HOME

Großer Preis von Italien: Hamilton will Ferrari ins Herz treffen

Vor dem Großen Preis von Italien in Monza ist die Stimmung aufgeheizt: McLaren-Mercedes und Lewis Hamilton fühlen sich durch die Aberkennung des Sieges beim Großen Preis von Belgien ungerecht behandelt. Deshalb gilt jetzt nur eines: In der Heimat von Ferrari wollen die Silbernen zurückschlagen.

Von Elmar Brümmer, Monza

Monza braucht kein eigenes Motto. Wenn die Formel 1 ins Autodromo Nazionale kommt, wo das Herz Italiens rast, gilt automatisch: Il Spettacolo! Beim Großen Preis von Italien, dem Europaabschied für diese Saison, kochen noch einmal alle Rivalitäten des ganzen Rennjahres hoch. Und immer ist dabei Ferrari verwickelt. Brisanter als an diesem Wochenende geht es eigentlich kaum: Nur fünf Tage, nachdem Lewis Hamilton in Belgien wegen seines umstrittenen Überholmanövers nachträglich der Sieg aberkannt und dieser Felipe Massa zugesprochen wurde, kommt es zur Revanche. Die wird nicht allein auf der schnellsten Strecke im Kalender ausgetragen – die Ausweitung der Kampfzone schließt das Fahrerlager im Königlichen Park mit ein.

Just in dem Moment, in dem der nachträglich um den Sieg gebrachte Lewis Hamilton seine Sichtweise der Dinge darlegt, verschwindet die Sonne über dem Königlichen Park von Monza. Das strahlende Silber der noblen Behausung von McLaren-Mercedes im Fahrerlager wird zu einem stumpfen Grau. Kriegsschiffgrau. Aber drinnen ist es friedlich, wenn jemand das Wort "Skandal" in den Mund nimmt, flüstert er es nur. Zwei Ingenieure tun sich an italienischer Pasta gütlich, das wird trotz aller Differenzen mit Ferrari ja noch erlaubt sein. Ein Conferencier kündigt das verbale Warm-Up zum Abschied der Europasaison an: "Bringt ihn herein!" Die Stimmung heizt sich auf. Rote Ecke, silberne Ecke. Wie gehabt. Von jetzt an wird mit härteren Bandagen gekämpft, die Rennkommissare letzten Sonntag in Belgien haben mit ihrer Zeitstrafe für Hamilton im Überholduell mit Kimi Räikkönen nicht gerade zur Deeskalation beigetragen.

Formel 1 zwischen Verfolgungswahn und Verschwörungstheorien

Die Formel 1 zwischen Verfolgungswahn und Verschwörungstheorien, da fühlt sie sich am wohlsten. Den offiziellen Ferraristi ist wichtig, dass die Kommissare des Automobilweltverbandes auf eigene Initiative ermittelt haben, als Hamilton die Bus-Stop-Schikane in Spa abkürzte. Angeblich soll es aber doch eine E-Mail vom roten Kommandostand aus gegeben haben. McLaren-Mercedes wiederum verweist darauf, man habe von Renndirektor Charlie Whiting bestätigt bekommen, dass Hamilton sich korrekt habe zurückfallen lassen. So geht das jetzt seit Tagen, eigentlich sogar seit Jahren. Schon vor dem Spionageskandal im letzten Herbst haben sich die beiden dominierenden Rennställe des letzten Jahrzehnts das Leben auch neben der Piste immer schwer zu machen versucht.

McLaren-Mercedes hat inzwischen offiziell Protest gegen die Entscheidung der Stewards eingelegt, Hamilton 25 Strafsekunden für das Abkürzen einer Schikane und die daraus resultierende Vorteilsnahme aufzubrummen. Großzügig wie der Automobilweltverband Fia auf seine Art ist, wird über den Einspruch vor dem nächsten Rennen in Singapur beraten werden. Das ist klug, bevor die Spekulations-WM überhand nimmt. Allerdings urteilen die Berufungsrichter selten, und nur bei klarer Faktenklage anders als die Tatsachenentscheider an der Piste. Genau diese Fakten sind umstritten. Einstweilen müssen sich ohnehin alle am aktuell korrigierten Punktestand orientieren, Lewis Hamilton führt vor dem 14. von 18 Läufen nur noch mit 76:74 Punkten vor Massa – statt mit 80:72. Auf Messers Schneide!

Hohn und Spott für Räikkönen

Lewis Hamilton versucht im Rahmen seiner Ein-Mann-Talkshow alles, um den Eindruck von Revanchismus zu vermeiden. Am glaubwürdigsten ist der WM-Führende aber, wenn er mit fester Stimme und ebensolcher Überzeugung sagt: "Ich will sicherstellen, dass das Urteil keine Auswirkung auf meine Titelchancen hat. Deshalb werde ich weiterhin attackieren!" So paradox, so kontrovers erscheint die Formel-1-Welt: Der laut Regelhütern unzulässige Vorteil, den sich Hamilton verschafft haben soll, gerät plötzlich zum Sympathiebonus. McLaren-Mercedes kann sich, egal wie die restlichen fünf Rennen ausgehen, bereits wie ein moralischer Champion feiern lassen. Hamilton findet, juristisch gut vorbereitet, im verbalen Warm-up von Monza die Ideallinie zwischen Kampfansage und (bitterem) Spott. Über das ursächliche Manöver mit Kimi Räikkönen höhnt er: "Wenn er nicht den Mut hat, spät zu bremsen, ist das sein Problem. So fährt er eben." Der Weltmeister ein Frühbremser? An Räikkönen perlt die Anmache ab: "Es gibt Regeln auf der Strecke. Aber ich bin froh, dass ich nicht derjenige bin, der sie interpretieren muss. Ansonsten kann jeder seine Meinung haben, das kümmert mich nicht."

In einem angenehmen Sarkasmus urteilt Hamilton auch über den entscheidenden Punkt bei seiner Verurteilung – wie weit er sich nach seiner Abkürzung hinter dem Finnen hätte zurückfallen lassen müssen: "Vielleicht eine ganze Runde...?" Unter den Piloten bekommt Hamilton längst nicht so viel Verständnis wie von einer breiten Masse der Fans und der Kommentatoren. Der alte Rivale Fernando Alonso ließ - wenig überraschend - ausrichten, dass Auslaufzonen der Sicherheit dienen und nicht zum Überholen da sein sollten... Allerdings halten die meisten Fahrer das Strafmaß für zu hart. Um die Moral der Truppe von McLaren-Mercedes zu heben, sind am Montag alle Mitarbeiter versammelt worden. Tenor der Ansprache: "Wir dürfen uns durch nichts ablenken lassen. Aber wir dürfen trotzdem zeigen, dass uns Unrecht getan wurde." Jetzt erst recht, das macht Hamilton perfekt: "Ich hege keinerlei Rachegefühle. Und ich werde auch nichts an meiner Herangehensweise an dieses Rennen ändern. Ich werde mir das Herz aus dem Leib fahren..."

Für den Großen Preis am Sonntag ist wieder Regen angesagt, am Freitag musste schon das erste Training abgebrochen werden, weil die Boxen voll gelaufen waren. Und nach der Startgeraden kommen gleich zwei Schikanen, in denen sich prima abkürzen lässt. Macht nur weiter so!

Wissenscommunity