Formel 1 Die Hatz auf Hamilton


Der Hype um die vermeintliche Untat von "Mr. Cool" Lewis Hamilton beim Großen Preis von Japan ist mit seinem Freispruch erledigt - zu Recht. Der eigentliche Skandal war, dass das Regen-Rennen überhaupt stattfand.
Von Elmar Brümmer, Shanghai

Es wird früh dunkel am Shanghai International Circuit, und das sorgt in der ganzen Verwirrung um eine mögliche Bestrafung des WM-Spitzenreiters unfreiwillig für Erhellendes. Denn der Raum im Kontrollturm, in dem erst Renndirektor Charlie Whiting alle 22 Piloten um sich versammelt und in dem später das Sportkommissariat über den Briten Lewis Hamilton zu Gericht sitzt, ist von außen prima einzusehen. Eine Hundertschaft Kameras filmt, wie Funktionäre, Fahrer und Teammanager immer wieder die verschwommenen Szenen aus Fuji angucken. Vorspulen, zurückspulen, anhalten. Mal flimmert das offizielle Material über den Flachbildschirm, mal das am Donnerstag lancierte Filmchen eines japanischen Zuschauers, das Hamiltons ungebührliche Fahrweise beweisen soll.

Eine Stunde dauert die Befragung, keine halbe Stunde die Urteilsfindung, und eine weitere Stunde später ist das Urteil abgetippt und veröffentlicht: Freispruch auf der ganzen Linie, und für den in der Folge wegen seines Auffahrunfalls verurteilten Deutschen Sebastian Vettel gilt ebenfalls Amnestie. Vettel bekommt für den Crash nur eine Rüge, die Rückstufung um zehn Startplätze in China wird zurückgenommen.

Das Rennen zu starten, war der Skandal

Damit erledigt sich der ganze Hype um Hamiltons vermeintliche Untaten durch eine Begründung, zu der jeder Augenzeuge der Sintflut von Japan ohnehin gekommen wäre: Die Umstände waren außergewöhnlich schlecht gewesen. Irregulär konnten es die Funktionäre, zu denen auch ADAC-Sportpräsident Hermann Tomczyk gehörte, ja schlecht nennen. Sonst wäre wieder die inzwischen von so vielen Fahrern und Teamchefs offen gestellte Frage hochgekommen, warum das Rennen überhaupt jemals gestartet worden ist. Das war der eigentliche Skandal.

Das Auffahren Hamiltons aufs Safety Car, seine ungewöhnlichen Fahrlinien und das ständige Bremsen und Gasgeben, um Motor und Reifen auf Temperatur zu halten, verstieß natürlich gegen die gängigen Regeln einer Neutralisierungsphase. Aber wie Charlie Whiting, der Mann fürs operative Renngeschäft, zuvor schon allen Piloten gesagt hatte, die die Chance zu einer Revolte gegen den neuen Mega-Star von McLaren-Mercedes nutzen wollten: Dafür hätten viele disqualifiziert werden können.

"Es war ganz schön hart"

Was die Funktionäre offenbar unbedingt vermeiden wollten, war der Vorwurf, das Titelrennen massiv zu beeinflussen, was mit einem Punkteabzug oder einer Rückversetzung Hamiltons in der Startaufstellung beim Rennen in Shanghai automatisch geschehen wäre. 107 Punkte stehen für den Briten zu Buche, 95 für den zweiten McLaren-Mercedes-Piloten Fernando Alonso, 90 für Kimi Räikkönen. Macht Alonso morgen nicht mehr als einen Punkt und Räikkönen nicht mehr als sechs Zähler gut, wäre der 22 Jahre alte Hamilton schon vor dem Finale in zwei Wochen in Brasilien in seinem Debütjahr Champion - als jüngster Weltmeister der Geschichte. Dementsprechend durfte Hamilton schon einen moralischen Sieg feiern: "Es war ganz schön hart, aber jetzt bin ich sehr glücklich und überaus erleichtert. Ich konzentriere mich voll und ganz auf das bevorstehende Rennen und die WM."

Die freche Vorverurteilung des Formel-1-Mitfahrers Mark Webber ("Lewis hat einen Scheißjob gemacht"), der das Opfer von Vettels Fehler war, zeigt Lewis Hamilton sehr deutlich, dass einem Klassenbesten selten übermäßig viel Mitleid entgegengebracht wird. Beschweren muss er sich darüber auch nicht, schließlich ist er selbst auch wenig zimperlich. Womit er exakt die Tugenden erfüllt, die einen echten Champion ausmachen. Bernie Ecclestone hat längst bemerkt: "Wenn Lewis den Helm von Michael Schumacher aufsetzen, könnte man denken, da fährt Schumi." Und der ist auf seinem Weg, Sportgeschichte zu schreiben, bekanntlich auch keiner Kontroverse aus dem Weg gefahren.


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