Kolumne Montreal Horror-Film mit Happyend

Durchatmen, aufatmen, ausatmen: Die Körperfunktionen sind wieder normal, seit die Formel 1 an der schlimmsten Katastrophe seit dem Tod von Ayrton Senna 1994 vorbeigeschlittert ist. Obwohl der Unfall von Robert Kubica glimpflich ausging, überschattete der Schock den ersten Triumph von Lewis Hamilton.
Von Elmar Brümmer, Montreal

Robert Kubica war nur noch eine weiß-blaue Billard-Kugel, nachdem sein Rennwagen auf das Heck von Jarno Trullis Toyota aufgefahren, dann in eine Mauer geprallt war, anschließend auf dem Grünstreifen fast abhob, spektakulär quer in den nächsten Mauervorsprung krachte, sich überschlug und kaum gebremst quer über die Piste im stumpfen Winkel in die Leitplanken einschlug. Sequenzen aus einem Horror-Film namens Kanadischer Grand Prix.

Lenksäule klappte zusammen

Nichts mehr außer dem Cockpit blieb heil am Boliden des Polen, selbst die Sicherheitszelle war lädiert. Kein Wunder, an der Stelle, an der es fast zur Katastrophe gekommen war, beschleunigen die Autos im siebten Gang auf über 280 km/h. Getestet werden die Autos auf Belastungen von 25 g, geschätzt wird die Kraft bei Kubicas Einschlag auf 80 g. Die Maßeinheit g markiert die Belastung eines Körpers durch Beschleunigung. Bei Fahrgeschäften in Deutschland darf die Belastung der Passagiere sechs g nicht überschreiten, ab acht g sind beim Menschen Schleudertraumata möglich. "Ich habe noch nie etwas Schlimmeres gesehen", stammelte BMW-Teammanager Beat Zehnder. Und bekannte: "Ich möchte fast behaupten, dass wir ohne das Nacken- und Rückenschutzsystem 'Hans' wohl Abschied hätten nehmen müssen von Robert.“ Unter den Extrembelastungen funktionierte die Sicherheitstechnik vorbildlich, die Lenksäule klappte in sich zusammen, das innen ausgeschäumte Cockpit absorbierte die Schläge vom Körper. Seit 2002/2003 sind diese Schutzmaßnahmen Pflicht. Nur deshalb war der Pole noch im Streckenkrankenhaus nach kurzer Bewusstlosigkeit schon wieder ansprechbar, konnte alle Gliedmaßen bewegen, auch die erste Information von Bein- oder Knöchelbrüchen bewahrheitete sich nicht. "Wir haben heute doppelt Grund zur Freude", sagte BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen: "Einmal durch den zweiten Platz von Nick, und einmal durch den glimpflichen Ausgang bei Roberts Unfall. Es war das emotionalste Rennwochenende unseres jungen Teams." Im schlimmsten denkbaren Fall setzen sofort noch ganz andere Mechanismen ein, würde plötzlich das ganze Rennsport-Engagement eines Automobilkonzerns auf dem Prüfstand stehen.

Randsteine eine stete Gefahr

Nick Heidfeld, der über das Bulletin Kubicas mindestens so froh war wie über den für die anstehenden Vertragsverhandlungen so wichtigen zweiten Platz, war der Horror-Crash ebenfalls in die Glieder gefahren: "Ich würde mir wünschen, dass man noch mal darüber nachdenkt, in welche Richtung die Formel 1 geht. In jedem Fall muss weiterhin so viel für die Sicherheit getan werden wie bisher.“ Was der Mönchengladbacher damit meint, ist die nicht umunstrittene Ausweitung des Rennkalenders auf Straßenkurse - im kommenden Jahr stehen die Premieren Valencia und Singapur auf dem Programm. Noch weiß keiner, wie sicher diese Pisten überhaupt gemacht werden können - auch auf dem nicht permanenten Kurs in Kanada waren die hohen Randsteine eine stete Gefahr. Ewig kann die Formel 1 nicht ewig darauf hoffen, dass es nur bei Schrecksekunden bleibt.


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