein." Zum Menschen Armstrong und zur Dopingaffäre findet Mercier weniger gute Worte: "Für mich ist nicht das Verbrechen des Dopings das Problem, sondern die Vertuschung. Alles, was er je gesagt hat, ist unglaubwürdig. Er sollte nun einfach um Verzeihung und Versöhnung bitten, aber dazu ist er zu arrogant. Typisch Lance Armstrong: Er macht einfach weiter."

Nachdem Mercier sein Team US Postal verlassen hatte, ging er nach Hawaii, wo er sich eine neue Existenz aufbaute. Er gründete eine Familie und betrieb ein Restaurant. Der Radsport war ganz weit weg. Doch geschwiegen hat er nie. "Ich habe das Geheimnis nicht für mich behalten. Jedem, der meine Geschichte hören wollte, habe ich sie erzählt. Nur wollte sie niemand hören." Deshalb ist Scott Mercier heute sehr erleichtert, dass der Dopingskandal rund um Armstrong und das US Postal Team auf ein solch mediales Interesse stößt. Er schöpft daraus die Hoffnung, dass sich der Sport wieder in eine bessere Richtung entwickele.

Die Whistleblower-Hotline

Aber skeptisch bleibt er dennoch. Es müsse vor allem an der Spitze des Weltradsportverbandes (UCI) etwas geschehen. Pat McQuaid, Vorsitzender der UCI sowie sein Vorgänger Hein Verbruggen, Ehrenvorsitzender der UCI, seien nicht mehr tragbar und müssten umgehend ausgetauscht werden. Sie seien zu sehr involviert in den ganzen Skandal und würden den Radsport in die falsche Richtung lenken. Es brauche jemanden an der Spitze der UCI, der unabhängig ist und nicht vom Radsport kommt – ein Anwalt oder ein Revisor zum Beispiel.

Zudem hat Mercier ziemlich genaue Vorstellungen, wie sich zukünftige Dopingskandale vermeiden lassen könnten: Er schlägt eine Whistleblower-Hotline vor, auf die ein Athlet anonym anrufen und Informationen über Dopingfälle abladen kann. "Es gibt keinen Schutz für Informanten. Die UCI reagiert auf Insiderinformationen mit Wut, Ablehnung und Vertuschung und stellt sich gegen den Athleten, der die Information weitergegeben hat", sagt Mercier.

Ein zweites Mittel sieht er in der Kollektivstrafe: "Die Omerta, das Schweigegebot ist unter den Radrennfahrern allgegenwärtig. Wenn man in einem Dopingfall nicht nur den einzelnen Fahrer, sondern das ganze Team inklusive des Managers bestrafen würde, würden sich die Athleten doch viel mehr dafür interessieren, was ihre Teamkollegen machen."

Nicht einfach zurück zu Brot und Wasser

Wenn Scott Mercier sich heute Radrennen am Fernseher anschaut, hat er gemischte Gefühle. Er sieht zwar, dass die Fahrer nicht mehr so schnell und konstant fahren wie früher, aber dass der Sport mittlerweile ganz sauber sei, wagt er zu bezweifeln: "Ich glaube, die Fahrer sind heute sauberer. Dass nach der Ära Armstrong das ganze Feld nun komplett sauber ist, ist für mich schwer zu glauben. Wenn man über Jahrzehnte Teil eines Dopingregimes, einer Dopingkultur war, geht man nicht einfach so wieder zurück zu Brot und Wasser."

Scott Mercier ist froh, dass seine Geschichte nun endlich auf Gehör stößt. Er redet gerne und offen darüber. Angst vor der UCI hat er nicht. Was sollte ihm auch schon geschehen. "Sie können mir nichts anhaben, mir nicht mein Restaurant oder meine Kunden wegnehmen. Ich liebe den Sport und möchte nicht, dass er sich in irgendeine Freakshow verwandelt. Und deshalb werde ich weiterreden."

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