Großer Preis von China Hamilton verzockt sich


Erster Ausfall, erster Fehler - Lewis Hamilton hat die erste Chance verpasst, jüngster Formel-1-Weltmeiser der Geschichte zu werden. Jetzt muss er in zwei Wochen in den Dreikampf.
Von Elmar Brümmer, Shanghai

Den Taifun Krosa, der an der Küste Chinas tobt, braucht die Formel 1 gar nicht, sie macht ihren Wirbel mit Vorliebe selbst. Und wie: Kurze Schauer beim Großen Preis von China reichen, um das nächste Drama in dieser an Sensationen und Skandalen nicht gerade armen Saison aufzuführen. Der historische Moment beim Großen Preis von China findet nicht auf dem Siegerpodium statt, sondern im Kiesbett der Boxeneinfahrt. Hamilton und McLaren-Mercedes wird nicht nur das Schmuddelwetter zum Verhängnis, sondern auch der eigene Ehrgeiz. Sie fahren auf Sieg, obwohl sich schon lange vor dem Ausfall in der ominösen Runde 31 der rechte Hinterreifen in Einzelteile aufzulösen beginnt.

Vorbeigekommen aber war nur Räikkönen, und genau eine Stunde lang durfte sich Hamilton schon als jüngster Weltmeister der Geschichte fühlen. Aber in der einmal mehr durch die Wetterverhältnisse völlig unübersichtlichen Situation hoffen sie, dass der Pneu auf der abtrocknenden Piste noch hält. Und vor allem, dass gleich der vorhergesagte richtige Schauer einsetzt. Dann würde man gleich die richtigen Regenreifen aufziehen, hätte einen Stopp gespart - und allen ein Schnäppchen geschlagen. So aber kann Hamilton, bevor er ins Flugzeug nach London steigt, nur klein beigeben, nachdem zwölf Punkte Vorsprung dahin sind: "Die Strategie wäre perfekt gewesen, wenn ich den Fehler nicht gemacht hätte. Eine bittere Enttäuschung für mich und das Team. Aber auch das ist Teil des Lernprozesses. Aber keine Angst, ich kann zurückschlagen."

200. Ferrari-Sieg

Der Poker geht nicht auf, die Titelvergabe, die Lewis Hamilton klarem Vorsprung und von der Pole-Position aus beinahe entspannt angehen konnte, muss auf das Finale in Brasilien vertagt werden. Kimi Räikkönen und Fernando Alonso, das ist die zusätzlich bittere Ironie des Doppelfehlers von Hamilton und seinem Team, fahren eine Runde später zum Wechsel und schaukeln das Rennen bequem nach Hause. Für den Finnen ist es der fünfte Sieg, der 200. überhaupt für Ferrari, und er hat beste Außenseiterchancen: "Ich brauche Glück, ein ungewöhnliches Rennen - aber wie man heute gesehen hat, kann in der Formel 1 alles passieren."

Drei Piloten innerhalb von sieben Punkten - Hamilton (107), Alonso (103), Räikkönen (100) - seit 1986 hat es um die Titelvergabe keinen solchen Dreikampf mehr gegeben. Der wird sich, dazu muss man kein großer Prophet sein, noch dramatisch zuspitzen. Vor allem natürlich neben der Strecke, wie zuletzt schon ausführlich geprobt.

Misstrauen und Hass

Einen Matadoren wie Alonso gab es wohl noch nie: Wenn der Spanier Glück und McLaren-Mercedes Pech hat, dann holt einer den Titel für die Silberpfeile, den nichts mehr außer Misstrauen und Hass mit seinem Noch-Arbeitgeber verbindet. Die Anwälte des Teams waren schon alarmiert. Der Titelverteidiger unterstellt dem Rennstall nach seinem vierten Platz in der Startaufstellung und 0,6 Sekunden Rückstand auf Hamilton in der schnellsten Runde eine ominöse Benachteiligung. Beweise blieb er schuldig, Beleidigungen nicht: "Es ist besser zu schweigen als zu lügen. Das hätte sich Ron auch öfter zu Herzen nehmen sollen, dann würde es dem Team besser gehen. Es geht so viel gegen mich, was sie sagen, was sie tun."

McLaren-Chef Ron Dennis und Mercedes-Sportchef Norbert Haug müssen sich noch zwei Wochen beherrschen, dann können sich die Wege trennen. Wenn der Feind im eigenen Bett tatsächlich siegen würde, wäre es die Krönung eines kuriosen Rennjahres. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht.


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