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Interview mit Haug: "Man muss nicht Einstein sein, um auf Schumi zu kommen"

15 Jahre habe er die Idee, Michael Schumacher zu engagieren, "als Stehsatz im Kopf" gehabt, sagt Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug. Nun ist ihm der Coup gelungen. Im Interview spricht er über Schumachers Alter, seine Fitness - und was ihn zu Mercedes gelockt hat.

Was für ein Weihnachtsgeschenk! Wie haben Sie denn nach der Sensationsnachricht so kurz vor Heiligabend die Feiertage verbracht - und hätten Sie sich überhaupt noch was Besseres vorstellen können?
Wie immer - ganz entspannt und ganz privat zu Hause. Es ist sehr schön, dass wir innerhalb der letzten fünf Wochen nacheinander den Kauf unseres Formel-1-Teams Mercedes Grand Prix, die Verpflichtung von Nico Rosberg, die Partnerschaft mit unserem Titelsponsor Petronas und schließlich - einen Tag vor dem Weihnachtsfest am 24. Dezember - das Engagement und Comeback von Michael Schumacher bekanntgeben konnten. Als Folge war medial in diesen fünf Wochen zwischen 16. November und 24. Dezember in TV, Zeitungen, Radio und Internet noch weitaus mehr geboten als während fünf Wochen innerhalb einer spannenden Formel 1-Saison.

Wie, wo und wann entstand die Idee, auf Michael Schumacher zuzugehen und den Vorstoß zu wagen, ihn zu verpflichten?
Die Idee stand stets als Stehsatz in meinem Kopf - schon über 15 Jahre lang. Aber man muss ja auch nicht gerade Albert Einstein sein, um draufzukommen, dass es das Beste wäre, den Mann zu verpflichten, der die meisten WM-Titel und -Rennen gewonnen hat. Es muss allerdings der Zeitpunkt passen. Bei drei Gelegenheiten zuvor zwischen 1995 und 2005 hatte der nicht gepasst. Jetzt passte der Zeitpunkt und ohne unseren Teamchef Ross Brawn, unter dessen Regie Michael seine sämtlichen sieben Titel - zwei bei Benetton und fünf bei Ferrari - gewann, wäre seine Verpflichtung nie möglich gewesen. Michael kommt von Mercedes-Benz, war 1990 und 1991 einer unserer Mercedes-Junioren - und er hat nie vergessen, dass wir 1991 maßgeblich halfen, sein Formel-1-Debüt zu ermöglichen.

Mussten Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?
Man kann Michael Schumacher nicht zu einem Comeback überreden. Ross sprach mit ihm, wir hatten das zuvor besprochen und Michael war bei der vorliegenden Konstellation Mercedes-Silberpfeil-Werksteam/Teamchef Ross Brawn/Mercedes-Benz als Teambesitzer und Verantwortlicher sehr rasch Feuer und Flamme. Ich denke, alle, die seine Interviews nach der Ankündigung im Fernsehen sahen, haben bemerkt, wie authentisch begeistert und voll energiegeladener Vorfreude er ist. Und das freut mich ungemein.

Wenn man die in Medien kolportierten sieben Millionen Euro pro Jahr betrachtet, wäre das ja ein Schnäppchen für einen siebenmaligen Weltmeister, der für seine Beratertätigkeit bei Ferrari fünf Millionen kassiert haben soll...
Noch haben wir gar nichts bezahlt, der Vertrag beginnt im neuen Jahr. Der mediale Gegenwert weltweit beträgt aber bereits jetzt leicht ein Hundertfaches dessen, was Sie als Zahl nennen - die ich natürlich nicht kommentieren werde. Ich denke, es gab beispielsweise am 23. Dezember keine Haupt-Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen, die nicht als Auftaktmeldung minutenlang über Schumacher, Comeback, Mercedes und Silberpfeil berichtete. Insgesamt waren das an anderthalb Tagen über 90 Millionen TV-Kontakte! Das ist einmalig in der Geschichte des Sports und wird - vielleicht - erst dann überboten werden, wenn die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft nächstes Jahr in Südafrika Weltmeister werden sollte - was ich natürlich hoffe.

Warum gleich drei Jahre - immerhin wird Michael Schumacher dann am Ende stolze 43 Jahre alt sein?
Ich glaube nicht, dass viele seiner künftigen Rivalen annehmen, sie hätten Michael fitnesstechnisch im Sack. Wer die Lage richtig einschätzt, weiß, dass Rubens Barrichello in diesem Jahr mit 37 um den WM-Titel kämpfte. Warum sollte der um drei Jahre ältere Michael das nicht können - vorausgesetzt natürlich wir bauen ihm ein Auto, das dazu in der Lage ist?

Wie schätzen Sie das Duell der Generationen ein - Sebastian Vettel zum Beispiel ist 22, Schumachers neuer Teamkollege Nico Rosberg 24 Jahre alt?
Generationenkämpfe gab es schon immer in der Formel 1. Dort zählt nicht nur Jugend und Kraft wie beim 100 Meter-Sprint, sondern Erfahrung, Cleverness, Ausdauer, technischer Durchblick, Rennwitz - die Formel 1 ist kein Zehnkampf, sie ist ein Tausendkampf - und Michael hat all jene Faktoren, die man braucht, um erfolgreich zu sein. Nico Rosberg hat Großes vor sich, davon bin ich überzeugt - auch er hat’s drauf. Und dass es Sebastian Vettel draufhat, hat er ja bereits bewiesen. Also wird’s spannend und viele Deutsche mischen mit und der Mercedes-Silberpfeil wird das auch tun. Blendende Aussichten also für alle Formel-1-Interessierten und das obwohl BMW und Toyota jüngst plötzlich überraschend ausgestiegen sind. Trotzdem werden die Grundvoraussetzungen für eine großartige Saison jetzt besser als jemals zuvor in der Geschichte der Formel 1 - und bei dieser Einschätzung wird mir auch nicht Bernie Ecclestone widersprechen, der mehr als doppelt so lange in der Formel 1 ist wie ich.

Was gibt Ihnen die Zuversicht oder sogar Gewissheit, dass Michael und Mercedes das gemeinsame Ziel erreichen können, ganz vorne mitzufahren?
Auch weiterhin gibt’s keine Prognosen von mir. Das ist Zeitverschwendung und wer in der Formel 1 Zeit verschwendet, ist zu langsam. Wir haben die Zielsetzung, um Siege und Titel zu fahren und das hat sich in den letzten zwölf Jahren nicht geändert. Wir gewannen in diesem Zeitraum mit Partner McLaren mehr als jedes vierte Formel-1-Rennen und vier Weltmeistertitel. Daran wollen wir mit unserem Silberpfeil-Werksteam anknüpfen.

Fürchten Sie nicht, dass der mit Abstand erfolgreichste Formel-1- Pilot gegebenenfalls seinem Ruf schaden könnte, wenn es dann doch nicht so läuft und er sich für drei Jahre verpflichtet hat?
Ich fürchte, dass Ihnen in diesem Fall ziemlich kritische Geschichten einfallen würden. Ein weiterer Grund also, dass wir das verhindern wollen, aber - Spaß beiseite - wir unterschätzen die Herausforderungen natürlich keineswegs und wissen wie extrem hart der Wettbewerb in der höchsten Spielklasse des Motorsports ist.

Welche Ausmaße wird der Schumi-Hype annehmen: Zurück nach über drei Jahren Pause und dann auch noch im Mythos Silberpfeil?
Ich habe das Gefühl, dass Michael, Nico und unser Mercedes-Silberpfeil-Werksteam große Begeisterung auslösen können. Diese wird steigen, sollte es uns gelingen, dass keiner vor uns fährt - aber wie gesagt: Dies ist das Ziel und keine Prognose...

Wann werden die Fans Michael Schumacher erstmals im neuen Dress und mit dem neuen Team erleben?
Lassen Sie und Ihre Leser sich überraschen - es wird noch im Januar der Fall sein.

Jens Marx, DPA / DPA

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